Die Ehrgeizigen, die Schlimmsten

Ehrgeiz ist moralisch gesehen eine Tugend, nicht wahr? Die Ehrgeizigen, das sind meist kompetente, kraftvolle Typen, oder? Ganz im Gegenteil, sagt Andrick.

Ehrgeiz begünstigt und belegt den Umstehenden die Aufgabe eigener Gedanken
Ehrgeiz begünstigt und belegt den Umstehenden die Aufgabe eigener Gedankenimago/Westend61

Herrscht gerade keine Kapital-Diktatur, die gewaltsam die Verausgabung von Arbeitskraft erzwingen kann, so muss das industrielle System sich auf ein psychologisches Prinzip stützen, das die Selbst-Verausgabung seiner Einwohner erreicht. Dieses Prinzip muss dann als „Tugend“ gelobt und belohnt werden, damit die Systemrechnung ohne physischen Zwang aufgeht.

Ehrgeiz heißt diese „Leittugend“ des industriellen Systems, die erst mal unverdächtig erscheint: „Er ist ehrgeizig? Nun, er strengt sich an und ist so konform wie nötig, um Erfolg zu haben. Was ist falsch daran?“ Nun, alles. Ehrgeiziges Erfolgsstreben ist der Pfad zu moralischer Hohlheit, die leicht in amoralische Gemeingefährlichkeit übergehen kann.

Der Ehrgeizige plant seinen Konformismus. Er will den anderen so erscheinen, wie sie ihn gerne hätten, auf dass sie ihm dann geben, was sie zu verteilen haben: Geld, Status, Einfluss.

Sein Ziel ist die Optimierung des Bildes anderer von seiner Person – aber nicht in dem Sinne, dass er ihnen vermittelt, wer er tatsächlich ist. Er müht sich vielmehr, ihnen das Bild von sich zu geben, von dem er vermutet, dass es ihren Präferenzen entspricht.

Ehrgeiz beinhaltet die Veräußerung des eigenen Werturteils an andere und eine Tendenz zur inhaltlichen Fahrigkeit. Anstatt selbst zu urteilen, fragt man sich, wie die anderen die Sache wohl einschätzen werden, und richtet sich und seine Äußerungen dann nach dieser Vermutung; anstatt mit ganzer Konzentration zu tun, was anliegt, spielt man das mutmaßlich erwartete Theaterstück mit.

Ehrgeiz begünstigt und belegt den Umstehenden die Aufgabe eigener Gedanken

Das summiert sich in jedem ehrgeizigen Augenblick zu einer Aussetzung des eigenständig geführten Lebens. Denn das besteht in der Arbeit an sich selbst im Lichte der Erfahrung und erfordert somit eigenständiges Nachdenken.

Ehrgeiz begünstigt und belegt den Umstehenden die Aufgabe eigener Gedanken. Und genau hier wird sichtbar, warum Ehrgeiz die ideologisch ideale „Leittugend“ einer in zweckorientierten, hierarchischen Institutionen organisierten, also funktionsteiligen Gesellschaft ist.

Denn als Ehrgeizige erstreben wir den institutionell veranstalteten Erfolg, indem wir vorsichtig kartieren, was die Anforderungen der anderen Beteiligten wohl sind, und setzen danach unsere Schritte.

Ehrgeiz zeigt den Willen, das eigene Urteil dem Gehorsam zu opfern

Das beweist doppelt Ergebenheit: Wir ordnen uns dem Zweck der Institution unter, für dessen Förderung sie uns mit ihren Belohnungen erfolgreich macht – und wir unterwerfen uns sichtbar ihren kleinen und großen Potentaten, deren Status unser Konformismus bestätigt.

Ehrgeiz zeigt den Willen, das eigene Urteil dem Gehorsam zu opfern. Deshalb sind die Ehrgeizigen immer austauschbar. Sie sind wie die anderen, bloß mit niedrigem Vorsatz.

Moralität aber besteht genau darin, seinem eigenen Urteil das letzte Wort vorzubehalten – also gerade nicht als bloßer Funktionär äußerer Erwartungen zu agieren. Ehrgeiz ist das logische Gegenteil von Moralität, die hinterfragende Eigenständigkeit ist.

Wo Ehrgeiz herrscht, kann jedes Verbrechen geschehen, weil ihm in der Breite kein Eigenwillen entgegentreten wird. Und der Ehrgeiz beherrscht den Betrieb spätestens in den mittleren und oberen hierarchischen Ebenen aller Institutionen der Industriegesellschaft.

Die destruktiven Konformisten, die Mitläufer aller großen Verbrechen, sind an der Spitze und im Mittelbau von Politik, Verwaltung und Wirtschaft immer die Ehrgeizigen. Sie sind die Schlimmsten, damals wie heute.

Michael Andrick ist promovierter Philosoph und seit 2006 in der Wirtschaft tätig. Sein letztes Buch „Erfolgsleere“ ist zugleich Gegenwartsdiagnose der Industriegesellschaft und Heranführung ans Philosophieren.