BerlinNicht mehr lange, dann werden Alexandra und Dennis in Berlin unterwegs sein. Alexandra und Dennis - diese Namen gaben Mitarbeiter der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) den ersten Exemplaren der neuen Doppeldecker-Generation, die am Mittwoch vorgestellt worden sind. Gebaut wurden sie vom britischen Hersteller Alexander Dennis, kurz ADL. Während Alexandra demnächst auf Kopfsteinpflaster und anderen Holperstrecken harte Tests erdulden muss, soll Dennis ab Mitte November auf der Linie 100 eingesetzt werden. „Dann können die Fahrgäste die neue Bus-Generation hautnah erleben“, kündigte BVG-Betriebsvorstand Rolf Erfurt an. Die Beschaffung ist dringend erforderlich, denn der Bestand an Doppelstockbussen ist dramatisch gesunken.

Touristen schätzen die Aussicht vom Oberdeck, Berliner das große Fassungsvermögen. Doch die jetzige Doppeldecker-Generation ist sichtbar in die Jahre gekommen, sagte Torsten Mareck, Bus-Chef der BVG. „Die Fahrzeuge sind einfach durch.“ Pro Jahr legen die Busse vom Typ DL A39, die im Zeitraum 2005 bis 2009 von MAN geliefert wurden, im Schnitt rund 100.000 Kilometer zurück. Der Alltagsbetrieb hat an Motor, Getriebe und Achsen Spuren hinterlassen, die einen immer größeren Reparaturaufwand fordern. Da ist der hohe Kraftstoffverbrauch, die Rede ist von mehr als 60 Liter Diesel auf hundert Kilometer, fast schon sekundär. Die kantigen Fahrzeuge seien in etwa so schnittig „wie eine Schrankwand“, sagte ein BVG-Mitarbeiter.

Gehörten vor knapp einem Jahr noch mehr als 410 Doppeldeckerbusse zum Bestand des größten kommunalen Verkehrsbetriebs in Deutschland, so sind es laut Mareck derzeit nur noch „knapp unter 300“. Davon seien lediglich rund 210 einsatzfähig. Einige „Große Gelbe“ konnten nach Kroatien und Albanien verkauft werden, doch Dutzende mussten verschrottet werden.

So war die Freude bei den Fans umso größer, als am Mittwoch die neuen Prototypen präsentiert wurden – wenn auch einige Monate später als zunächst erwartet. Die Fahrzeuge vom Typ Enviro 500 hatten es vor knapp einer Woche mit eigener Kraft über den Ärmelkanal nach Berlin geschafft. Weil sie mit 4,06 Metern die Normhöhe überschreiten, war für jedes durchquerte Bundesland eine Genehmigung zu besorgen. 

Da standen sie nun in der Halle des Busbetriebshofs Müllerstraße: 13,8 Meter lang, 16,4 Tonnen schwer, mit drei Achsen, drei Türen und zwei Treppen. „Ich bin ein Berliner“ leuchtete auf Dennis‘ Zielschild auf. Er trägt die Nummer 3551, Alexandra 3550. Das Buffet bestand aus dreieckigen Sandwiches, wie sie in Großbritannien üblich sind.

Kommen die neuen Doppeldecker künftig aus der Türkei?

Die Fahrzeuge seien eine „coole Sache“, lobte die neue BVG-Vorstandsvorsitzende Eva Kreienkamp, die ihren ersten Auftritt in der Öffentlichkeit absolvierte. „Ich hoffe, dass Sie den gleichen guten Eindruck bekommen wie wir.“ Die Getriebe kommen von Voith, die Achsen von ZF und die Euro-6d-Dieselmotoren, die eine Leistung von 260 Kilowatt haben, von Mercedes Benz. „Es sind die gleichen Motoren, wie sie unsere neuen Gelenkbusse haben“, so Mareck. Das spart Aufwand in den Werkstätten.

Am Steuer von Alexandra: die neue Vorstandsvorsitzende der BVG, Eva Kreienkamp.
Foto: DAVIDS/ Sven Darmer

In den klimatisierten Bussen haben jeweils 112 Fahrgäste Platz, es gibt 80 festmontierte Sitze und 32 Stehplätze. Was erwartet die Reisenden? ADL-Sprecher Stefan Baguette nannte Beispiele: „An jedem Platz gibt es eine USB-Doppelladebuchse. Unten zeigt ein Monitor an, ob oben Sitzplätze frei sind. Die LED-Beleuchtung passt sich der Außentemperatur an: Unter 20 Grad Celsius gibt es warmweißes Licht, über 22 Grad ist es kaltweiß.“

Die Treppen sind beleuchtet, allerdings wurde kritisiert, dass die hintere ziemlich steil sei. Die Decke im unteren Stockwerk ist mit 1,90 Meter etwas höher als in den jetzigen Bussen. Das Oberdeck stellt aber wie bisher eine Herausforderung für größere Menschen dar. Die Sitzbezüge leuchten mehrfarbig im BVG-eigenen Urban-Jungle-Design, die Sitze sind so hart wie in anderen BVG-Bussen.

Bis zum Ende des Jahres sollen die Prototypen erprobt werden, sagte Rolf Erfurt. Bestehen sie die Tests, treffen 2021 weitere 25 Doppeldecker ein. Bis Ende 2022 folgt der Rest der Lieferung – bis 200 Fahrzeuge da sind. „Ob alle Fahrzeuge Namen bekommen, werden wir sehen“, sagte BVG-Chefin Kreienkamp.

Schon jetzt sind die Oberdecks von Berliner Doppeldeckern nicht für große Menschen geeignet. Beim Enviro 500 ist das nicht anders.
Foto: Berliner Zeitung/ Gerd Engeklsmann

Mit mehr als 18.000 Fahrzeugen dieser Art gilt ADL als Weltmarktführer für Liniendoppeldeckerbusse. Die Prototypen für Berlin wurden in Großbritannien gebaut. Die Fahrgestelle entstanden in Guildford, die Montage erfolgte im schottischen Falkirk. Doch der Brexit könnte die weiteren Lieferungen erschweren. „Wir können noch nicht sagen, wo die anderen Busse produziert werden“, so ADL-Sprecher Stefan Baguette. In Guildford seien viele Arbeitsplätze gestrichen worden, hieß es bei der Gewerkschaft Unite.„Wir gehen davon aus, dass sie eher in der Türkei als in Großbritannien hergestellt werden“, sagte Ben Norman von Unite.