Bitte ins Wageninnere durchtreten, es wollen noch mehr Leute mitfahren! Für viele Nutzer der S-Bahn-Linien S1 und S5 sind die Arbeitswege purer Stress – und nun wurde bekannt, dass das auf absehbare Zeit so bleibt.

Denn die die zusätzlichen Zugfahrten, die dort in den Stoßzeiten einen Takt von fünf statt zehn Minuten ermöglichten, kehren vorerst nicht zurück. Sie wurden 2017 eingestellt. „Die Verstärkerzüge wurden in Abstimmung mit dem Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg aus dem Fahrplan genommen“, sagte Bahnsprecher Burkhard Ahlert auf Anfrage. Auch auf anderen Strecken ist das Angebot ausgedünnt. Am Montag kamen statt wie geplant 1040 nur 990 Wagen in den Einsatz, so der Verkehrsverbund.

„Besonders schlimm ist es morgens auf der S5“, erzählt ein S-Bahner. In Wuhletal, wo man von der U-Bahn-Linie U5 in die S-Bahn umsteigen kann, stehen die Fahrgäste dicht an dicht. „Wie eine Wand von Menschen. Dabei sind die S-Bahnen schon ziemlich voll, wenn sie in Wuhletal ankommen.“

Grund der fehlenden Züge waren Lieferprobleme

Seit die U5 zum Alexanderplatz wegen Bauarbeiten unterbrochen wurde, ist der Andrang auf der S5 noch größer geworden. Auch auf der S1 werden die Verstärkerfahrten vermisst. Mit Beginn der Sommerferien 2017 verschwanden sie aus dem Fahrplan – wie die S5-Verstärker zwischen Mahlsdorf und Lichtenberg. Anfangs hieß es, dass sie am 4. September wiederkehren sollen. Doch auch Termine nach den Herbstferien und zum Jahresbeginn 2018 verstrichen.

Grund waren Lieferprobleme. Die Baureihe 481, die den Großteil der Flotte stellt, musste turnusmäßig mit neuen Achsen und Rädern versehen werden – doch die Teile ließen auf sich warten. Inzwischen haben die Wagen neue Radsätze. „Das Thema ist abgearbeitet“, sagte ein S-Bahner. Trotzdem können die Verstärkerzüge nicht wieder rollen – es gibt neue Probleme.

Eines davon ist der Tarifvertrag, den die Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) 2017 mit der Arbeitgebervereinigung Move abgeschlossen hat. „Er beschränkt die Flexibilität beim Personaleinsatz mit rigiden Ruhevorschriften“, sagt der S-Bahner. Dienstschichten und arbeitsfreie Tage müssten nun relativ lange vorher festgelegt werden. Spätere Abweichungen wären kaum noch möglich, auch keine Rufbereitschaften.

Die Bewerberzahl hält sich in Grenzen

Auch der Tausch von Diensten wurde erschwert. „Um kurzfristig doch noch frei zu bekommen, melden sich Kollegen krank“, hieß es beim Fahrpersonal. Das lässt die Krankenquote, die in diesem von Arbeitsstress gekennzeichneten Bereich ohnehin hoch ist, weiter steigen. „Nach unseren Informationen betrug sie am 2. Februar rund zwölf Prozent“, so GDL-Bezirkschef Frank Nachtigall.

Hinzu kam, dass auch die S-Bahner wählen durften, ob sie lieber mehr Geld oder sechs Tage mehr Urlaub pro Jahr wollen. „In Berlin haben sich rund 75 Prozent der Kollegen für mehr Urlaub entschieden“, sagte Nachtigall. Bisher gab es pro Jahr meist 30 Tage, bei vielen Nachtschichten 33 oder 34.

Der Gewerkschafter verteidigte den Tarifvertrag. „Bislang wurden betriebliche Risiken auf die Eisenbahner abgewälzt. Die Kollegen wollen kein Spielball mehr sein.“ An Neueinstellungen führe kein Weg mehr vorbei. Allerdings hielte sich die Bewerberzahl in Grenzen, hieß es intern. Zudem hätten Neue oft eine laxere Arbeitsmoral als lang gediente S-Bahner: „Sie lassen sich nicht mehr alles gefallen.“

Es gebe aber auch andere Themen, die den Zugeinsatz erschweren. So stünden viele Bahnen wieder in der Werkstatt – dieses Mal, weil sie GSM-R-Funk bekommen. Zum Teil fahren Züge mit weniger Wagen als geplant. Die Probleme führen dazu, dass die Planer keine Chance sehen, den Verkehr auszuweiten. Es sieht so aus, dass die Verstärker auf der S1 und S5 noch länger ausfallen werden.