War er wohl jemals in den Pyrenäen? Schwer zu sagen, ob einst schon Chamisso diese Wege gegangen ist. Der Naturforscher und Dichter („Peter Schlehmils wundersame Geschichte“) aus der französischen Champagne, Freund Alexander von Humboldts und E.T. A. Hoffmanns, hat, glaubt man der Literatur, mit seiner Botanisiertrommel, Ende des 18. und zu Beginn des 19. Jahrhunderts, eher exotische Erdregionen wie Alaska, Polynesien oder Hawaii erkundet.

Doch unterstellen wir dem Franzosen Lokalpatriotismus und stellen uns vor, er sei, immer auf der Suche nach auch heimischen Meisterleistungen und Kuriositäten durch Göttin Flora, die Berghänge der Pyrenäen hoch- und runtergekraxelt, durch Wälder, Büsche, Schluchten und Täler, über Berghänge, Lichtungen, Wiesen, an Wasserläufen entlang gewandert – er müsste eigentlich all das schon entdeckt haben: Das alles eben, was kürzlich auf Katharina Gerolds poetischen Tontafeln zu Kunst-Zeichen geronnen ist.

Die Berliner Bildhauerin hat die steinigen Pyrenäen-Wege genommen, Gräser, Blüten, Blätter der Gebirgsregion gesammelt, echte Fossilien in kleinen Gesteinsbrocken entdeckt – und all das Geschaute dann auf ihren Plastiken zu „Fossilien“ verwandelt: zu einer Art Gedenktafeln – parallel zur Jahrmillionen alten Natur. In den weichen Tongrund drückte sie die Gräser, Farne, Blätter, Blüten ab.

Schilfiges moosiges Grün

Dann wurde das Erdmaterial hart gebrannt. Und schließlich kam zur plastischen die malerische Komponente hinzu: Schilfiges oder moosiges Grün für die tönernen Flächen, warmes Rostbraun für Stängel und Blattstände, silbriges Weiß oder Rotbraun und grünbraun für zierliche Rankenblätter. Auf einmal sind die Jahreszeiten, ja, der Faktor Zeit überhaupt, aufgehoben. Das ewige Werden und Vergehen in der Natur ist als spurenhaftes Sinnbild, als Gleichnis, eingebrannt in die Tonflächen, sparsam, fast karg, still und stumm, dabei hochästhetisch, naturnah und doch ganz von der Inspiration getragen.

Damit startet die Galerie Gräfe.art.concept in neuen Räumen, veranstaltet von der kunstbesessenen Neurochirurgin Hildegard Gräfe, ihr Programm. Die renommierte Medizinerin, selbst leidenschaftliche Sammlerin, auch von Dingen aus der Wunderkammer der Natur, favorisiert für ihren Ausstellungsort mitten im Käthe-Kollwitz-Kiez die enge Verbindung von Kunst zu den Phänomenen der Natur und des alltäglichen Lebens. In einer Vitrine neben den Plastiken sind Katharina Gerolds Fundstücke aus den Pyrenäen und von den Stränden des Mittelmeeres mitgebrachte Fundstücke versammelt, oft nur winzige, echte Fossilien. Sie verraten die Inspirationsquelle, dieser „Übersetzungen“ des Vokabulars der Natur auf die künstlichen Bildträger: „Millionen Jahre“, so Gerold, geboren in Thüringen, ausgebildet an der Dresdner Kunstakademie und etliche Jahre auch in Frankreich zu Hause, „waren auf einmal fassbar und auch wieder nicht ...“

Markante Charaktere

Ihre Affinität zum Naturphilosophischen kommt in diesen zarten Werken ganz besonders zum Ausdruck. Sie korrespondieren an den Galeriewänden auf fantasievolle Weise mit all jenen „Porträts“ aus bemaltem, hart gebranntem Ton, die in den letzten drei Jahren entstanden: Leute in scharfem Profil: anonyme Frauen, Männer, denen die Bildhauerin, irgendwann und irgendwie, begegnet war: Typen, markante Charaktere, die ihre Rollen spielen. Von denen man nicht weiß, ob sie aus der Vergangenheit, der Gegenwart oder der Zukunft kommen. Das Zwiegespaltene des Menschen, das Asymmetrische beider Gesichtshälften bekommt durch die Profilform einen radikal verknappten, zugleich philosophischen Aspekt. Durch die Balance zwischen Figuralem und Abstraktem, Archaischem und klassischem Habitus fordern diese fast scherenschnittartigen Typen auf, sie zu fragen: Wer bist du? Sie fragen zurück: Und wer bist du?

Diese zwei Seiten einer bildhauerischen Kunst, die Geschautes und Konzeptionelles, Prosaisches und Poetisches sinnfällig vereint, belegen aber ein immergleiches Vorgehen: Es sind Formen – menschliche Köpfe wie als „Fossilien“ entdeckte Gewächse, wachsen als Lebenszeichen heraus aus dem tönernen Bild-Träger. Die Sinnlichkeit des Materials und die Sprache der Zeichen markieren die Oberfläche.

Gräfe.art.concept, Kollwitzstr. 72. Bis 4. April, Mi–Fr 15–19/Sa 11–16 Uhr und nach Vereinbarung. Tel.: 0172 866 08 33, Im Internet: www.graefe-art.de