Berlin - Das vergangene Jahr war „ein schreckliches Jahr für uns“, sagt Roland Stimpel, Sprecher des Fachverbands Fußverkehr Deutschland (FUSS). „Immer wieder mussten wir gemeinsam mit Radfahrern zu einer Mahnwache, haben dort weiße Figuren oder Räder aufgestellt, Blumen niedergelegt und Kerzen angezündet.“ Im Jahr 2020 kamen 36 Menschen, die ohne Blechumhüllung und Motorkraft unterwegs waren, im Berliner Straßenverkehr ums Leben. Das sind sechs Nichtmotorisierte mehr als 2019. Insgesamt stieg die Zahl der Verkehrstoten in Berlin um zehn auf 50. Die Verkehrsunfallstatistik 2020, die am Montag veröffentlicht wurde, zeigt zwar auch einige positive Trends. Allerdings teilte die Polizei auch mit: „Das Lagebild ist mit denen der vorhergehenden Jahre nur schwer vergleichbar.“ Der Grund: Corona.

Trend hat sich umgekehrt - für wie lange? Nachdem die Zahl der Zusammenstöße auf den Berliner Straßen seit 2013 stetig gestiegen war, hat sich der Trend umgekehrt. Die Polizei registrierte im ersten Corona-Jahr 126.286 Unfälle, im Vergleich zum Jahr davor ein Rückgang um fast 14,3 Prozent. „Die Pandemie mit ihren Auswirkungen auf das Leben der Berlinerinnen und Berliner hat auch deren Mobilitätsverhalten beeinflusst“, so die Polizei. Lockdowns führten zu Einschränkungen im Reiseverkehr, „veränderte Lehr- und Lernformen wie Homeschooling sowie die immer häufiger genutzten Möglichkeiten des Homeoffice“ senkten das Verkehrsaufkommen. Im Umkehrschluss heißt das: Wenn die Krise vorbei ist, könnte sich der positive Trend wieder umkehren.

Berlin und Brandenburg rutschen in bundesweiter Statistik ab: Im ersten Corona-Jahr ging die Zahl der Menschen, die bei einem Unfall körperliche Schäden erlitten, zurück – um 13,7 Prozent. Die Zahl der leicht Verletzten sank um 2192 auf 13.273, die der schwer Verletzten ging um 250 auf 2054 zurück. Die Zahl der Unfalltoten stieg um zehn auf 50. Im vergangenen Jahr kamen 19 Fußgänger und 17 Radfahrer ums Leben, außerdem neun Motorrad- oder Rollerfahren sowie drei Autoinsassen. Zwei Todesfälle werden unter „Sonstige“ gelistet. Dass in Berlin mehr Menschen im Verkehr ums Leben kamen, hat Einfluss auf eine andere Statistik: War Berlin 2019 noch das Bundesland mit den wenigsten Unfalltoten je eine Million Einwohner, steht in dieser Rangfolge nun Hamburg an erster Stelle – und Berlin an zweiter. Brandenburg verschlechterte sich sogar um drei Plätze und ist jetzt das Land mit den meisten Unfalltoten je eine Million Einwohner. 140 Menschen starben hier im vergangenen Jahr, 15 mehr als 2019. 

Zahl der Fußgängerunfälle sinkt deutlich: Die Berliner Polizei hat im vergangenen Jahr 1855 Unfälle mit Fußgängern registriert, das entspricht einer Abnahme um 27,8 Prozent. 1225 Fußgänger wurden leicht verletzt, ein Rückgang um 27,4 Prozent. 357 Fußgänger kamen mit schweren Verletzungen ins Krankenhaus, ein Drittel weniger als im Jahr zuvor. Die Zahl der getöteten Fußgänger sank um fünf auf 19. „Die zu Fuß Getöteten waren zum Großteil ältere Menschen“, analysiert FUSS-Sprecher Stimpel. „Sie starben an Ampeln, auf Zebrastreifen, an Kreuzungen oder auf der Fahrbahn, die sie überqueren wollten. Von den 19 getöteten Fußgängern sind 18 von Autos gerammt worden, eine alte Dame von einem Fahrrad.“

Abbieger töten neun Radfahrer: Obwohl die Zählstellen des Senats im ersten Corona-Jahr rund ein Viertel mehr Radfahrer registrierten als 2019, stieg die Zahl der Fahrradunfälle in Berlin nicht im gleichen Maße an. Die Zahl stagniert bei 7868, das sind 14 Unfälle mehr als im Jahr davor. Die Zahl der leicht verletzten Radfahrer nahm um 1,9 Prozent zu, auf 4885. Insgesamt 688 Radfahrer wurden schwer verletzt, ein Anstieg um 2,7 Prozent. Dagegen hat sich die Zahl der getöteten Radfahrer laut Polizei fast verdreifacht: von sechs auf 17, davon waren sieben im Seniorenalter. Mehr als die Hälfte – insgesamt neun Radler – starben, weil sie von abbiegenden Kraftfahrzeugen erfasst und getötet worden waren. Auch sonst ist fehlerhaftes Abbiegen die Hauptursacher von Fahrradunfällen in Berlin. Zwei Radfahrer kamen aufgrund „nicht angepasster Geschwindigkeit“ ums Leben. Ein Radfahrer stürzte, nachdem er zu viel getrunken hatte, so die Polizei weiter. Zwei Radfahrer „verstarben beim falschen Einfahren in den Fließverkehr“, zwei Radfahrer waren auf der falschen Fahrbahn unterwegs oder missachteten eine Ampel. Ein Todesfall ist ungeklärt.

Noch mehr Radfahrer getötet? Der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club (ADFC) listet für das vergangene Jahr sogar 19 getötete Radfahrer in Berlin auf. „Doch der Mann, der am 15. Dezember 2020 in Lichtenrade von einem rechts abbiegenden Lkw erfasst wurde, starb nicht an den Folgen dieses Unfalls“, hieß es am Montag bei der Polizei. Der Journalist Matthias Puddig, der am 3. August am Ernst-Ruska-Ufer in Adlershof ebenfalls von einem Lastwagen getötet wurde, wiederum wird in der Statistik nicht als Radfahrer gelistet, obwohl er mit dem Rad unterwegs war und kurz zuvor  abgestiegen war. „Er gilt in unserer Bilanz als Fußgänger“, so die offizielle Erklärung.

Die Top 5 der Berliner Unfallschwerpunkte: Die meisten Unfälle ereigneten sich im vergangenen Jahr am Jakob-Kaiser-Platz – insgesamt 266 Kollisionen. In der Rangliste folgen der Große Stern, der Ernst-Reuter- sowie der Theodor-Heuss-Platz. Der Knotenpunkt am Schlesischen Tor in Kreuzberg, 2019 auf Platz eins, ist nun auf Platz 5.

Mehr illegale Autorennen geahndet, aber weniger Tempokontrollen: Im vergangenen Jahr leitete die Polizei 750 Strafermittlungsverfahren wegen „verbotener Kraftfahrzeugrennen“ ein, das sind 388 mehr als im Jahr davor. In rund einem Drittel der Fälle handelte es sich um Wettbewerbe mit mindestens zwei Teilnehmern. Die weiteren Drittel entfielen auf Fluchten vor polizeilichen Kontrollen und „Einzelrennen“ – Raser, die sich allein auf die Probe stellen wollten. Dagegen ging die Zahl der Tempokontrollen mit mobilen Geräten zurück, um 1071 auf 9150. Ein Grund: weniger Verkehr, so die Polizei. Während die Zahl der eingeleiteten Verkehrsstraftaten in Berlin im vergangenen Jahr um fast neun Prozent auf 24012 stieg, wurden 19 Prozent weniger Verkehrsordnungswidrigkeiten geahndet - insgesamt fast 3,6 Millionen.

Vision Zero noch lange nicht Realität: „Berlin hat sich sowohl im Koalitionsvertrag als auch im Mobilitätsgesetz zur Vision Zero verpflichtet, dem Ziel von null Verkehrstoten und null Schwerverletzten“, sagte Frank Masurat, Vorstandsmitglied des ADFC Berlin. „Corona-Pandemie und Klimakrise sind noch nicht vorbei, der Fahrrad-Boom wird anhalten. Wir brauchen weniger und langsameren Kfz-Verkehr in der Stadt und vor allem mehr Platz für Menschen zu Fuß und auf dem Rad. Der Senat muss jetzt handeln. Maßnahmen, die lange bekannt sind, umzusetzen, ist drängender denn je.“

Mehr Kontrollen gefordert: „Zu schweren Unfällen kommt es meistens an Kreuzungen. Abbiegeunfälle bleiben ein drängendes Problem“, sagte Susanne Grittner vom ADFC. Der Senat müsse sich auf Bundesebene dafür einsetzen, dass Lastwagen mit  Abbiegeassistenten nachgerüstet werden, die nicht ausgeschaltet werden können. Die Radfahrerlobby fordert auch „regelmäßige und deutlich mehr Kontrollen des Abbiegeverhaltens, von Falschparkern sowie Geschwindigkeitsübertretungen und mehr mobile Blitzer in der Stadt“.

Lob für den Senat, Kritik am Bund: „Wichtigster Schlüssel für mehr Fußgängersicherheit ist Tempo 30 statt 50, das an vielen Straßen und Straßenabschnitten noch angeordnet werden muss“, sagte FUSS-Sprecher Roland Stimpel. Er lobte Verkehrssenatorin Regine Günther (Grüne). Sie habe das „Problem verstanden, war selbst auf Mahnwachen und sie hat sich im Bundesrat für mehr Tempolimits eingesetzt“. Der neue Abschnitt des Berliner Mobilitätsgesetzes, in dem es um den Fußverkehr geht, verspreche „mehr Sicherheit“. Anders urteilte Stimpel über Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer: „Er sabotiert, was mehr Sicherheit bringen und Leben retten würde: wirksame Tempolimits, höhere Bußen und mehr Fahrverbote für Raser, bessere Regeln für Zebrastreifen und Verkehrsberuhigung. Dieser Minister rollt verkehrspolitisch über Leichen.“