Wie im Bilderbuch: Die „Beuth“-Lokomotive im Deutschen Technikmuseum Berlin. Der Nachbau entstand 1912 bei Borsig.
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BerlinChristian Peter Beuth wird abgebaut. Die Hochschule für Technik Berlin legt den Namen des großen Modernisierers des Gewerbes in Preußen, des Wegbereiters der Technischen Universität und Vaters der weltberühmten Deutschen Industrie-Norm (DIN) ab, den sie sich 2009 stolz zugelegt hatte. Zwei Beuth-Straßen, eine in Pankow, eine in Mitte, werden wohl ebenso verschwinden.

Auf dem erst 2008 wieder in alter Form hergerichteten Schinkelplatz steht Beuths Statue bei seinem besten Freund, dem Stadtbaumeister Karl Friedrich Schinkel, und dem Landwirtschaftsreformer Albrecht Thaer. Vor dem Deutschen Institut für Normung in Berlin-Tiergarten zeigt seit 1987 ein Doppelstandbild Beuth im Gespräch mit Wilhelm von Humboldt.

Massive Vorbehalte gegen die Gleichstellung der Juden

Man darf sich vorstellen, dass die beiden über die Emanzipation der Juden diskutieren: Die Stein-Hardenbergschen Reformen, die nach 1807 Preußen einen gesellschaftlichen Schub versetzten, sahen das vor, ebenso die Abschaffung der Leibeigenschaft, Gewerbefreiheit, eine Bildungsreform.

Die Judenemanzipation gehörte zu den heiß umstrittenen Fragen, Wilhelm von Humboldt, der an der Ausarbeitung der neuen Regeln maßgeblich beteiligt war, befürwortete sie aus ordnungspolitischen Gründen – wenn schon neu, dann richtig und für alle. Seine Gattin Caroline von Humboldt – seit 2005 trägt eine hübsche Straße in Mitte ihren Namen – wetterte in Briefen an Wilhelm, die Juden bedienten sich ihrer Bürgerrechte nur zum Schachern und Handeln; sie seien „ein Flecken der Menschheit“.

Christian Peter Beuth (1781-1853)
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Auch Christian Peter Beuth ging die zu jener Zeit allgemein als grundstürzend empfundene Emanzipation der Juden viel zu weit. Ganz im herrschenden antisemitischen Geiste Martin Luthers hegte der Protestant Beuth massive Vorbehalte gegen die Gleichstellung der Juden.

Spekulationen bei antisemitistischer Tischgesellschaft

Den Ausschlag für den frischen Berliner Stimmungsumschwung von Beuth-Verehrung zu Verdammung gab der Fund einer Tischrede, die er 1811 als 30-Jähriger am Anfang seiner Karriere vor der Deutschen Tischgesellschaft hielt – einem Verein, der nur Christen zuließ und in dem die geistige Elite, Bürgerliche wie Adlige, der preußischen Hauptstadt vertreten war.

Zu dem Promi-Verein gehörten Antisemiten wie Clemens Brentano und Achim von Arnim, aber auch Karl Friedrich Schinkel. Der Historiker Stefan Nienhaus fand das vollständige Manuskript von Beuths Rede in der Handschriftenabteilung der Bibliothek der Jagellionischen Universität in Krakau. Ein übles Stück.

Beuth stellt darin Überlegungen darüber an, was aus einer Gleichstellung von Juden folge: Werde ein Jude Grundbesitzer und damit Patronatsherr eines Gutes, könne er auch den dortigen Priester bestellen (das Recht stand traditionell dem Gutsherren zu).


Christian Peter Beuth (1781-1853): Gründer und Förderer

  • Der Verein zur Beförderung des Gewerbefleißes in Preußen wurde 1821 gegündet. Beuth wurde dessen Vorsitzender. Sein Ziel war eine engere Kommunikation zwischen Regierung, Unternehmern und Geschäftsleuten, und zwar durch die Ermittlung und Veröffentlichung technischer Erfindungen und Verfahrensweisen.
  • Das Gewerbeinstitut in Berlin, ebenfalls 1821 von Beuth gegründet, und die allgemeine Bauschule bildeten Fachkräfte für die produzierenden Wirtschaftszweige aus. In den Provinzen ließ Beuth Gewerbeschulen errichten. Er warb ausländische Experten an und finanzierte die Studienreisen eigener Techniker.

Diese für die preußische Gesellschaft wahrlich verrückte Vorstellung trieb Beuth zu folgender Spekulation: Was, wenn solch ein Priester die Söhne seines jüdischen Gutsherren zu beschneiden habe: „… da von ihm nicht zu verlangen ist, dass er das Beschneiden versteht: so wird das Verbluten und Verschneiden manchen Judenjungens die wahrscheinliche und wünschenswerte Folge davon sein.“ Achim von Arnim applaudierte, Karl August Varnhagen von Ense befand: „Pöbelhaft und schal. Traurige Verirrung!“

Beuth imaginierte dieses blutige Spektakel während eines alkoholschweren Männergelages. Vom Tischredner erwartete man Krawall. Erklärtes politisches Ziel der Tischgesellschaft war es, die Judenemanzipation zu torpedieren.

Als Mitglied des Preußischen Staatsrates drängte Beuth auf Abschwächung der Emanzipierungspläne: Man solle unterscheiden zwischen „zivilisierten“ West- und rückständigen Ost-Juden. Letztere sollten weniger Rechte haben. Die Reformentschlossenen setzten sich weitgehend durch.

Beuth-Hochschule: Namensänderung zugunsten eines „schönen Namens“

Das Beispiel führt vor Augen: Der Antisemitismus existiert in Deutschland wie auch das stete Mühen um seine Überwindung. In diesem Ringen hat sich die Beuth-Hochschule, zwar nach ausgiebiger Beschäftigung, dann doch für kurzen Prozess entschieden: Mit Mehrheit von 30 zu 14 Stimmen entschlossen sich die Mitglieder der Akademischen Versammlung am 23. Januar 2020 zum Exorzismus, statt die Hochschule weiter der ungemütlichen Auseinandersetzung auszusetzen und genau das zu zeigen, was Realität ist: Gut und Böse leben – damals wie heute – nah beieinander.

Jetzt wünscht sich eine aktivistische Studenteninitiative einen „schönen Namen" anstelle des Makelbesetzten. Und Hochschulpräsident Prof. Dr. Werner Ullmann erklärt: „Mit dem Ablegen des Namens ‚Beuth‘ setzt die Hochschule ein klares und aktives Zeichen“ gegen Antisemitismus- und Rassismustendenzen. Das Gute, beziehungsweise die zweifellos Guten, haben gewonnen.

Beuths Spott traf einen Falschen

Abgesehen von Beuths hochgeschätzten Eigenschaften – unermüdliche Innovations- und Bildungsfreude, Netzwerken und Wissensaustausch, Praxisorientierung etc. – galt bislang an Beuth ehrenswert, dass er als Vertreter des zivilen, des „anderen“ Preußen nicht ins Muster des Militarismus passte.

1825 hatte der Spott des mittlerweile arrivierten Beuth einen getroffen, der trotzdem zu echter Größe wuchs: August Borsig. Der 19-jährige Zimmermann aus Breslau studierte an Beuths Gewerbeinstitut in Berlin. Nach anderthalb Jahren erklärte Beuth ihn für unfähig, „in seinem Fach etwas zu leisten“.

Borsig wechselte in die Eisengießerei Egells, übernahm bald deren Leitung und gründete schließlich 1837 seine eigene. Die Borsigsche Maschinen- und Lokomotivfabrik machte Berlin für etwa 100 Jahre zum Zentrum des Lokomotivenbaus in Deutschland.

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Dem Spott folgt gegenseitige Bewunderung

Das erste Modell, 1841 gebaut und selbstbewusst „Borsig“ genannt, bestand noch aus Importteilen. Mit dem zweiten gelang die erste vollständig in Deutschland entwickelte und hergestellte Lokomotive – ein Meilenstein der in Rivalität mit England stattfindenden Frühindustrialisierung.

Diese 1842 in der Chausseestraße/Ecke Torstraße gefertigte Lok nannte Borsig „Beuth“ – aus Dankbarkeit gegenüber seinem Lehrer. Als sich Borsig als Maschinenkonstrukteur bewährt hatte, änderte sich nämlich das Verhältnis zugunsten gegenseitiger Bewunderung.

Die „Beuth“ hatte sechs Räder, eine angetriebene Achse und zwei Laufachsen sowie einen Stehkessel, vorne ragte ein Schornstein auf. 71 Exemplare wurden produziert.

Nicht nur die Zeitgenossen sind beeindruckt

Heute steht die „Beuth“ als eines der herrlichsten Objekte im Museum für Technik in Berlin. Beeindruckt waren auch die Zeitgenossen. Im Amtlichen Bericht über die Allgemeine Deutsche Gewerbeausstellung in Berlin 1844, wo die „Beuth“ gezeigt wurde, werden die blanken Teile gelobt, namentlich „Sauberkeit der Ausführung“.

Die Leistungsschau zählt zu den maßgeblich Christian Peter Beuth zuzuschreibenden Großtaten: 3040 Handwerker und Fabrikanten stellten aus und dokumentierten den Fortschritt auf dem Weg von teurer Einzel- zu Serienfertigung.

„Beuth““-Lok: Zurück am Anhalter Bahnhof

Zu den 685 ausstellenden Berliner Firmen gehörte Borsig, die „Beuth“ war die Attraktion für die 260.000 Besucher im Zeughaus. Borsig hatte Beuth DAS Denkmal gesetzt. Danach fuhr die „Beuth“ im Dienst der Berlin-Anhaltischen Eisenbahn.

Mitte des 19. Jahrhunderts wurden die Loks dieses Typs verschrottet. Doch als die mittlerweile zu Weltruhm gekommene Firma Borsig 1912 ihr 75-jähriges Bestehen feierte, veranlasste man einen originalgetreuen Nachbau. Als am 8. April 1920 die 11.000. Borsig-Lok ausgeliefert wurde, zeigte man daneben auch die Traditionslok. 1928 kam sie ins Deutsche Museum nach München.

Nach der Eröffnung des Technikmuseums in Berlin übergab man sie der „jüngeren Schwester“ am Anhalter Güterbahnhof, womit sie an ihren alten Arbeitsplatz zurückkehrte. Wird es jemand wagen, August Borsigs Denkmal zu demontieren?