Personalnot, neue Dienstpläne und hohes Anspruchsdenken bei Bürgern bringen Berlins Feuerwehr in Not. Seit Neujahr musste sie bereits 13 Mal für den Rettungsdienst den sogenannten Ausnahmezustand verhängen – zuletzt am Donnerstag von 10.50 bis 13.50 Uhr.

„Jeden Tag von 9 bis 13 und 17 bis 20 Uhr und auch jeden Samstagabend sind wir nahe an der Grenze zum Ausnahmezustand“, sagt ein Mitarbeiter der Serviceeinheit Einsatzlenkung. „Gäbe es da Großbrände, wären wir nicht mehr handlungsfähig.“ So sei am Donnerstag während des Ausnahmezustandes ein Kind mit Atemnot erst spät behandelt worden. Ein Bauarbeiter, der am selben Tag von einem Gerüst fiel, habe ebenfalls viel zu lange auf die Retter warten müssen. „Und das sind nur zwei Beispiele“, sagt der Feuerwehrmann. „Wir haben davon am Tag weit mehr.“

Die Ausrufung des Ausnahmezustands ist auch eine Absicherung

Normalerweise ruft die Feuerwehr den Ausnahmezustand aus, wenn eine durchschnittliche Auslastung von 80 Prozent der verfügbaren Fahrzeuge erreicht ist. Meistens geschieht das bei Unwettern, wenn quasi in der gesamten Stadt Einsätze anstehen. In solchen Fällen werden dann jeweils auch die Freiwilligen Feuerwehren hinzu alarmiert. Beim „Ausnahmezustand Rettungsdienst“ werden Löschfahrzeuge außer Dienst genommen, um zusätzliche Rettungswagen (RTW) zu besetzen. „Wir werden dann bei der Brandbekämpfung deutlich langsamer“, sagt Feuerwehrsprecher Thomas Kirstein. „Bei dem großen Dachstuhlbrand am Montag in der Neuköllner Richardstraße war zum Glück kein Ausnahmezustand.“

Mit der Ausrufung des Ausnahmezustandes sichert sich die Feuerwehr auch gegen eventuelle Klagen von Bürgern ab, denen nicht rechtzeitig geholfen wurde.

Für die Misere gibt es einige Gründe: Seit Jahren steigen die Alarmierungszahlen im Rettungsdienst. Denn die Berliner werden immer älter, gleichzeitig wächst die Einwohnerzahl. Rund 1500 Mal wird die Feuerwehr täglich zu medizinischen Notfällen, technischen Hilfeleistungen und Bränden gerufen. Seit Jahresbeginn waren es mitunter sogar 1700 Einsätze. „In den vergangenen zehn Jahren kamen so viele Einsätze hinzu, wie die Feuerwehr Köln in einem Jahr hat“, sagt Kirstein. Inzwischen erhöhte die Berliner Feuerwehr die Zahl ihrer Rettungswagen tagsüber auf 140. Nachts sind es immer noch knapp 100 Fahrzeuge.

Man wird nicht schneller behandelt, wenn man im Rettungswagen ankommt

Ein weiterer Grund für den Notstand: Die Leitstelle schickt vorsichtshalber auch dann einen Rettungswagen los, wenn ein Anrufer nur über Kopfschmerzen klagt. Das wird von vielen Berlinern ausgenutzt. Den Notruf 112 wählen mitunter Leute mit Hexenschuss, Fieber oder eingewachsenem Fußnagel. „Egal ob Husten, Schnupfen, Heiserkeit, defektes WLAN, abgeschaltetes Gas, weil die Rechnung nicht bezahlt wurde; all das sind Gründe für einen Alarm eines RTW durch die Leitstelle“, klagt ein Brandmeister. „Wir sind im Gespräch mit der Kassenärztlichen Vereinigung, dass sie uns solche unterschwelligen Einsätze abnimmt“, sagt Feuerwehrsprecher Kirstein. Einige 112-Anrufer glauben zudem, dass sie in der Klinik schneller behandelt werden, wenn sie mit dem RTW ankommen.

Doch das ist falsch. In den Notaufnahmen werden die Patienten nach Dringlichkeit behandelt, der eingewachsene Fußnagel muss warten. Das erfuhr vor kurzem auch ein Mann, dem es im Warteraum einer Klinik zu lang wurde. Er glaubte durchs Fenster zu sehen, dass sich das Personal um jene Patienten schneller kümmerte, die mit dem Krankenwagen kamen. Der Mann rief die 112 an, um sich bei der Notaufnahme abholen und dort einliefern zu lassen. Das lehnte die Feuerwehr dann doch ab.

Das neue Schichtsystem erntet viel Kritik

Der Hauptgrund für die vielen Ausnahmezustände ist aber die Personalnot. Nach Jahren des Kaputtsparens stellte der Senat zwar 350 Auszubildende ein. Das stopft aber nur das Loch, das die durchschnittlich 350 Dauerkranken hinterlassen. „Allein um den Betrieb auf dem aktuellen Stand zu gewährleisten, bräuchte die Feuerwehr bis zu 1000 weitere Mitarbeiter. Sie müsste dafür jedoch erst die Ausbildungskapazitäten schaffen, denn schon bei den jetzigen 350 fehlen Ausbilder und Räume“, sagt Benjamin Jendro von der Gewerkschaft der Polizei.

Die Misere komplett macht nach Auffassung vieler Feuerwehrleute zudem ein neues Schichtsystem. Seit Januar muss die Behörde eine EU-Regelung durchsetzen, nach der die Beamten nicht mehr in 24-Stunden- sondern in 12-Stunden-Schichten arbeiten. Dadurch müssen sie öfter zum Dienst antreten. Das neue Schichtmodell wird als krankmachend und familienfeindlich angesehen, weshalb sich immer mehr Mitarbeiter krank melden. Eigentlich soll das neue Arbeitszeitmodell dem Schutz der Mitarbeiter dienen – aber nicht bei der vorhandenen Personaldecke.