Sabine Rennefanz
Foto: Ostkreuz/Maurice Weiss

BerlinEs gibt ein Virus, das ist kugelrund und hat Dornen, es überträgt sich über Aerosole, kleine Tröpfchen. Das andere Virus hat keine Dornen und keine Krone, es wird nicht über Tröpfchen weitergegeben, sondern mit Gedanken, Worten. Das Virus und die Virusangst. Man weiß im Moment gar nicht, was größer ist.

Am 131. Tag der Pandemie, gezählt seit dem ersten getesteten Kranken in Deutschland Ende Januar, nieste unser Fünfjähriger in einer Berliner Kita. Er nieste einmal, zweimal, vielleicht sogar dreimal. Womöglich schniefte er auch. Früher wäre das Niesen ein Niesen gewesen, jetzt war es ein mögliches Alarmsignal, eine Warnung, ein Menetekel. Einige Erzieherinnen waren beunruhigt. Brütete das Kind etwas aus? War es krank? Und wenn man heute „krank“ sagt, dann denkt man nicht an einen Schnupfen, sondern an die Kugel mit den Dornen, das Coronavirus, Lungenentzündung, Beatmungsmaschinen.

Das Kind hatte kein Fieber, keinen Husten und zeigte auch sonst keine Anzeichen von dem, was man früher als „krank“ bezeichnet hatte. Es hatte geniest. Niesen gilt nicht als ein typisches Symptom für eine Corona-Erkrankung, das weiß man nach 131 Tagen der Pandemie. Husten und Fieber gelten als typische Symptome. Man weiß aber auch, dass durch Niesen Tröpfchen weiterverbreitet werden können. Daher die Angst.

Im Herbst schnupft die halbe Kita

Beim Abholen sagte eine Erzieherin, dass der Fünfjährige am nächsten Tag eine Bescheinigung vom Arzt brauche, damit er wieder in die Kita dürfe. Das sei die neue Regel. Beim Kinderarzt sitzt eine genervte Ärztin am Telefon. „Hier rufen seit Tagen Dutzende Eltern an, die für die Kita Gesundschreibungen wollen, weil das Kind geniest hat. Das machen wir aber grundsätzlich nicht. Und Niesen ist keine Krankheit“, sagt sie. Wenn sie sich nur noch um gesunde Kinder kümmern würde, hätte sie keine Zeit für die kranken.

Die Angst vor dem Niesen passt in die Zeit: Es fühlt sich alles fast wie früher an, als wäre die Normalität beinahe zurückgekehrt. Restaurants, Fitnessstudios und Hotels darf man wieder besuchen, Kitas öffnen Schritt für Schritt. Ab dem 22. Juni dürfen sie in Berlin wieder alle Kinder aufnehmen und länger aufmachen, das hat der Senat in der zurückliegenden Woche bekannt gegeben.

Es ist aber nicht wie früher, das Virus und die Virusangst sind noch da. Die Angst scheint bei Erziehern und Lehrern besonders ausgeprägt zu sein, größer als zum Beispiel bei Frisörinnen, Krankenschwestern oder Altenpflegerinnen. In manchen Schulen fallen bis zu dreißig Prozent der Lehrkräfte aus, weil sie ein Attest als Risikopatient vorgelegt haben. Sind die Ausfälle in Pflegeheimen eigentlich auch so groß?

Ich kann die Erzieherinnen in gewisser Weise verstehen, sie sorgen sich nicht nur um ihre eigene Gesundheit, sondern um die der anderen Kinder und Kollegen. Sie wollen auch nicht für eine mögliche Infektionskette mit Schließung der Einrichtung verantwortlich sein, weil sie etwas übersehen haben. Sie denken vielleicht an den Herbst, wenn normalerweise die halbe Kita schnupft und hustet. Für viele Eltern ist es normal, erkältete Kinder in die Kita zu bringen. Dieses „Normal“ wird es nicht mehr geben können.

Wir messen die Temperatur des Fünfjährigen, leuchten ihm mit einer Lampe in die Nasenlöcher und achten auf jedes Schniefen. Wir waren vorsichtig gewesen, haben niemanden umarmt, in der Kita Maske getragen, und wenn wir im Supermarkt in der Schlange standen, baten wir darum, Abstand einzuhalten. Hatten wir etwas übersehen? Der Junge nieste auch zu Hause, und wenn ich nieste, dann sagte er: „In den Arm, Mama.“ Alle in der Familie haben Allergien, auch der Fünfjährige. Das konnte dann auch mit der Kita unkompliziert geklärt werden. Im Herbst und Winter werden die Konflikte größer sein.