Berlin - Es gibt Bands, denen verzeihen ihre Fans wahrscheinlich alles. Nicht nur die Fans, die zu der beinharten Sorte gehören, sondern auch die, die nur von der frühen Phase überzeugt sind oder nur von der späten, oder nur von den Nummer Eins-Hits, nur vom Punk, nur vom Rock, nur vom Pop oder von der übertriebenen Albernheit. So eine Band, die alle diese Sorten Fans versammelt, sind die Ärzte.

Am Montagabend spielte das Berliner Trio aus Bela B., Farin Urlaub und Rodrigo Gonzales das siebte von dreizehn Berlin-Konzerten ihrer Tour „MMXXII“ in der Zitadelle Spandau. In dem Bezirk haben sie seit Anfang der 80er-Jahre nicht mehr gespielt. Die Tour fällt zusammen mit dem 40-jährigen Bestehen der Band, die drei gehen heute alle mehr oder weniger schnell auf ihre 60sten Geburtstage zu (Rod ist mit 54 der jüngste). Und die Tour ist Auftakt für eine Stadiontour mit 20 Auftritten in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Bis auf einen Termin im August auf dem Tempelhofer Feld sind alle Auftritte ausverkauft.

Für das Open-Air-Konzert in der Zitadelle wurden 10.000 Karten verkauft, plus 1000 Karten über die Gästeliste, verrät ein Security-Mensch in neongelbem Jäckchen kurz vor dem Einlass um 16 Uhr. Die Schlange der Ticketbesitzer erstreckt sich von dem mehrspurigen Eingang in die Backsteingemäuer der Zitadelle bis zur Juliusturmbrücke, die über die Havel führt. In der Schlange steht einiges beieinander: Beatsteaks-Logos und Rammstein-Shirts, Jutebeutel von Rock am Ring und Wacken oder Buttons von der Antifa. Schiebermützen, Dreadlocks, graue Kurzhaarschnitte. Und nicht zählbare Shirts von vergangenen Touren der Ärzte, von „Unrockstar“ (2004), „Die Besten“ (2008), „das Ende“ (2012).

Roland Owsnitzki
Gut gelaunt beim Heimspiel: Bela B. und Rod.

Es gibt Fans, die ihren Idolen wahrscheinlich einiges durchgehen lassen, oder die sie, wie im Falle der Ärzte vielleicht gerade wegen des ganzen Quatschs so lieben, denn sie haben ja nie versprochen, etwas anderes zu sein, als eine außerordentlich gut gelaunte Band mit einem Gespür für die musikalische Gegenwart, viel Witz und einer Ahnung davon, was politisch wichtig ist.

Auf einem Geländer am Zitadellengraben hockt vor Konzertbeginn Thilo, 39, aus Reinickendorf mit einem Kumpel, der zwei Tickets in die Höhe hält. „Für 40 geben wir sie ab, aber drunter geht nicht“, sagt Thilo. Er trägt ein Shirt mit der Aufschrift „Beste Band der Welt“ und der Faust, die ein Nazi-Symbol zerschlägt. Als ihm ein Interessent die Tickets – Thilos Frau und die Tochter seines Freundes sind krank geworden – für 25 Euro abschwatzen will, verhandelt er nicht weiter: „Eher falte ick daraus ein Boot und lasset den Fluss runter schippern“, sagt Thilo.

Die Berliner Club-Tour der Ärzte war ausverkauft

Er sei Fan „seit er denken kann“, die Alben, sagt er, „dat läuft im Prinzip immer rauf und runter“, da verkauft er doch jetzt nicht die Tickets unter Wert. Wie findet er die neuen Alben – „Hell“ (2020) und „Dunkel“ (2021)? „Nicht schlecht, keine Frage“, so Thilo. Mehr Album-Kritik ist nicht aus ihm herauszubekommen. „Es ist jedes Mal was anderes. Die sind einfach so, die machen, worauf sie Bock haben“, sagt er, und bestätigt mit einem Nicken: Die Ärzte können ihn gar nicht enttäuschen.

Drinnen im Spielort – Festung mit Büdchen-Rummel, Bratwurst, Bier aus Plastikbechern, Dixie-Klos – noch immer vor Konzertbeginn, um 17 Uhr, steht vor dem Merchandise-Stand Lukas, der 31-Jährige ist aus München angereist.

Für die Club-Tour durch Berlin, die ersten sechs Konzerte, bei denen die Ärzte seit Anfang Mai vor je ein paar hundert Leuten spielten, hat er keine Karte mehr bekommen. So schnell war der Vorverkauf beendet, Lukas schnipst bloß mit den Fingern, um zu demonstrieren, wie schnell. „Keine Chance“, sagt er.

Er hat sich gerade das neue Tour-Shirt gekauft. Auf dem Rücken stehen die aktuellen Daten, vorne grinst eine freundliche Comic-Schnecke. Lukas hat damals, 1999, das „Planet Punk“ Album zum Fan gemacht. „Mich hat das ‚Konzept Ärzte‘ einfach rumgekriegt“, sagt er. Seitdem hat er über 20 Konzerte gesehen. Die neuen Alben findet er: gut, wie alles, sagt er. „Ich bin ein bedingungsloser Fan“.

Roland Owsnitzki
Bei der Arbeit: Schlagzeuger Bela B.

Was die Schnecke angeht, hat Lukas eine eigene Theorie, und zwar dass sie eine Parodie auf die Corona-Politik der Regierung sei. Denn die Schnecke tauchte im Frühjahr 2021 auf der Homepage der Band auf, als Animation versperrte das Comic-Wesen die anderen Funktionen der Internetseite und kroch einen Comic-Berg hinauf, sagt Lukas. Ein paar Wochen später kündigte die animierte Schnecke dann das neue Album „Dunkel“ mit einem Hinweis an. Jetzt ist sie sowas wie das neue Maskottchen, die neue Gwendoline, vermutet ein anderer Fan, Vanessa, 32, auch aus Reinickendorf. Sie findet die Schnecke eher „nichtssagend“. Aber das tut ihrer großen Liebe für die Band keinen Abbruch, schiebt sie schnell hinterher.

Bela B. und Farin Urlaub sagen die Vorband „Großstadtgeflüster“ an

Sicher hören nicht alle Fans die 14 Alben der Bandgeschichte ohne Kritik, manchen wurden die Platten mit Jahren „schwächer“, sagt einer, der sich Jörgi nennt. In der Zwischenzeit sind die Ärzte trotzdem so etwas geworden wie ein Berliner Kulturgut.

Dann ist das Geplauder aber auch vorbei und zum ersten Mal stehen Bela B. und Farin Urlaub um 18.01 Uhr auf der Bühne. Ein Teil des Publikums hat sich unter den umstehenden Bäumen verkrochen, es regnet. Aber als die zwei Bandmitglieder die Vorband ansagen – „Großstadtgeflüster“ – und ein bisschen das Wetter beschimpfen, kommen die Leute hervor und bewegen sich in Richtung derer, die sich vor der gewaltigen Bühne bereits aufgebaut haben und vom Wetter ohnehin nicht wegbewegen lassen.

Die Berliner Elektro-Pop-Band springt auf die Bühne und entscheidet mit dem wuchtigen Song „Auf Alles“, dass der Abend beginnt. Um 18.04 Uhr gehen die Scheinwerfer an und der Regen hört auf. Aufgeregt sei sie, ruft die Sängerin Jen Bender ins Mikrofon, immerhin seien sie heute die zweitbeste Band der Welt. Sie spielen den rotzigen Gute-Laune-Song „Fickt Euch Allee“. Lange gab es Konzerte in dieser Größenordnung nicht, vor der Bühne sieht das Publikum winzig aus. Großstadtgeflüster tut, was es tun muss, und bietet den Wartenden einen Takt und einen Beat zum Aufwärmen an.

Um 19.09 Uhr klingt dann mit „Gute Nacht“ der erste Song der Ärzte an, was widersinnig klingt, es aber nicht ist – das „Konzept Ärzte“, da ist es. Ein schwarzer Vorhang fällt, da steht die Band, die Menge johlt, die Band spielt „Noise“ – die Menge hüpft und für die nächsten zweieinhalb Stunden schwankt und springt und singt sie mit. Selten hat ein Publikum so viel gegrinst.

Das könnte ein Effekt des Abends sein, der Nostalgie, weil endlich wieder Konzerte sind, oder dem „Konzept Ärzte“, der sanften Mischung aus den alten und den neuen Songs, der kratzigen und der harmonischen Töne, oder der Witze, die Farin Urlaub über Bela B. – „der berühmteste Spandauer der Welt“ – macht. Oder der Witze, die Farin Urlaub über Rod Gonzales – „das mit dem Fresse halten ist mehr Rods Ding“ – macht. Oder an Farin Urlaub selbst. Der hier einen Dudelsack auspackt und da einen Synthesizer, und auch wenn beides schrecklich kreischt, dankt es ihm das Publikum mit mehr Applaus.

Als es noch hell ist, spielen die Ärzte die neue Single - „Dunkel“

Zwischendurch wechselt die Band die Positionen und die Instrumente, von links, nach rechts, den Bass, die Gitarre und das Schlagzeug durch, die drei spielen sich im Zwischengeplapper die imaginäre Bälle zu, und lassen sich dabei niemals gegenseitig ausreden. Sie spielen „Hip-Hip-Hurra“ – den Wende-Song. Als es noch hell am Himmel ist, spielen sie die neue Single: „Dunkel“ – und als es dunkel wird, spielen sie: „Der Himmel ist blau“.

Um kurz vor 21 Uhr ist zum ersten Mal Schluss. Die Zugabe-Rufe dauern nicht lang, da kommt die Band zurück, und singt „Unrockbar“. Zweiter Schluss, 21.09 Uhr. „Bis morgen in der Wuhle“, sagt Farin Urlaub.

Nix da, um 21.12 Uhr beginnt die zweite Zugabe. Und in der letzten halben Stunde kramen die Ärzte dann den Anti-Nazi-Song „Schrei nach Liebe“ aus, weil sie „die AfD einfach kacke“ finden, organisieren einen Mini-Moshpit in der Mitte der Menge. Und sehen aus, als hätten sie immer noch unendlich Spaß. Um 21.39 Uhr ist es dann zum dritten Mal und wirklich vorbei. Die Besucherinnen und Besucher schieben sich in Schüben an den Wurst- und Bierbuden vorbei und über die Zitadellenbrücke hinweg.

Lukas aus München ist unbeirrt begeistert, er fand das Konzert war „großartig“. Es wirkt, als ob ihn allein die Frage wundert. Im herausströmenden Publikum ist er nicht der Einzige, der noch nicht aufhört, zu grinsen. Einen Haufen grölender Typen in der U-Bahn muss man da vielleicht wirklich verzeihen, solche Fans passieren wohl auch den Besten.