BerlinDer Mann versteht die Aufregung nicht. Er hat doch gerade erst seinen grünen Transporter in der Hermannstraße geparkt, warum soll er gleich wieder weg? Dummerweise steht er vor der Hausnummer 150, was ganz und gar unmöglich ist. Eine Bushaltestelle befindet sich hier und gleich dahinter ein Parkverbot, zeitlich begrenzt. Denn jetzt wird ein anderes Fahrzeug erwartet, nicht grün und klapprig, sondern gelb und schnittig, ein italienischer Sportwagen. So ungefähr sagt das der Berliner CDU-Vorsitzende Kai Wegner dann auch dem Fahrer des Transporters, der daraufhin eine Diskussion anzettelt, die erst endet, als der Flitzer geräuschvoll naht.

Es herrscht Kampf in Neukölln. Kampf um freie Parkplätze, das auch, aber vor allem gegen die Clan-Kriminalität. Ach ja, und es herrscht natürlich auch ein bisschen Wahlkampf. Der gelbe PS-Protz könnte zwar für alle drei Arten von Kampf stehen, soll aber vorrangig symbolisieren, dass es dem organisierten Verbrechen an den Kragen geht. Wenn die CDU Berlin regiert. In diesem Fall wird kriminell erworbenes Vermögen, auch eine flotte Karosse, sofort einkassiert. Um das verbrecherische Element zu unterstreichen, sind Einschusslöcher auf die Flanken des gelben Flitzers geklebt, auf der Tür prangt die Aufschrift: „Kriminelle Clans gehören auf Netflix, nicht auf Berlins Straßen. CDU Berlin“.

Neukölln gilt nun mal als Hotspot. Nicht für Streamingdienste wie Netflix, die Gangster-Filme zeigen, sondern bei der Clan-Kriminalität, die für Ärger im richtigen Leben sorgt. „Wir wollen ein ganz konsequentes Handeln gegen diese Clan-Strukturen“, sagt Wegner. So steht es auch in einem Aktionsplan, den seine Partei erarbeitet hat und der elf DinA-4-Seiten füllt. „Wir wollen ein abgestimmtes Verfahren zwischen Bund, Ländern und Kommunen.“ Also gemeinsam mit den Berliner Bezirken. Mit dem Bezirk Neukölln beispielsweise, den Falko Liecke an diesem Donnerstagvormittag in der Hermannstraße vertritt, obwohl - eigentlich ist er ja als CDU-Politiker da.

Liecke jedenfalls ist Stadtrat für Jugend und Gesundheit und stellvertretender Bürgermeister, möchte aber Bürgermeister werden, wie er ohne Umschweife sagt. Als solcher, fährt er fort, „möchte ich gemeinsam mit dem Senat diesen Bezirk clan-frei machen“. Denn niemand will Einschusslöcher irgendwo. Netflix einmal ausgenommen.

Die Forderungen von Wegner, Liecke und ihrer CDU sind dann auch sehr real und so ernst gemeint wie die Lage ist. Sie zielen auf ein abgestimmtes Vorgehen ab. Beim Gesetz gegen Geldwäsche zum Beispiel verlangt ihr Aktionsplan eine „ganz klare bundespolitische Regelung“, wie Stadtrat Liecke sagt: „Wir wollen den Kampf gegen Geldwäsche deutlich vereinfachen.“

Ein einheitliches Vorgehen fordern die Christdemokraten ebenso für das Land Berlin. Zum Vorbild nehmen sie sich ihren Parteikollegen Herbert Reul, der als Innenminister von Nordrhein-Westfalen laut Wegner „nicht nur mal eine nette Medienaktion macht, sondern immer konsequent gegen die Clan-Strukturen vorgeht“. Medienaktionen führen ja zu nichts.

Ein dicker schwarzer Schlitten fährt vorbei, der Fahrer hupt, während Liecke erklärt, dass in dieser  Stadt noch nicht jeder begriffen habe, was auf dem Spiel stehe. In Neukölln praktizierten sie eine „Politik der Nadelstiche“. Durch Razzien etwa. „Doch in Friedrichshain-Kreuzberg wird so gut wie gar nichts gemacht.“ Und beim Senat vermisse er ebenfalls ein entschlossenes Auftreten. „Der Innensenator“, sagt Liecke mit Blick auf Andreas Geisel (SPD), „wird von der Linken und den Grünen ausgebremst. Die meinen, das sei alles übertrieben.“

Den Kampf gegen die Clans könne aber nicht nur ein Senator alleine aufnehmen. Liecke zählt auf: Finanzen, Bauen und Wohnen. Und  Justiz. Der Grüne Justizsenator Dirk Behrendt indes „kümmert sich ja mehr um die Einführung einer neuen Sprache als um die Kriminalitätsbekämpfung“.

Die Wurzel des Übels muss man packen. Das könnte auch ein Titel für das Aktionsprogramm sein. Einer, der ohne Netflix auskommt. Illegale Geldströme kappen ist eins. Das andere: den kriminellen Nachwuchs zur Umkehr bewegen, mit Hilfe eines Aussteigerprogramms.

Unterwegs ohne amtliches Kennzeichen

„Darüber hinaus wollen wir die Beweislastumkehr“, sagt Liecke schließlich: Die gelte es auf Bundesebene zu verschärfen. „Nicht der Staat muss nachweisen, wo das Vermögen herkommt, sondern die Clans.“ Noch ist es umgekehrt.

Für Liecke und Wegner gilt an diesem Vormittag in der Hermannstraße übrigens die Unschuldsvermutung. Der gelbe Flitzer, versichern sie, wurde keinem Clan-Boss abgenommen, er wurde bei einer seriösen Autovermietung entliehen und dorthin nun mit einem Abschleppwagen wieder zurückgebracht. Fernsehkameras können das belegen.

Sie sind nicht damit gefahren, Liecke und Wegner, keinen Meter. Ein Chauffeur hat das bewegt, was die Berliner Polizei allerdings gar nicht amüsant fand. Nicht wegen Liecke oder Wegner, sondern vielmehr deshalb, weil „B YE BYE“ (Kriminelle) zwar lustig, aber ohne Siegel kein amtliches Kennzeichen ist. Nun geht die Polizei dem Verdacht einer Straftat nach. 

Wegner hätte allerdings schon Lust gehabt, eine runde mit dem gelben Geschoss zu drehen. „Aber das wäre nicht so gut angekommen.“ Der Fahrer des Lieferwagens zumindest hätte angesichts eines CDU-Chefs mit Einschusslöchern in der Tür nicht diskutiert, er hätte gleich ausgeparkt.