Berlin - Manchmal klemmt das Fenster in die Vergangenheit. Vor dem Haus in der Görlitzer Straße 74 in Kreuzberg, gleich neben der Shell-Tankstelle, zieht Nicola Andersson ihr Mobiltelefon aus der Tasche und hält es über eine im Boden eingelassene Plakette. Etwas höher, etwas tiefer, dann wischt sie ein paarmal über den Stein, aber die App reagiert nicht. „Das passiert leider manchmal, weil die Schrift verschmutzt ist oder das Metall die Sonne reflektiert“, sagt sie und tippt den Namen ein, der auf der Plakette steht. Sofort öffnet sich eine Seite, die vom Leben Margarete Gäblers erzählt: In Zernsdorf unehelich geboren, arbeitete sie in Berlin als Näherin, besaß sogar ein kleines Geschäft, bevor sie manische Schübe entwickelte, sich mit ihrem Sohn zerstritt, der sie in ein Sanatorium einweisen ließ. Im Oktober 1943 wurde Margarete Gäbler abgeholt und in Obrawalde mit einer Giftspritze getötet.

Nicola Andersson geht jetzt am Görlitzer Park entlang und biegt in die Sorauer Straße ein. Sie erzählt, wie sie vor zehn Jahren nach Berlin kam und im Wrangelkiez, wo sie seitdem wohnt, diese gold-glänzenden Steine entdeckte. „Sie haben mich sofort fasziniert. Ich habe an der Universität von Sussex Geschichte und Anthropologie studiert. Da spielt die Frage, wie wir uns erinnern, natürlich eine Rolle.“ Nicola Andersson ist 35 Jahre alt, ihre Mutter ist Deutsche, ihr Vater Schwede, sie ist in England aufgewachsen, und während des Spaziergangs wechselt sie beim Erzählen ständig vom Englischen ins Deutsche und wieder zurück. Während sie auf dem Bürgersteig nach dem nächsten Stein sucht, zitiert sie einen Satz aus dem Talmud. „,Eine Person wird nur vergessen, wenn ihr Name vergessen wird.‘ Der Satz steht hinter der Idee der Stolpersteine. Aber ich habe festgestellt, dass ich mich auch an die Namen auf Steinen kaum erinnern kann, an denen ich oft vorbeigehe.“

Lesen Sie doch weiter

Erhalten Sie unbegrenzt Zugang zu allen Online-Artikeln der Berliner Zeitung für nur 9,99 € im Monatsabo.

Jetzt abonnieren

Sie haben bereits ein Abo? Melden Sie sich an.

Doch lieber Print? Oder das E-Paper? Hier geht’s zum Abo Shop.