Die Meldung des Pressebüros beginnt so, dass eine Familie im bayerischen Memmingen und gewiss auch die Schulleitung des dortigen Bernhard-Strigel-Gymnasiums sie für lange Zeit aufheben werden: „Deutschlands beste Vorleserin 2022 ist Ada Grossmann.“ Die Zwölfjährige trat am Dienstagmittag in Berlin zum Finale des 63. Vorlesewettbewerbs des Deutschen Buchhandels mit 15 anderen Schülerinnen und Schülern an. Eine fünfköpfige Jury erkannte schließlich ihr den Preis zu.

Zur Urkunde gehört ein Wanderpokal, der kein Pokal ist, sondern ein Kästchen mit bunten Scheiben. Die beste Vorleserin ist eingeladen, im nächsten Jahr an selber Stelle, in einem Fernsehstudio des Rundfunks Berlin-Brandenburg, in der Jury für 2023 mitzuwirken. Und dann hat auch noch ihre Schule etwas davon: Sie bekommt eine Lesung mit einem Jugendbuchautor geschenkt und eine Auswahl von Büchern für die Schulbibliothek, darunter auch die Titel, aus denen beim Bundesfinale vorgelesen wurde.

209 Schulen aus Berlin nahmen teil

Die Entscheidung war knapp, aber einstimmig, erklärte hinterher Angelika Schaack. Die Jury-Sprecherin ist Verlegerin der auf Titel für Kinder und Jugendliche spezialisierten Hörcompany. Das Buch, aus dem die Siegerin vortrug, war nicht nur ihr, sondern auch dem Co-Juror Julian Greis bestens bekannt: Von ihm eingelesen, gibt es bei der Hörcompany Lisa Thompsons Kinderroman „Der Tag, an dem ich versehentlich die ganze Welt belog“ als Hörbuch. Greis, unter Vertrag am Hamburger Thalia-Theater, ist selbst ein ausgezeichneter Vorleser; zweimal schon erhielt er den Deutschen Kinderhörbuchpreis BEO.

Da relativiert sich etwas der Titel als „Beste Vorleserin“. Alljährlich wird in Deutschland auch ein „Lesekünstler des Jahres“ gekürt, auch beste Hörbuch-Interpreten werden ausgezeichnet. Dennoch ist der Preis beim Vorlesewettbewerb viel schwerer zu erringen. Und dass zum Beispiel Marie Auffarth, die an der Staatlichen Ballettschule Berlin lernt, und Lev Held von der Grundschule Rangsdorf in Brandenburg überhaupt bis in die Endrunde gekommen sind, ist allen Lobes wert.

Insgesamt haben sich in diesem Jahr etwa 480.000 Kinder zunächst in ihren fast 16.000 sechsten Klassen an Schul-Ausscheiden beteiligt, die jeweilig Besten sind über regionale Stufen immer weitergekommen. In Berlin wählten 209 Schulen, in Brandenburg 181 Schulen ihre besten Vorleserinnen oder Vorleser.

Die Veranstaltung live vor den Kameras für den Kinderkanal von ARD und ZDF, mit Publikum, mit den online zugeschalteten Herkunftsschulklassen, ist weiterhin im Internet abrufbar und durchaus Eltern und Lehrkräften zu empfehlen: Jedes einzelne Mädchen und jeder Junge machte Lust auf das Buch, aus dem sie vortrugen, die Beste war einfach nur einen Hauch besser als sie.

Alle lasen aus unterschiedlichen Büchern

Die Kinder bekamen Listen mit Vorschlägen, aus denen sie sich Titel aussuchen konnten, die ihnen dann drei Tage vor dem Entscheidungstag per Boten zugeschickt wurden, auf dass sie alle gleiche Bedingungen hatten.

Für das Publikum eröffnete sich so ein weiter Eindruck aktueller Bücher für dieses Alter, vom Zeitzeugenbericht aus dem Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau über Freundschaftsgeschichten, Begegnungen mit magischen Gegenständen, Zeitreisen in Vergangenheit und Zukunft bis zu jenem satirischen Abenteuer, in dem ein Junge plötzlich zum Star der Kunstszene wird.

Der Vorlesewettbewerb ist eine bundesdeutsche Institution, veranstaltet von der Stiftung Buchkultur und Leseförderung des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, steht er unter der Schirmherrschaft des Bundespräsidenten. Erich Kästner, der durch seine Bücher wie „Emil und die Detektive“ und „Das doppelte Lottchen“ wusste, wie Kinder mit Literatur die Welt erfahren können, hat den Wettbewerb 1959 mitbegründet. Damals war die Konkurrenz der Medien gering, das Fernsehen lockte noch kaum, an Streamingdienste, Games und die Verlockungen des Smartphones dachten nicht einmal Science-Fiction-Autoren. Kinder, die leidenschaftlich lesen, die Lust haben, andere damit anzustecken, sind heute in der Minderheit.

Und dabei geht nicht bloß ein Hobby verloren, sondern für einen Teil der Heranwachsenden auch die Kompetenz, an gesellschaftlichen Prozessen mitzuwirken. Wer längere Texte nicht erfassen kann, dürfte vom Kleingedruckten in Verträgen überrumpelt werden, fällt leichter auf simple Argumente herein, ob sie nun wissenschaftsfeindlich oder politisch dumpf sind. Der letzten veröffentlichten Pisa-Studie (2018) zufolge können jeder und jede fünfte 15-Jährige nicht richtig lesen.

Das mag sich in manchen Familien zum Guten verändert haben, wenn Kinder sich in der Corona-Zeit im Home- oder Teilungsunterricht besser konzentrierten. Aber das ist nur die optimistische Sicht auf die Dinge. Bildungsforscher sehen den Corona-Knick bereits in den Leistungen quer durch alle Jahrgangsstufen. Zahlen gibt es zum Beispiel aus Hamburg, dort ist die Gruppe der leseschwachen Kinder unter den Drittklässlern um mindestens elf Prozent gewachsen.

So schön von Schauspielern gesprochene Hörbücher auch sind (übrigens kostenlos in der Bibliothek und günstig über Dienste wie Spotify zu haben): Die Beziehung zum Buch als Objekt, das andere Welten, fremde Geschichten, Träume und Lebensmodelle birgt, gedeiht zunächst am besten im heimischen Bereich. Doch lesen laut Stiftung Lesen etwa ein Drittel der Eltern in Deutschland nur selten oder nie vor. Befragt, was sie daran hindere, gaben 49 Prozent an, dass es ihnen keinen Spaß mache.

In puncto Freude am Lesen könnten ihnen die Kinder, die am bundesweiten Vorlesewettbewerb teilgenommen haben, ein Vorbild sein.

Abrufbar unter: www.vorlesewettbewerb.de/finale