GROSS SCHÖNEBECK - Auch wenn er es nicht offen sagt, Tobias Wesebaum ist verliebt. Das hört man heraus, wenn er von der „dicken Silke“ spricht. Die steht etwas versteckt an einem schönen Wanderweg zwischen Groß Schönebeck und Eichhorst (Barnim). Silke ist ein Baum, ein wirklich herrlicher Baum, der mit seinem Stammumfang von sechs Metern als mächtigste Buche im gesamten Land Brandenburg gilt.

Tobias Wesebaum ist Ranger im Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin und in der Gegend groß geworden. Er mag den Baum nicht nur, weil er so überaus groß und vital ist, sondern auch weil es zu Silke eine schöne Geschichte gibt.

Der Sage nach hatte einst ein Förster den 30. Geburtstag seiner Frau Silke vergessen und kein Geschenk besorgt. Daraufhin wollte er sich voll Gram und Scham im Wald erhängen. Doch da sprach ihn ein kleines Männlein an und gab ihm den Rat, seiner Frau doch diese schöne Buche zum Geschenk zu machen. Der Förster eilte nach Hause, nahm seine Frau an die Hand und führte sie zu der Buche. Dort stand inzwischen – wie von Zauberhand hingestellt – eine festliche Tafel, gedeckt mit allem, was das Herz begehrt, und der Förster feierte mit seiner Silke bis tief in die Nacht hinein.

Traumjob Ranger

„Seitdem heißt sie Silke-Buche, und die guten Waldgeister arbeiten heute bei der Naturwacht“, sagt Wesebaum. Seit einem Jahr ist der 31-Jährige bei der Naturwacht-Station im Bahnhof Groß Schönebeck angestellt. Zuvor hat er an der Hochschule für Nachhaltige Entwicklung im nahen Eberswalde Landschaftsnutzung und Naturschutz studiert und führt nun in seinem Traumjob als Ranger auch Gruppen zu dem Naturdenkmal unweit der beiden Pinnowseen.

Wer das erste Mal unter die gewaltige Krone tritt, deren untere Zweige an der südlichen Seite bis fast zur Erde reichen, hat das Gefühl, sich in einem Dom zu befinden. In der grünen Kathedrale stellt sich unwillkürlich ein Gefühl der Andacht und der Demut ein.

Man fragt sich, was der Baum alles gesehen haben mag. Wie weit wohl seine Wurzeln reichen mögen und wie viele Tonnen Bucheckern er im Laufe seines Lebens produziert hat. So auch dieses Jahr, da er wieder so voller Früchte hängt, dass den Wildschweinen im Revier bestimmt schon vor Vorfreude auf den Herbst das Wasser im Maul zusammenläuft.

Der Platz an der Buche ist auch heute noch – wie zu des Försters Liebchens Zeiten – ein hervorragender Picknickort für Radwanderer und Spaziergänger, denn gleich nebenan befindet sich ein Wildacker, eine große grüne Lichtung, auf der die Kinder toben können, während ihre Eltern verschnaufen. Ein Riesenfindling lädt zum Sitzen ein. Es gibt auch Holzbänke und einen Tisch für die, die es etwas bequemer mögen.

Schräg gegenüber, am anderen Rand der Wiese, steht die Schwester der dicken Silke – ein ebenfalls sehr mächtiger Baum, vielleicht drei, vier Jahrzehnte jünger als die auf bis zu 300 Jahre geschätzte Silke. Ein Bummel dorthin und ein Blick in den Wald auf der anderen Seite lohnt, weil das Gelände dort sehr hügelig und von Schluchten durchzogen ist. Dem Betrachter bietet sich eine typische Endmoränenlandschaft dar.

Das Waldgebiet, in dem vorwiegend Buchen und Roteichen wachsen, wird von den Einheimischen meist „Der Libanon“ genannt. „Warum das so ist, weiß keiner“, sagt Wesebaum. Zedern, die das Wahrzeichen des Libanon sind, wurden jedenfalls hier noch nicht entdeckt. Dafür gibt es neben prächtigen Buchen uralte knorrige Eichen, die 600 oder mehr Jahre auf dem Buckel haben.

„Diese einzeln stehenden großen Bäume werden Hutebäume genannt“, erklärt Wesebaum. Früher trieben die Leute ihr Vieh noch in den Wald zum Weiden. Unter großen Eichen und Buchen fanden die Viehhüter gutes Mastfutter für die Tiere. Die Schweine, Kühe und Schafe fraßen dann nicht nur die Eicheln und Bucheckern, sondern auch die Schösslinge und all das junge Grün ringsum, sodass der Hutebaum immer genug Licht hatte und weiter in die Höhe und in die Breite wachsen konnte – und noch mehr Futter für das Vieh lieferte.

Künstlich wildreich gehalten

Heute knabbert Rot- und Rehwild die Knospen und frischen Triebe der jungen Bäume ab. Die Schorfheide war schon zu Kaisers Zeiten ein Jagdrevier, das künstlich besonders wildreich gehalten wurde. So blieb es über die Nazizeit hinweg bis in die jüngste Vergangenheit. Das Jagdhaus des einstigen SED-Chefs Erich Honecker steht nur wenige Kilometer von Silke entfernt. Es wird noch viele Jahrzehnte dauern, bis sich der Wildbestand auf ein normales Maß eingepegelt hat, trotz der regelmäßig veranstalteten Treibjagden. „Bis dahin werden wir immer wieder Bäume finden, die wie ein Bonsai aussehen: dicker Stamm, kleine verkrüppelte Krone“, erzählt Wesebaum und zeigt auf solch eine Buche mit typischen Verbissstellen. Sie ist kaum einen Meter hoch.

Vielleicht veranstalten künftige gute Waldgeister in einigen Hundert Jahren, wenn es die dicke Silke nicht mehr gibt, Führungen zu diesen Bäumen und erzählen von Zeiten, da man massenhaft Hirsche im Wald hielt, damit mächtige Männer einen Blattschuss landen können.

Wege zu Silke: Zug von Karow bis Groß Schönebeck, dann per Rad Richtung Joachimsthal bis zum Kleinen Pinnowsee. Silke steht nahe dem Jagenstein 143. Oder im Auto bis Eichhorst, dann sechs Kilometer laufen.