Die Unendlichkeit der „Stunde von Nacht zu Tag“, wie die Dichterin Wisława Szymborska sie nannte.
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BerlinDrüben, auf der anderen Straßenseite, liegt auch jemand wach. Oder hat er oder sie schon kapituliert, ist aufgestanden, um dem Gestrüpp zu entkommen? Jedenfalls brennt Licht. Um vier Uhr morgens.

Gestrüpp, denke ich, trifft es viel besser, dieses Grübeln um vier Uhr morgens. Besser als Kreisdenken, wie ich es bisher nannte. Denn zwar liegt es in der Natur der Vier-Uhr-morgens-Gedanken, dass sie nie zu einem Ergebnis oder gar einer Erkenntnis gelangen. Doch kommt die Unendlichkeit des Kreises viel zu harmonisch daher. Rund eben. Vollständig. Schön anzusehen. Ying und Yang, Ehering, Mond am Firmament, all das.

Die Unendlichkeit der „Stunde von Nacht zu Tag“, wie die Dichterin Wisława Szymborska sie nannte, ist eng und voller Stacheln. „Um vier Uhr am Morgen geht’s niemandem gut“, heißt es später in dem Gedicht. Für Szymborska dauert diese Zeit bis fünf, eine „hohle Stunde“. Das hilft mir nicht. Das Wissen, dass sie immer irgendwann vorbei ist. Dass man 60 Minuten zählen könnte. 3 600 Sekunden. Zu viel zum Nur-Zählen. Zu viel Platz für die Anarchie der Gedanken.

Nachtknoten

Wie viele Menschen wohl wach sind gerade? Nicht weil sie arbeiten oder tanzen oder einander zärtliche Worte in die Ohren flüstern, sondern weil die Stunde sie am Wickel hat? Nicht nur Szymborska hat über sie geschrieben. Sie geistert durch Romane, Comics und Liedtexte und muss sich in ihrer schrecklichen Berühmtheit vor der sogenannten Geisterstunde nicht verstecken. Ich bin sicher, Unzählige in dieser Stadt und anderswo wälzen gerade wie ich. Gesagtes und Nichtgesagtes. Voreiliges und Versäumtes. Vergessenes und Vergessen geglaubtes. Und sich, von links nach rechts auf den Bauch auf den Rücken und von vorn.

Die Lichterkette fällt mir ein, die ich vor zwei Wochen anfangs noch in adventlicher Vorfreude, dann mit schnell wachsender Ungeduld zu entwirren versuchte. Gegen Lichterkettenkuddelmuddel kann selbst der Kabelsalat einpacken. Weil die Lämpchen für zusätzliche Verhakungen und Verknotungen sorgen. Dazu die ständige Angst, sie kaputt zu machen beim Zerren und Ziehen. Auch diesem Wulst aus Schnüren und spitzen Lichtern gleicht das Vier-Uhr-Gegrübel. Lichtern, die nicht leuchten. Man operiert im Dunkeln.

Am folgenden Tag sehe ich mit müden Augen ein Plakat am Alexanderplatz. Die BVG informiert, dass die Haltestelle an der Memhardstraße „der größte Nachtumsteigepunkt im Ostteil der Stadt“ wird. Es folgt eine Auflistung der Nachtbuslinie die vom 15. Dezember an dort halten. Das interessiert mich gar nicht so sehr, denn nachts schlafe ich in der Regel, zumindest bis vier. Was mich elektrisiert, ist die Überschrift: „Nachtknoten zieht um“. Jetzt habe ich es, das Wort, welches von nun an das „Kreisdenken“ ersetzt. Und hoffe, dass mein Nachtknoten es dem der BVG nachtut und umzieht. Und zwar nicht auf die andere Straßenseite, sondern am besten vor die Tore der Stadt.