Der Berliner Journalist und Schriftsteller Rainer Schmidt, Jahrgang 1964, hat einen Roman über einen gescheiterten Dealer geschrieben: „Die Cannabis GmbH“. Im Interview spricht der gebürtige Düsseldorfer über die Idee zu seinem Roman, Deutschlands anachronistische Haltung zum Cannabis-Konsum und das Scheitern aktueller Drogenpolitik.

Herr Schmidt, Sie haben einen Roman über einen Hanf-Dealer geschrieben, der angeblich auf einer wahren Begebenheit beruht …

Ja, es ist jedoch keine Biografie, sondern ich habe jemanden kennengelernt, der mich zu dieser Hauptfigur inspiriert hat …

Das heißt, Sie kennen einen Dealer?

Eher einen Großproduzenten, es ist der Ehemann einer Bekannten. Der hat mich in die Grasanbauszene eingeführt. Er wurde wegen seiner Großplantage zu mehreren Jahren Gefängnis verurteilt.

Was muss ich mir unter einer Großplantage vorstellen?

Deutlich mehr als tausend Pflanzen.

Ist das viel?

Ja. Der Mann hatte die Anlage in einer circa 50 mal 40 Meter großen Halle versteckt. Die war mit Schiffen vollgestellt, damit es aussah wie eine Bootshalle.

Sie haben für das Magazin Stern auch eine Titelgeschichte geschrieben, „Die bekiffte Republik“, eine Art Lanzenbruch für das Kiffen. Woher rührt diese Affinität?

In Berlin beispielsweise wird überall gekifft, hier hat man sowieso den Eindruck, dass Drogen nicht wirklich illegal sind. Viele Erwachsenen gehen damit relativ vernünftig um. Mich hat selbst als Nichtkiffer immer die Bigotterie gegenüber dem Kiffen genervt, als ob ausgerechnet der harmlose Cannabis-Konsum das größte Verbrechen gegen die Gesundheit und die Gesellschaft wäre. Daran erinnerte mich das Schicksal des Grasproduzenten, der wie ein mittelständischer Möbelfabrikant arbeitete und lebte, aber wie ein Schwerverbrecher weggesperrt wurde. Dessen Geschichte war so skurril, lustig und brutal, die musste ich aufschreiben.

Sie haben auch in Berlin recherchiert. Im Görlitzer Park?

Ja. Im Görlitzer Park sieht man doch wie unter einem Brennglas das Scheitern der aktuellen Drogenpolitik: Ein unkontrollierter Schwarzmarkt. Man wird dem Problem einfach nicht Herr.

Wieso? Man hat dort doch die Hecken gestutzt, die Polizeipräsenz massiv erhöht und vermeldet Festnahmen. Ist das keine Verbesserung?

Ich glaube, das ist vor allem Augenwischerei. Bei einem Spaziergang dort bin ich kürzlich genau so oft angezischelt worden wie sonst auch. Und selbst, wenn man dort Tag und Nacht die armen Polizisten im Dauereinsatz verschleißt, dann gehen die Dealer halt ein paar Straßen weiter oder in die Hasenheide. Eine echte Lösung sieht ja wohl anders aus.

Was wäre denn Ihre Idee für den „Görli“? Eigentlich sind doch alle Beteiligten zufrieden. Der Park ist ein abgegrenztes Gebiet, alles ist unter Kontrolle und das Problem bleibt in Kreuzberg, könnte man meinen.

Oje, das ist aber eine sehr zynische Betrachtung, das klingt so nach aufgegebenem Territorium. Bis jetzt sind alle traditionellen Mittel zur Lösung gescheitert. Also scheint mir die Idee des wirklich engagierten Bezirksamtes sehr vernünftig, mit einem Modellversuch zur kontrollierten Cannabis-Abgabe einen neuen Weg zu beschreiten. In Frankfurt und Köln wird so etwas ja auch überlegt. In Amerika funktioniert die kontrollierte Abgabe – etwa in Denver – offenbar sehr gut, der dortige Schwarzmarkt trocknet aus.

Untertreiben Sie die Wirkung von Cannabis nicht? Es macht körperlich vielleicht nicht abhängig, psychisch hingegen schon …

Nur Ignoranten bestreiten, dass intensiver Cannabis-Konsum insbesondere für Heranwachsende schädlich sein kann. Es gibt deswegen keinen seriösen Legalisierungsbefürworter, der für eine unkontrollierte Freigabe ist. Die gibt es nur an Orten wie dem Görlitzer Park. Kein Dealer prüft das Alter seiner Kunden, die lizenzierten Fachgeschäfte in Amerika dagegen schon.

Es gibt aber sicherlich einen Zusammenhang zwischen Cannabis und einer Disposition von psychischen Erkrankungen, die durch das Kiffen verstärkt oder ausgelöst werden.

Sicher, unentdeckte Psychosen können anscheinend durch Cannabis getriggert werden. Schmerzpatienten kann Gras dagegen sehr helfen. Die Illegalität hilft weder den einen noch den anderen. Wer heute kiffen will, kifft eben. Ohne Verbraucherschutz, ohne Jugendschutz. Zu glauben, die Gesetze halten Menschen davon ab, ist erwiesenermaßen Unsinn. Die Prohibition hat auch niemanden vom Trinken abgehalten.

Seit Monaten wird so intensiv wie seit Jahren schon nicht mehr in Deutschland über eine mögliche Freigabe von Cannabis diskutiert. Sogar Juristen und Polizisten sind dafür. Glauben sie, es wird sich tatsächlich etwas ändern?

Alle starren nach Amerika, wo Cannabis in vielen Bundesstaaten mittlerweile vollständig oder zumindest als Medizin legalisiert worden ist. Das ist wie ein riesiger Feldversuch. Wenn die Erfahrungen dort weiterhin so gut sind, wird sich selbst hier hoffentlich die Vernunft durchsetzen, weil dann auch den letzten Prohibitions-Ideologen die Argumente ausgehen. Wäre doch toll, wenn Berlin hier vorweg gehen würde.

Interview: Marcus Weingärtner