Weihnachtsdeko kommt auch ohne christliche Symbole aus.
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BerlinIch war gerade in Bochum, und wie es gute alte Dezembertradition ist, wurde ich dort bei einem Small-Talk gefragt, was ich Weihnachten so vorhabe.

Ich antwortete, dass ich Heiligabend den Weihnachtsmann für meine Nichten und Neffen spiele. Bevor ich meine weitere Planung für die Festtage ausführen konnte, unterbrach mich mein Gegenüber mit der Frage, wieso ich eine kapitalistische Coca-Cola-Erfindung unterstütze. Es müsse doch das Christkind kommen, alles andere widerspreche dem religiösen Charakter des Festes.

Ich erwiderte, dass der Weihnachtsmann nicht von Coca-Cola erfunden wurde und das Christkind auch im katholischsten Bayern eher Nintendo-Konsolen und Douglas-Gutscheine bringt als Nüsschen und gute Wünsche. Dann dachte ich aber ein paar Tage darüber nach und würde heute anders antworten. Ja, der Weihnachtsmann ist ziemlich unreligiös, aber gerade deshalb ist er so gut für Berliner Weihnachten geeignet.

Ungläubiges Berlin

Berlin gilt als atheistisches Zentrum Europas, nur ungefähr ein Drittel der Berlinerinnen und Berliner bezeichnet sich zu einer Religion zugehörig. Der Rest glaubt nur an sich, an Hertha, Union oder an die Stiftung Warentest. Auch ich gehöre zur gottlosen Mehrheit und das sogar bei Elfmeterschießen oder schlimmen Turbulenzen im Flugzeug.

Uns Ungläubige eint, dass wir immer wieder gefragt werden, weshalb wir trotzdem Weihnachten feiern, statt arbeiten zu gehen. Wir seien ja Heuchler, weil wir nur die guten Sachen von Religion abgreifen. Abgesehen davon, dass auch Menschen ohne christliche Religionszugehörigkeit mit ihren Steuern ungewollt die Kirchen per Staatsleistungen mitfinanzieren, ist das mit den Feiertagen so eine Sache. Weihnachten und Ostern wurden ja schon in vorchristlicher Zeit gefeiert. Wir holen uns das Ganze also nur zurück.

Vielleicht sollten wir Atheistinnen und Atheisten aufhören, so zu tun, als feierten wir ein christliches Fest. Wir können doch einfach dazu stehen, dass wir das nur machen, weil wir Geschenke, freie Tage und gesüßten Alkohol mögen. Wer Jesu Geburt feiern möchte, soll das zelebrieren, aber wer einfach nur vollgefressen „Stirb langsam“ gucken möchte, der eben auch.

Weihnachten ganz ohne Gott

Die meist gehörten Weihnachtslieder dieser Tage sind erstaunlich religionsfrei. „All I Want for Christmas“, „Last Christmas“ oder „In der Weihnachtsbäckerei“ kommen komplett ohne Jesus aus. Glühwein wird in der Bibel mit keinem Wort erwähnt und blinkende Fensterbeleuchtung ebenfalls nicht. Das Fest funktioniert also auch hervorragend ohne Gottesbezug.

Das wird oft als Verlust von Traditionen bedauert, aber ich sehe es als einen Zugewinn an Freiheit. Niemand wird dadurch davon abgehalten, in die Christmette zu gehen, aber eben auch niemand mehr dazu gezwungen. Keinem Christen wird dadurch das Fest ruiniert, im Gegenteil, so haben sie doch alle viel mehr Platz in der Kirche. Den Geschenke-Wahn gibt es ja auf beiden Seiten, da spielt es keine Rolle, ob die Kinderchen getauft wurden oder nicht. Der Kapitalismus beherrscht das Missionieren vielleicht einfach noch besser als die katholische Kirche. Weihnachten gilt noch mehr als sonst, dass jede und jeder nach seiner Façon selig werden muss. Und deshalb wünsche ich Ihnen allen nun freie Weihnachten!