Berlin - Als wir Kinder waren, haben wir unterwegs gerne ein Spiel gespielt. Es hieß „Wer am meisten liest“. Das Spiel geht so: Man schaut zum Auto-, Bus- oder Tramfenster hinaus und liest alle Wörter vor, die man findet. Straßenschilder, Reklametafeln, Namen von Geschäften, Plakate, Graffitis – alles, was Buchstaben hat. Man kann das Spiel auch im Gehen spielen, aber dann fällt ein reizvoller Aspekt weg: das Tempo.

In einem fahrenden Gerät muss man schnell sein. Und erst dadurch entsteht das köstliche Durcheinander von überhaupt nicht zusammenpassenden Begriffen und Sätzen, mehrstimmig runtergerattert bei steigendem Geräuschpegel und endend in großem Gelächter.

Das Spiel habe ich lange nicht mehr gespielt, aber ich denke immer dann daran, wenn mir auffällt, wie viel man unterwegs liest. Überall sind Wörter. Betreten den Kopf und machen sich da breit, die meisten willkommen, manche nicht. Auf zwei großen Plastiktaschen las ich neulich „Haute Cotüte“ und musste sogar kurz lachen. Dieses spezielle, hustenartige Lachen, mit dem man sich von einem schlechten Wortwitz befreit. Leider hat es nicht geklappt, das Wort fällt mir seitdem ein, wenn ich große Plastiktaschen oder schlechte Wortspiele sehe. Und an denen herrscht ja kein Mangel in den Straßen.

Manchmal setzen Wörter auch Assoziationsketten in Gang, an deren Ende man gedanklich ganz woanders landet. Im Bahnhof Gesundbrunnen, zwischen S-Bahn und U8, sind an den Wänden Reklametafeln angebracht. Eine wirbt für „Mythos Germania“, die Dauerausstellung des Vereins Berliner Unterwelten. Sie beleuchtet den Städtebau in der NS-Zeit, ich aber muss augenblicklich an Nivea-Creme denken, wenn ich die Tafel sehe. Der weiße Schriftzug hat die selbe Typographie. Schuldiger ist aber das Blau darunter. Es ist exakt das Blau der Nivea-Dosen. Pantone 280C. Das weiß ich, weil Beiersdorf wegen dieser Farbe mal vor Gericht gezogen ist.

AfD hat kein Recht auf Blau

Und sofort fallen mir dann die AfD und Frauke Petry ein. Auch die haben juristisch um das Blau gestritten Anfang des Jahres. Weil Petry ihre neu gegründete Truppe „Blaue Partei“ genannt hat und die AfD die Farbe exklusiv für sich beanspruchte. Ich weiß noch, wie heiß mir wurde vor Wut. Soll die Telekom ihr Magenta schützen und Langenscheidt sein Gelb. Aber diese Parteien und ein Recht auf Blau – das geht zu weit. Und überhaupt sollten Farben niemandem gehören dürfen. Farben sind für alle da.

Um das Gegrübel rund um die AfD loszuwerden, führe ich mir also nun – ausgerechnet! – den „Mythos Germania“-Schriftzug vor Augen. Weil ich ja weiß, dass ich dann an etwas anderes denke, nämlich an Creme. Der Streit zwischen Beiersdorf und Unilever ist ein viel kleineres Übel, als der Gedanke, dass diese fiese Partei mit einer anderen fiesen Partei um die schönste Farbe schachert. Doch der Nivea-Trick funktioniert nicht. In wenigen Tagen sind Landtagswahlen in Brandenburg und Sachsen, und hier wie dort geht es umso viel mehr als eine Farbe.