„Die Hälfte der ersehnten Produkte wollen wir nach 30 Minuten gar nicht mehr haben“, sagt  der Neuropsychologe Christian Elger.
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BerlinJetzt aber ran. Zum Orthopäden bin ich trotz großer Zeitnot geeilt: Ich hatte mich nicht getraut, einen Termin bei ihm abzusagen – der nächste wäre der 17. April 2020 gewesen. Für Leute, die einen Augenarzt suchen: In der Torstraße soll es einen geben, der ab Januar neue Patienten annimmt. Wer verreisen will, sollte einen Platz im Abteil reserviert haben, sonst steht er im Gang. Wer noch keinen Flug in die Wärme gebucht hat, der bekommt keinen oder zahlt eine bestürzende Summe. Viele Pläne vor dem Jahresende hätten einen längeren Anlauf gebraucht.

In drei Wochen wird Heiligabend schon wieder zwei Tage zurückliegen, davor war Advent. Ich kenne Menschen, die jetzt in festliche Konzerte gehen, die Wohnungen schmücken und alte Backrezepte ausprobieren. Ich will das auch, aber ich hinke hinterher. Einmal habe ich – einen Tag, bevor Besuch kam – Wäsche gebügelt und dabei die Kerzen auf dem zuvor besorgten Adventskranz unterschiedlich runterbrennen lassen. So gaukelte ich meinen Gästen vor, besinnliche Adventssonntage verbracht zu haben und fühlte mich auf Augenhöhe mit der Verwandtschaft.

Eine besinnliche Zeit ist das Ziel. Man darf es nicht aus dem Auge verlieren.

Wie schwarze Löcher im Universum schlucken fremde Energien unsere kleine Existenz: Sie locken mit günstigen Gelegenheiten wie „Black Friday“, das ist der Tag nach dem vierten Donnerstag im November. Viele Läden in den USA öffnen früh um fünf. Inzwischen warten die Gelegenheiten auch online und länger als einen Freitag, in Deutschland wird das in Werbeworte gekleidet wie „Black Shopping“ oder „Black Week“. Am Montag hatten wir „Cyber Monday“ – das digitale Pendant. Bei solchen Datings haben die Deutschen 3,1 Milliarden Euro ausgegeben, 22 Prozent mehr als vor einem Jahr.

Was man hier noch nicht richtig mitbekommt ist der „Singles’ Day“. Den gibt es in China am 11.11. – das Datum mit den meisten Einsen. Auch Singles. Zeitlich limitierte und begrenzt verfügbare Sonderangebote sollen die vielen Unverheirateten des Landes die Einsamkeit vergessen lassen. Es gibt TV-Shows, Galas, Partys. Den Kaufvorgang gestalten asiatische Onlineplattformen bequem: Man muss nur das Smartphone im richtigen Moment schütteln, um eine Bestellung auszulösen. Die erste Milliarde war 68 Sekunden nach Mitternacht umgesetzt, meldet ntv. Mehr als 500 000 Transaktionen pro Sekunde hat Alibaba, Chinas größter Online-Händler, abgewickelt. Singles’ Day ist mit Abstand der umsatzstärkste Einkaufstag der Welt.

Aus Kaufen kann Rauschkaufen werden. Beim Kaufen wird das Belohnungssystem unseres Gehirns mit Wörtern wie Rabatt besonders aktiviert. Der Neuropsychologe Christian Elger spricht über eine leichte Benommenheit, mit der Menschen etwas kaufen, „nur weil es günstig ist und das Günstige im Gehirn einen Schalter umlegt“. Man soll aus dem Laden gehen und draußen überlegen, ob man das Produkt wirklich braucht: „Die Hälfte der ersehnten Produkte wollen wir nach 30 Minuten gar nicht mehr haben.“ Und man sollte auf keinen Fall mit Kreditkarte bezahlen – der Anblick echter Geldscheine löst Verlustgefühle im Hirn aus und bremst den Kaufreflex. Oder man bleibt zu Hause, beobachtet die Welt mit Distanz und fragt sich: Ja, ist denn schon wieder Weihnachten?