Ist das Christian Drosten oder ein Musiker von Oasis?
Foto: imago images/Reiner Zensen

BerlinIch schaue mir jetzt manchmal die internationalen Corona-Statistiken der Neuinfektionen und Todesfälle an und denke: Na, da stehen wir doch wieder mal ganz ordentlich da. Ich weiß, das klingt ein bisschen dämlich, als wäre ich der Bundesgesundheitsminister oder so. Keine Ahnung, warum mich auf einmal dieser Corona-Stolz erfüllt, aber es ist so.

Heute Morgen zum Beispiel war die Zahl der neuen Todesfälle in Deutschland auf einen Niedrigrekord gefallen, nur 97 Menschen waren in den vergangenen 24 Stunden am Virus gestorben. Besser waren nur Russland, die Türkei und der Iran, und wie es in diesen Ländern um Transparenz und Ehrlichkeit bestellt ist, darüber müssen wir ja wohl nicht reden. Ich gehe also mal davon aus, dass wir Deutschen momentan sterbevermeidungsmäßig den ersten Platz belegen. Und das ist doch wunderbar, wenn man realisiert, dass wir nicht nur den schönsten Virologen und die besonnenste Kanzlerin haben, sondern eben auch die besten Krankenhäuser, die tollsten Beatmungsgeräte, das meiste Geld und das geilste Krisenmanagement.

Überheblichkeit, Borniertheit, Egoismus!

Irgendwie fühlt man sich selbst dadurch doch auch gleich viel geiler, toller und schöner, oder? Natürlich ist mir klar, wie peinlich und rückwärtsgewandt solche Gefühle sind. Sie sind das Gegenteil von europäischer Integration und menschlicher Solidarität, sie sind von Überheblichkeit, Borniertheit und Egoismus geprägt und gehören in die Gefühlsmülltonne! Für immer!!

Und trotzdem fühle ich leider so, ich kann es nicht verhindern. Es war ja auch schon vor Corona so, dass ich stolz genickt habe, wenn in den Nachrichten gesagt wurde, dass wir schon wieder Export-Weltmeister geworden sind. Dann habe ich im Stillen bei mir gedacht: Nicht schlecht, Export-Weltmeister! Chapöchen, Popöchen! Als hätte ich damit auch nur das Geringste zu tun. Dabei ist das Einzige, was ich je aus Deutschland herausexportiert habe, mein klappriger, dunkelbrauner Reisekoffer.

Der Corona-Stolz ist logischerweise noch viel schlimmer, weil es um Menschenleben geht. Und weil es keine Quelle der Freude, sondern der Demut sein sollte, wenn einen selbst ein günstigeres Schicksal als andere ereilt. Deshalb dürfen wir mit unseren grandiosen Erfolgen auch nicht so prahlen, das kommt in anderen Ländern gar nicht gut an.

Frag ja keinen: "Na, was habt ihr so gemacht?"

Ich sehe das in den Videokonferenzen mit der Familie meiner Frau Catherine. Ihre Schwester wohnt in Mailand, ihr Bruder in Paris, die Eltern in Brüssel, alles eher Corona-Hotspots, was man in den Videokonferenzen schon daran erkennt, dass die anderen wegen der wochenlangen strengen Ausgangsbeschränkungen sehr blass aussehen. Wir erzählen ja schon gar nicht mehr, dass wir am Wochenende immer in unseren Garten nach Brandenburg fahren, aber die anderen sehen es trotzdem – an unseren braun gebrannten Ferien-Gesichtern. Beim letzten Mal habe ich den Raum extra abgedunkelt, aber die anderen bemerkten trotzdem das unverschämte Glück, das aus unseren Augen blitzte.

Auch die Gespräche sind schwierig. Man kann ja nicht fragen: „Na, und was habt ihr so gemacht?“ Ich weiß das, weil ich einmal gefragt habe. Und die Antwort war eisiges Schweigen. Selbst aufmunternde Worte sind verpönt, Mitleid geht gar nicht. Man steht als erfolgreicher deutscher Krisenbekämpfer zurzeit eben doch ziemlich alleine da.

30.000 Erntehelfer eingeflogen, aber nur 74 Flüchtlinge!

Meine Frau meint, die Deutschen seien unsolidarisch. Sie sagt: „Ihr holt 240.000 deutsche Touristen zurück, lasst 30.000 osteuropäische Erntehelfer einfliegen. Und nur 47 syrische Flüchtlingskinder. Ihr seid gegen Corona-Bonds, und eure größte Angst ist es, im Sommer nicht nach Griechenland fahren zu dürfen! Schämt euch!“

In solchen Momenten fällt mir ein, dass ich als Ostdeutscher ja gewissermaßen der Grieche unter den Deutschen bin. Und dass mein falscher Stolz auch ein Schrei nach Liebe sein könnte. Müsste ich mal drüber nachdenken.