Die Berliner Nacht gehört den Jugendlichen, nur nicht mehr im James-Simon-Park

Im James-Simon-Park in Mitte gilt jetzt ein Alkoholverbot. Unser Autor war mehrfach dort und fragt: Warum versteht Deutschland die Jugend nicht?

Ein Polizist im James-Simon-Park in Mitte.
Ein Polizist im James-Simon-Park in Mitte.dpa/Christoph Soeder

Ich schaue auf die Uhr, es ist kurz nach Mitternacht. Ich stehe im James-Simon-Park in Berlin-Mitte. Ich sehe viele Gruppen junger Leute und ein paar Paare, die gemütlich oder verkuschelt im Gras sitzen. Die Museumsinsel ist im Hintergrund nur halb zu sehen, der Mond ist durch die Bäume zu erkennen und wirft ein blasses Licht auf den Park. Es ist, ja wie soll ich sagen, einfach angenehm still.

Viel hatte ich gehört über diesen Park: Einmal gab es einen Mord, einmal wurde ein Kind erstochen, vor ein paar Tagen sollte hier eine riesige Party stattgefunden haben. Hunderte Personen sollen sich da versammelt haben, „um exzessiv zu trinken“. Dabei wurde die Vegetation durch „wildes Urinieren geschädigt“, es gab auch „massive Lärmbelästigungen“. Am nächsten Tag soll der Park stark vermüllt gewesen sein. Ich suche nach der Spur dieses Exzesses. Diese Erzählungen von Kriminalität und Exzessen in der Nacht scheinen mir jetzt sehr weit entfernt.

Wenn ich durch den Park gehe, kann ich mindestens zehn verschiedene Sprachen hören. Ich kann sie nicht alle erkennen. Die meisten sprechen Englisch miteinander, die wenigsten als Muttersprache. Zwei junge Frauen reden über die Liebe, die eine berät die andere, die sich nicht sicher ist, ob ihr Partner sie wirklich liebe. Das höre ich nur im Vorbeigehen. Sie kombinieren Englisch mit einer anderen Sprache, die ich nicht kenne. Ich bleibe stehen und spreche sie an: „Darf ich zwei Fragen stellen?“ Eine sagt: „Nur eine Frage.“ Ich frage nach ihrer Sprache und lerne: es ist Albanisch. Ich laufe weiter und weiß, dass ich nie erfahre, ob sie ihrem Freund eine weitere Chance geben wird.

„Es gibt keinen sichereren Ort als diesen“

In der Ferne erkenne ich eine andere universelle Sprache, ich sehe einige Jungen mit einem Fußball. Einer ist viel größer als ich, mit dunkler Hautfarbe, ärmellosem Hemd, glänzenden Ketten und Baseballkappe, er reicht mir den Ball. Nachdem wir einen Moment lang gemeinsam hin- und hergedribbelt haben, hören wir auf. Ich danke ihm und stelle mich vor, sage, woher ich komme. „Ah, Mexiko“, sagt er und erzählt von seinem Freund namens Patricio, auch Mexikaner. „Er ist der Beste!“ Er selbst komme aus Angola und heiße Victor. Als ich ihm sage, dass dieser Park sehr gefährlich sein soll, lacht er. „Wer hat dir das gesagt?“, fragt er. „Es gibt keinen sichereren Ort als diesen.“

Leere Flaschen im James-Simon-Park. Nach Inkrafttreten des Alkoholverbots in diesem Park
Leere Flaschen im James-Simon-Park. Nach Inkrafttreten des Alkoholverbots in diesem Parkdpa/Christoph Soeder

Der schlechte Ruf dieses Parks ist vor allem den beiden Tunneln zu verdanken, die zu dem Park führen. Er ist voller Graffiti, dunkel und feucht. Heute schläft hier eine obdachlose Frau, sie ist mit einem Schlafsack zugedeckt und hat immer ein Auge auf ihre mit Flaschen gefüllten Taschen. Niemand stört sie und sie stört niemanden. Jetzt wird dieser Tunnel von den Neonlichtern der Eisdiele Frozen Toppi beleuchtet. Es ist eine schmutzige Ecke, aber sie ist keineswegs bedrohlich.

Victor ist nicht allein, er ist von einer Gruppe von zehn Freunden umgeben. Sie trinken Bier, rauchen und essen Skittles. Ein Mädchen freut sich, Spanisch zu sprechen: „Mira, yo soy de Perú, me llamo Marie Joana!“ (Ich komme aus Peru und heiße Marie Joana.) Ich lache, keine peruanische Mutter würde ihre Tochter so nennen. Sie zog als Kind mit ihrer Familie hierher. Diejenigen, die ihre Heimat einst wechseln mussten, freuen sich immer, jemanden zu treffen, der ihre Wurzeln versteht.

Ihre Freundin fordert mich heraus, ihre Nationalität zu erraten. Sie ist brünett, hat lockiges Haar, ist schlank, hat hellbraune Augen und lächelt. Sie könnte auch eine Latina sein, sage ich ihr. Sie fühlt sich geschmeichelt, aber sie ist es nicht. Ihr Vater ist Pole und ihre Mutter stammt aus der Türkei. Sie kann auch diese beiden Sprachen sprechen, wenn auch etwas weniger Türkisch. Dann lerne ich noch einen Deutschen kennen, der Sportpsychologie studiert. Er sagt mir, dass Hochleistungssportler viel Stress haben, dass sie viele Dinge im Leben opfern müssen, um ein hohes Leistungsniveau zu halten. Sie verzichten darauf, auszugehen, mit Freunden zusammen zu sein. „Das, was wir jetzt machen, dürfen sie nicht.“

Es hilft, dass viele von uns ein Bier in der Hand haben

Ich bin mehr und mehr beeindruckt. Es ist eine sehr heterogene Gruppe. Was verbindet sie miteinander? Der Deutsche ist Victors Mitbewohner und die anderen sind seine Freunde aus der Schule und anderswo. Die meisten von ihnen haben sich gerade erst kennengelernt, ich war nur der Letzte, der ankam. Ich bewundere Victor ein bisschen, er ist die Person, die durch Charisma, Einfachheit und Offenheit eine Gruppe zusammenhält. Er lernt die Menschen kennen und bringt sie miteinander in Kontakt. Weil die Chemie stimmt, ist eine Gruppe von Freunden entstanden. Dies ist der sichere Raum, von dem Victor spricht. Der sicherste Ort, an dem man sein könnte. Ach so: Und vielleicht hilft es, dass viele von uns ein Bier in der Hand halten.

Aber genau das ist aktuell nicht mehr erlaubt im Monbijou- und im James-Simon-Park. Seit einer Woche gilt jetzt: Ab 22 Uhr darf in beiden Parks nicht mehr getrunken werden, kein Bier, kein Wein, kein Alster. Dieses Alkoholverbot soll deutlich machen, „dass der Bezirk nicht willens ist, die Beeinträchtigung seiner Grünanlagen zulasten ihrer ökologischen Funktion und als Erholungsmöglichkeit für die gesamte Bevölkerung hinzunehmen“. So zumindest formuliert es das Bezirksamt Mitte. „Sollte es dennoch notwendig werden, dass Anzeigen geschrieben werden müssen, so kann ein Verwarngeld von 50 Euro bzw. ein Bußgeld zwischen 100 und 3000 Euro erhoben werden.“

Ich zumindest fühle mich durch diese Ankündigung nicht sicherer. Wenn Gruppen wie die von Victor wegen der Alkoholverbote nicht mehr in den Park gehen, wer wird dann diesen dunklen Raum besetzen? Vielleicht andere Gruppen, die wahrscheinlich andere Absichten haben. Dann es ist nicht Freundschaft oder der Fußball, der sie in diesen Park ruft. Wohin treiben sie diese jungen Menschen? In die Berliner Clubs, Bars und kommerziellen Einrichtungen, wo es schwierig ist, solche spontanen und organischen Zusammenkünfte zu finden?

Junge Menschen? In Deutschland eine Minderheit

In diesem Land sind junge Menschen in der Minderheit, nur 10 Prozent der Bevölkerung sind zwischen 15 und 24 Jahre alt. In Mexiko ist dieser Anteil mit 14 Prozent etwas höher. Vielleicht ist das der Grund, warum sie nicht verstanden werden und zunehmend eingeschränkt werden, dass sie während der Pandemie kaum Beachtung fanden?

In den folgenden Tagen berichtete die Polizei, dass sie in den jeweiligen Parks ihre Runden drehte und die wenigen, die nichts von dem Alkoholverbot wussten, darauf hinwies. Ich war noch einmal da, es war alles ruhig, keine wildes Urinieren, aber auch kein Victor und seine Freunde. Sie haben ihr Ziel erreicht, es ist Ruhe, zumindest für den Moment. Die Letzten, die gehen, sind die, die Flaschen sammeln, um zu überleben.

Ignacio Rosaslanda ist ein mexikanischer Journalist und im Rahmen des IJP-Stipendiums Austausch-Journalist bei der Berliner Zeitung.