Diese Berlinerin schaffte es in die Vorauswahl für den deutschen Oscar-Beitrag

Natalia Sinelnikova kam als Kind von Sankt Petersburg nach Berlin, hier studierte sie Regie. Ihr erster Film „Wir könnten genauso gut tot sein“ ist nun im Kino.

Natalia Sinelnikova kam im Alter von sieben Jahren von Russland nach Berlin.
Natalia Sinelnikova kam im Alter von sieben Jahren von Russland nach Berlin.Benjamin Pritzkuleit

Natalia Sinelnikova hat einen Film gedreht, dessen Titel perfekt in diese Zeiten passt: „Wir könnten genauso gut tot sein“. Es ist der Abschlussfilm ihres Studiums und stand gleich auf der Shortlist für den deutschen Oscar-Beitrag. Seine Premiere feierte er in der Sektion „Perspektive Deutsches Kino“ bei der Berlinale. Seitdem reist die 33-jährige Berliner Regisseurin von Festival zu Festival. Gerade kommt sie aus Austin (USA) und konnte deshalb nicht zur Filmkunstmesse in Leipzig, wo ihr Film ausgezeichnet wurde. An diesem Nachmittag sitzt sie mit Jetlag am Motorenwerk in Weißensee, weil die Produzentinnen ihres Films dort für den Produktionspreis nominiert sind. Ein Gespräch über Oscar-Träume, über ihre russisch-jüdische Herkunft, den Krieg in der Ukraine und die Frage, warum ein düsterer Blick in die Zukunft auch Hoffnung machen kann.

Frau Sinelnikova, Ihr Film stand auf der sogenannten Shortlist der deutschen Beiträge für den Oscar. Glückwunsch. Haben Sie heimlich davon geträumt, mit Ihrem Debüt bei den Oscars dabei zu sein?

Ich weiß natürlich, dass so etwas superunwahrscheinlich ist, deswegen habe ich nicht davon geträumt. Für mich war es schon ein Traum, dass mein Abschlussfilm seine Weltpremiere gleich auf der Berlinale hatte. Aber ich habe mich natürlich sehr gefreut, dass unsere Produzentin Julia Wagner unseren Film für die deutsche Oscar-Vorauswahl eingereicht hat und dass er tatsächlich auch als würdig angesehen wurde und es auf die Liste geschafft hat.

Auf wie vielen Festivals waren Sie seit der Berlinale und wie viele Preise hat Ihr Film bekommen?

Da muss ich überlegen. Bis jetzt auf zehn Festivals, und es gab fast ein halbes Dutzend Preise.

Ioana Iacob in „Wir könnten genauso gut tot sein“
Ioana Iacob in „Wir könnten genauso gut tot sein“Jan Mayntz/Heartwake Films

Es ist Ihr Abschlussfilm für das Regiestudium an der Film-Universität Potsdam-Babelsberg. Die Prüfung stand erst nach der Berlinale an. Welche Note haben Sie bekommen?

Ehrlich gesagt muss ich das Zeugnis noch abholen. Ich glaube, es war eine 1,0.

Ihre Geschichte spielt in einem Hochhaus, das idyllisch im Wald steht inmitten einer bedrohlichen Endzeitwelt. Der Film beginnt wie ein Thriller: Ein Ehepaar mit Kind – alle hübsch in Anzug, aber bewaffnet mit Axt und Hammer – laufen durch einen Wald, schauen sich ängstlich um und wollen unbedingt in das Hochhaus. Ihr Sehnsuchtsort. Warum ein Hochhaus?

Es ist ein Ort, an dem man untersuchen kann, wie eine Gemeinschaft funktioniert. Ein Hochhaus ist eine Art Dorf, das in die Höhe gewachsen ist. Die Gemeinschaft lebt dort auf engem Raum; es gibt eine soziale Kontrolle wie in einem Dorf, und doch leben die Leute auch anonym nebeneinander.

<strong>Natalia Sinelnikova</strong> wurde 1989 im damaligen Leningrad geboren. Die Familie wohnte in einer Hochhaussiedlung. Die Eltern emigrierten 1996 als russisch-jüdische Kontingentflüchtling mit ihr nach Deutschland. Seit ihrem zwölften Lebensjahr lebt sie in Berlin und wohnte lange Zeit im Märkischen Viertel.<br><br><strong>Nach dem Abitur</strong> studierte sie Fotografie und Theater an der Uni Hildesheim, danach Regie an der Filmuniversität in Potsdam-Babelsberg. „Wir könnten genauso gut tot sein“ ist ihr Abschlussfilm. Er läuft seit Donnerstag in acht Berliner Kinos.
Natalia Sinelnikova wurde 1989 im damaligen Leningrad geboren. Die Familie wohnte in einer Hochhaussiedlung. Die Eltern emigrierten 1996 als russisch-jüdische Kontingentflüchtling mit ihr nach Deutschland. Seit ihrem zwölften Lebensjahr lebt sie in Berlin und wohnte lange Zeit im Märkischen Viertel.

Nach dem Abitur studierte sie Fotografie und Theater an der Uni Hildesheim, danach Regie an der Filmuniversität in Potsdam-Babelsberg. „Wir könnten genauso gut tot sein“ ist ihr Abschlussfilm. Er läuft seit Donnerstag in acht Berliner Kinos.
Benjamin Pritzkuleit

Alle Leute im Haus sind freundlich, es gibt aber eine harte Aufnahmeprüfung. Das Ganze wirkt wie eine Diktatur des unbedingten Glücks. Verkrampft, auch bösartig. Erzählt wird die Geschichte von Anna, der Sicherheitsfrau, die den Einlass zu diesem Mikrokosmos überwacht. Wie sind Sie darauf gekommen?

Das Hochhaus war mehr oder weniger die Inspirationsquelle, aus der ich mit meinem Co-Autor Viktor Gallandi die ganze Idee entwickelt habe. Es ist kein reales Hochhaus. Es wirkt wie ein Urlaubsresort, eine Utopie der Sicherheit, das isoliert am Waldrand steht und in dem sich alle so richtig wohlfühlen sollen. Eigentlich. Im Schreibprozess kamen wir ganz schnell auf das Motiv der Angst und was sie aus Menschen und Gemeinschaften macht.

Es geht darum, wie Menschen mit der Angst umgehen, wenn draußen vor der Tür eine unsichtbare Gefahr lauert, wenn sie drinnen aber nicht von der wohligen Sicherheit der Gemeinschaft geschützt werden, sondern die Irrationalität immer mehr die Macht übernimmt. Wie würden Sie Ihren Film beschreiben?

Meiner Meinung nach ist es auch eine unglaublich witzige Geschichte, eine verstörende, düstere Sozialsatire über die Frage, was nötig ist, um eine Gemeinschaft ins Kippen zu bringen. Und das ist nicht viel.

Ihr Film überzeugt auch deshalb, weil er eine gute Mischung ist: Er beginnt wie ein Thriller, wird dann zu einer Art düsterer Satire, ist bedrückend, hat auch Humor. War Ihnen wichtig, dass der Film auch gefällt?

Ab dem Moment, wo man gefallen will, hat man schon verloren. Wir wollten einen Film machen, der uns selbst gefällt, und haben uns an Filmen orientiert, die uns gefallen. Das ist der einzige Weg.

Der Film bricht auch mit Sehgewohnheiten, das Publikum weiß nicht, in welche Richtung es von Ihnen geführt wird. War das von Anfang an Absicht?

Es war von Anfang an Absicht, mit Genregrenzen zu spielen und sie zu brechen. Das Thriller-Genre stellt Angst her, ist damit per se eine Verschwörungstheorie. Mit bestimmten Mitteln wird ein Gefühl der Beklemmung erzeugt. Diese Regeln kennen wir. Sie zu brechen, war von Anfang an unsere Absicht.

Das Hochhaus im Film ist in Wirklichkeit ein Verwaltungsgebäude in Berlin-Marzahn.
Das Hochhaus im Film ist in Wirklichkeit ein Verwaltungsgebäude in Berlin-Marzahn.Jan Mayntz/Heartwake Films

Sie haben den Film auf den Festivals oft gesehen und darüber geredet: Wie sehr hat sich Ihr Blick auf Ihren Film verändert?

Ich habe ihn viel zu oft gesehen und kann ihn gar nicht mehr schauen. Vielleicht kann ich ihn in einem Jahr wieder wie eine Zuschauerin ansehen. Durch die vielen Gespräche fühle ich mich aber bestätigt in meiner Arbeit, und ich sehe auch, wie unterschiedlich die Leute den Film wahrnehmen. Es ist nun mal so: Ich kann nur meine Arbeit machen und muss loslassen. Dann muss ich schauen, was das Publikum daraus macht.

War es schwer, so bekannte Schauspieler wie Jörg Schüttauf und Susanne Wuest für den Film einer Studentin zu gewinnen?

Das Casting ist ein zentraler Punkt: Wir haben mit dem Casting-Director Karl Schirnhofer ganz genau überlegt, wem wir das Drehbuch senden, und wir hatten das Glück, dass den Schauspieler:innen das Buch sehr gefallen hat. Wir haben uns alle auf der Basis dieser Geschichte zusammengefunden, nicht auf der Basis des Geldes. Das Budget war winzig, aber die Geschichte hat sie überzeugt. Gerade wenn wenig Geld bereitsteht, ist ein gut funktionierendes Team umso wichtiger. Das Ziel beim Film ist doch, dass alle Gewerke – Kamera, Szenografie, Montage, Maskenbild, Kostümbild, Schauspiel, Musik, Licht, Ton – wie kleine Zahnräder möglichst perfekt ineinandergreifen, damit die Geschichte aussieht wie aus einem Guss.

Auf dem Regiestuhl sitzen noch immer mehrheitlich alte Männer. Aber unter den Nominierten für die Oscar-Shortlist waren sechs Frauen, drei Männer. Zufall oder Zeitgeist?

Ich glaube und hoffe, dass sich da einiges ändert, die Frage ist, ob es auch schnell genug passieren wird. Auf alle Fälle gibt es in der Branche nun ein klareres Bewusstsein, was da bislang alles nicht gut läuft. Es gibt Studien, die ganz klar zeigen, wie wenig Diversität vor und hinter der Kamera herrscht. Aber es gibt auch einen großen Willen, das zu ändern. Endlich.

Sie gehen mit den Fragen von Minderheiten in Ihrem Film ganz selbstverständlich um und nicht belehrend. Die Hauptheldin hat einen osteuropäischen Akzent, und ganz nebenbei erfährt das Publikum, dass sie jüdisch ist. War das alles so geplant?

Casting ist immer eine ganz klare und bewusste Entscheidung. Mir war es wichtig, dass die beiden Hauptfiguren, genau wie ich auch, einen migrantischen Bezug haben und eine andere Muttersprache sprechen. Dass sie diese andere Welt im Rücken haben und sich damit auskennen. Das ist etwas, das man nicht erklären kann. Das ist eher ein Gefühl. Wir wollten eine Geschichte erzählen über den Kampf um die Zugehörigkeit zu einer Deutsch sprechenden Gemeinschaft. Da ist es nur logisch, wenn die Hauptfigur nicht Deutsch ist und die Schauspielerin gleichzeitig so perfekt Deutsch spricht, dass man den Unterschied auf den ersten Blick fast nicht wahrnimmt. Da Anna aber von allen ständig auf die Unterschiede aufmerksam gemacht wird, ist es umso brutaler.

Die Tochter der Hauptfigur hat sich im Bad eingeschlossen und weigert sich, es zu verlassen.
Die Tochter der Hauptfigur hat sich im Bad eingeschlossen und weigert sich, es zu verlassen.Jan Mayntz/Heartwake Films

Der Filmtitel „Wir könnten genauso gut tot sein“ klingt wie ein vorweggenommener Kommentar auf Corona und den Krieg. Dabei war doch beim Schreiben noch alles weit weg, oder?

Wir haben vor fünf Jahren angefangen zu schreiben. Auch damals war die politische Situation und der Rechtsruck beängstigend. Wir haben gar nicht so sehr in die Zukunft geschaut, sondern das beschrieben, was real war. Das ist eben nur noch stärker geworden und nicht nur in Deutschland, sondern weltweit. Wir wollten eine ehrliche Geschichte erzählen, den Figuren gerecht werden und einen Film machen, der sich der Wirklichkeit stellt. Und so ist dieser ernste, düstere, absurde, bitterböse Film entstanden. Und darin sehe ich auch eine Hoffnung: Wenn der Film es schafft, zu verstören oder im Kopf zu bleiben, dann ist es ein gewisser Trost, weil das Publikum eigene Erfahrungen wiedererkennt.

Vor der Berlinale sagten Sie: „Ich bezeichne mich als russisch-jüdische Filmregisseurin, die in Deutschland aufgewachsen ist.“ Hat sich das durch Putins Krieg gegen die Ukraine geändert?

Schon damals, als Sie mich in unserem Gespräch nach einer Selbstzuschreibung gefragt haben, ist es mir schwergefallen. Bis zu meinem siebten Lebensjahr haben wir in Sankt Petersburg gelebt, dann kamen meine Eltern 1996 mit mir als russisch-jüdische Kontingentflüchtlinge nach Berlin. Ich bin damit postsowjetisch geprägt. Und gerade durch diesen furchtbaren Krieg frage ich mich umso mehr, wer ich bin. Bin ich noch Russin, obwohl ich schon als Kind emigriert bin? Die Frage, welche Verantwortung wir haben, stellen sich wohl die meisten in der russisch-jüdischen Community, obwohl sie doch schon vor langer Zeit vor den politischen Verhältnissen geflohen sind.

Werden Sie wegen Ihres russischen Namens oft nach Putin und dem Krieg gefragt?

Wenn ich aufgrund meiner Biografie danach gefragt werde, wie es mir mit dem Krieg geht, finde ich den Fokus falsch gesetzt. Die Frage zielt nämlich auf meine Befindlichkeiten ab. Ich bin zutiefst erschüttert über den Krieg, den Russland gegen die Ukraine führt, und verurteile ihn aufs Schärfste. Aber ich finde die Frage, die wir uns stellen sollten, ist vielmehr: Was können wir tun? Im Moment ist es gerade sehr gefährlich: Es schleicht sich eine Müdigkeit ein, sich mit dem Krieg zu beschäftigen. Wichtig ist doch, dass die Menschen, nicht wie 2014, als der Krieg begann, wieder vergessen, dass dort massenhaft Menschen sterben und furchtbarste Verbrechen begangen werden. Es kann doch nicht sein, dass Krieg zu einer Selbstverständlichkeit wird.

Das Gespräch führte Jens Blankennagel.