Wie erbittert Nachbarn in Berlin eine Ballettschule bekämpfen

Die Leiterin einer renommierten Ballettschule verzweifelt an behaupteten Ruhestörungen durch Nachbarn und Ämter. Der grüne Stadtrat erließ sogar ein Verbot. 

Wo darf eine Tanzschule in dieser Stadt noch existieren? 
Wo darf eine Tanzschule in dieser Stadt noch existieren? imago/Cavan Images

Vor der Neueröffnung ihrer Ballettschule TanzZwiEt in der Landsberger Allee sprühte die Leiterin Susanne Rinnert vor Optimismus und ließ Nachbarn, Kinder und Eltern daran teilhaben. Alle waren eingeladen, sich die neuen Räume in der früheren Sparkassenfiliale gegenüber dem geschlossenen Schwimmbad SEZ anzusehen. Der neue Schul-Standort sollte der letzte werden, bloß nicht noch mal umziehen!

Susanne Rinnert, 55, wünschte sich gute Nachbarschaft und nie wieder Stress mit dem Vermieter. Doch dann begrüßten sie einige der neuen Nachbarn mit den Worten: Wir werden Ihre Schule verhindern! Wir haben schon ganz andere Sachen verhindert!

Hilfe, was war das denn für ein Auftakt! Die Schule war noch nicht mal in Betrieb, während die Leiterin bereits riesige Summen in den Umbau investierte, 60.000 Euro allein in Schwingböden und Technik. Alle ihre Reserven waren in die neuen Räume geflossen. Dafür zahlt sie 5000 Euro Miete, hat volle Anmeldelisten. Sollte doch noch was schiefgehen?

Ärger an zwei Standorten

Alter Ärger saß Susanne Rinnert noch in den Knochen. Sie hatte ihre frühere Ballett- und Tanzschule TanzZwiEt — TanzZwischenEtage – 1999 in einem leeren Lagergebäude direkt neben dem Haus des Kindes am Strausberger Platz ausgebaut. Die Schule lief hervorragend, dann das Übliche: Nach zehn Jahren wurde die Immobilie verkauft. Der neue Eigentümer, der Sammler und Kunstmäzen Christian Boros, wollte die Ballettschule loswerden, versuchte es über die Miete. Die Gerichtsprozesse zogen sich über acht zermürbende Jahre. 2019 lief der Mietvertrag aus, Rinnert musste ihre Schule entkernen, wieder zu einem Lager zurückbauen und verlassen.

Aber sie hatte ja etwas anderes gefunden. Die neuen Räume liegen an einer der unwirtlichsten und lautesten Ecken der Stadt mit gewaltiger Straßenbahnkreuzung, zugleich in einem Wohngebiet. Beim Ausbau ihrer Räume sorgt sie mit extensiven Dämm- und Isolierarbeiten vor. Aus dem Kursangebot mit Ballett, Salsa, Modern Jazz, Contemporary lagert sie schon vorab rhythmusstarke Kurse wie Hip-Hop und Stepp an andere Standorte aus, in der Landsberger soll es nicht dröhnen. Die Anwohner hören trotzdem was und beschweren sich über Trampeln, Trommeln, Springen. Rinnert: „Die Beschwerdeprotokolle umfassen heute mehr als 60 Seiten. Gemeldet wurden Störungen selbst an Tagen, an denen wir geschlossen hatten.“

Der Lärm

Der Berliner Zeitung liegen drei Lärmgutachten verschiedener Auftraggeber vor. Jedes kostet Tausende Euro und bestätigt, dass alle Geräusche deutlich unterhalb der zulässigen Grenzen liegen. Rinnert lässt trotzdem noch einen Limiter in der Musikanlage installieren, der mögliche Überschreitungen automatisch kappt, zuletzt eine Plombe. Die Musik im Unterricht ist so leise, dass die Ballettlehrerin nicht mal die Stimme heben muss. Wo also lärmt es?

Ich besuche Frau Theodor – Name geändert –, deren Wohnung direkt über dem großen Ballettsaal liegt, hell und freundlich mit Balkon zum Hof. Im Wohnzimmer und im Flur hört man keinen Laut. Nicht die Straßenbahn, nicht die Baustelle im Hof, kein Radio oder sonst ein Geräusch. Es ist still wie in einem schallisolierten Musikstudio. Die Seniorin zeigt ihr Lärmprotokoll dieser Woche und sagt: „Sonst schallt es dumpf immer wieder herauf. Gerade hört man nichts, wohl weil Sie da sind. Das wissen die da unten.“

Nun, „die da unten“ wissen nichts. Draußen auf der Landsberger Allee wartet ein Dutzend Vorschulkinder samt Eltern. Diese dürfen heute ausnahmsweise mit in die Schule, um eine kleine Aufführung ihrer Töchter zu sehen. Der Eingang führt mitten durch den zweiten Ballettsaal, weil die Tür zum Hof nicht mehr benutzt werden darf: Auch da gab es Lärmbeschwerden. Moment mal, Eltern warten an drei Tagen die Woche zwischen 16 und 18 Uhr für ein paar Minuten im Hof auf ihre Kinder und machen dabei Krach? Ja, genau so lauten die Anwohnerbeschwerden und schlimmer: Manche Kinder benutzen sogar noch den Spielplatz! Von Balkonen werden die „Verstöße“ dokumentiert.

Die Eltern wissen, unter welchem „Lärm“-Druck die Schule steht, ärgern sich über die offensive Kinderfeindlichkeit. Ein Vater: „Wir sind immer auf der Hut, halten sogar unsere Kinder an, leise zu sein. Dabei sind manche Anwohner hier einfach schrecklich. Einmal schrie ein Baby, das sich nicht beruhigen ließ. Da wurden gleich obszöne Beleidigungen aus dem Fenster gebrüllt.“ Auch andere Eltern erinnern sich daran. Eine Mutter sagt: „Ich wohne selbst in der Landsberger, im Hof eine Kita. Klar ist da Krach. Ich hätte an freien Tagen nach der Schicht auch gern meine Ruhe. Soll ich das jetzt dem Bezirksamt melden? Dass es die Kita vormittags schließt?“

Der Stadtrat

Das also ist die Situation – und jetzt mal zur Sache. Wegen solcher Lärmbeschwerden verbietet der Stadtrat von Kreuzberg-Friedrichshain Florian Schmidt (Grüne), die Schule sonnabends überhaupt zu öffnen. Ein Tag, der nicht nur für die Wirtschaftlichkeit der Schule zwingend ist, an dem auch alle Wettbewerbe und Bühnenprogramme vorbereitet werden. Noch gibt es eine Duldung. Für die Tür zum Hof, die Rinnert wegen eines fehlenden Notausgangs auf eigene Kosten einbauen musste, spricht Schmidt ein striktes Nutzungsverbot aus, droht mit 5000 Euro Strafe. Kinder müssen also nach dem Training durch den Ballettsaal direkt auf die extrem befahrene Allee raus, statt vom Flur auf den ruhigen Hof. Alles, weil Anwohner behaupten, es sei laut. Da wird nicht ermittelt, da wird ein Bescheid erlassen, und dann ist Ruhe im Amt.

Warum nur hat man den Eindruck, dass jede Spielhalle und jedes Wettbüro in Berlin mit mehr Respekt behandelt wird als diese angesehene Ballettschule – ein gemeinnütziger Verein mit Bildungsauftrag, 400 Schülern, aber ohne Fördermittel und Gewinne?

Susanne Rinnert, Palucca-Schülerin, gefragte Choreografin, beschäftigt hier 15 Lehrkräfte. Sie selbst inszeniert außerdem Tanztheater-Programme für ihre Companies, mit denen sie im In- und Ausland gastiert. Allein im Dezember laufen drei Dutzend Vorstellungen in Kulturhäusern. Ihre Arbeit wurde oft ausgezeichnet, mehrfach ging der Bundespreis „Jugend tanzt“ an sie und ihre Ensembles. Vor allem aber hat ihre Schule über Jahrzehnte Tausenden jungen Menschen Grundlagen musikalischer Bewegung vermittelt. Eltern und Kinder lieben die Schule.

Zählt diese Musik- und Tanzförderung gar nichts in der lokalen Politik? Fragen wir nach im Bezirksamt bei Florian Schmidt, was die Schule eigentlich noch tun muss, um vom Amt Unterstützung zu bekommen, statt mit Verboten traktiert zu werden: Die Antworten bestehen aus einer absurden Floskelflut. Warum also zählen ungeprüfte Beschwerden von Anwohnern mehr als drei qualifizierte Lärmgutachten, eins vom Amt selbst beauftragt? Die Antwort: Die Gutachten „werden auf ihre fachliche Qualität hin geprüft“. Als läge nicht alles längst vor.

Sind hier Verhinderer am Werk? Ist es nicht Aufgabe der Politik auf dieser Ebene, Ruhebedürfnisse gegen Aktivitäten abzuwägen? Interessen zu prüfen und zu vermitteln?

Indessen fühlt sich Susanne Rinnert oft am Rand ihrer Kraft nach mehr als drei Jahren mit Corona, diversen Abwasserhavarien im Block, vor allem mit den offenen Anfeindungen und amtlichen Restriktionen. Ihr Anwalt hofft auf Ergebnisse einer gerichtlichen Mediation im Januar. Dann wird sich zeigen, ob querulantische Nachbarn ihr Ziel, die Ballettschule zu verhindern, tatsächlich aufgeben.