Als Frederik aufsteht und die Urkunde in Empfang nimmt, wird es laut in der Aula, über 70 Kinder klatschen und jubeln. Frederik dreht sich zu seinen Mitschülern um und hält die Urkunde hoch, stolz und nur ein bisschen verlegen. Ein blonder Junge mit modischer Brille und kariertem Hemd, noch kein Teenager, aber auch kein kleines Kind mehr. „Das Festkomitee verleiht Frederik Wonnemann den Preis für das zweitbeste Allgemeinwissen“, hat vorne auf der Bühne ein Mädchen feierlich gesagt.

Es ist der letzte Schultag vor den großen Ferien, in der Gustav-Falke-Schule in Berlin-Gesundbrunnen werden die Sechstklässler verabschiedet. Für sie endet die Grundschulzeit. Die ein Jahr Jüngeren haben die Feier vorbereitet, sie hatten Spaß, das merkt man. Nach Frederik werden noch andere Preisträger aufgerufen. Der, der die meisten Fragen gestellt hat. Die Schlaueste des Jahrgangs. Die beste Sängerin. Der beste Youtuber. Die hübschesten Zwillingsschwestern. Die hübschesten Drillingsschwestern.

Ein ndH-Anteil von 90 Prozent

Vor sechs Jahren saß Frederik zum ersten Mal auf einem der Stühle in der großen Aula der Gustav-Falke-Schule. Ein kleiner blonder Junge zwischen vielen dunkelhaarigen Jungen und Mädchen. In den hinteren Stuhlreihen saßen die Eltern und hielten die Schultüten. Vorne auf der Bühne sagte die Schuldirektorin, dass die Kinder jetzt ein Schiff besteigen und auf eine weite Reise gehen würden: ihre Schulzeit.

Sie sagte nicht, dass ihr Schiff, die Gustav-Falke-Schule in Gesundbrunnen, seit einer Weile ziemlich ins Schlingern geraten und nicht klar war, ob seine Reise noch lange weitergehen würde. Seit Jahren sanken die Schülerzahlen, am Ende hatten sie sich fast halbiert, von einst 650 auf 340. Wer sich Gedanken machte über die Schullaufbahn seiner Kinder, schickte sie woanders hin. Die, die noch auf der Gustav-Falke-Schule landeten, verstärkten den schlechten Ruf eher. Von niedrigem Unterrichtsniveau hörte man, weil die meisten Schüler nicht gut Deutsch sprächen, von Respektlosigkeit Lehrerinnen gegenüber, von Pöbeleien und Prügeleien auf dem Schulhof. Der ndH-Anteil, wie es in den Behörden heißt – ndH steht für nichtdeutscher Herkunftssprache – lag bei 90 Prozent, zu Hause wurde meist türkisch oder arabisch gesprochen.

Der Versuch der Gustav-Falke-Schule, sich selbst zu retten, begann im Herbst 2010, und Frederik war Teil davon. Allein, dass er da saß, zwischen den ganzen anderen neuen Schülern, war ein erster Erfolg. Ein Kind, das mit Deutsch als Muttersprache aufgewachsen war und nicht einmal aus dem Wedding kam, sondern aus dem wohlhabenden Mitte, um die Ecke gelegen und doch ganz weit weg. Frederik war da, weil die Schule zu ungewöhnlichen Maßnahmen gegriffen hatte, verzweifelt und souverän zugleich: Was müssen wir euch bieten, damit ihr uns eure Kinder anvertraut?

Die Frage stellten Lehrer, Lehrerinnen und die Direktorin der Schule auf Elternabenden in den umliegenden Kindergärten. Aus den Vorschlägen und Forderungen entwickelte die Schule ein Konzept, holte sich die Zustimmung der Senatsschulverwaltung und warb auf ihrer Homepage und in den Kitas für eine neue Klasse, in der es regelmäßig naturwissenschaftliche Experimente geben würde, Englisch ab Klassenstufe 1 und, quasi als Zugangsvoraussetzung, einen Deutschtest.

Diskriminierungsvorwürfe gegen "Eliteklasse"

Das Projekt machte vor allem wegen dieses letzten Punkts von sich reden. Eine Klasse, in die nur durfte, wer vorher in einem Sprachtest sehr gut abgeschnitten hatte, so etwas gab es bislang nicht in Berlin. Die Zeitungen schrieben etwas holprig von einer „Deutsch-Garantie-Klasse“. Der türkische Elternverband befand, eine solche Eliteklasse würde die anderen Schüler diskriminieren, in einer Publikation der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft war von einem „Armutszeugnis“ die Rede und von „Rassismus“. Die Schule ertrug die Aufregung und zählte die Anmeldungen. Irgendwann war klar: Die 1f konnte eröffnet werden, mit 24 Schülern.

Sechs Jahre später sitzen die Schüler der 6f in der Aula und lachen laut, während ihre jüngeren Mitschüler auf der Bühne den nächsten Programmpunkt präsentieren: Von allen Sechstklässlern erscheint nacheinander ein Foto auf einer Leinwand, daneben der Name. Jedes neue Bild wird mit Johlen begrüßt. Gerken. Murat. Elif. Hayda. Frederik. Am Ende singen ein paar Kinder auf der Bühne den Popsong „Es war ’ne geile Zeit“, und nicht nur die Eltern bekommen glänzende Augen.

Man spürt, dass etwas anders ist als vor sechs Jahren. So viel Wärme und Aufbruchsstimmung gibt es nicht an einer Schule, die sich fast aufgegeben hat. Ein paar Tage vor dem Abschied in der Aula, durchs offene Fenster weht warme Luft ins Schuldirektorinnenzimmer. Es ist ein drückend heißer Sommertag, aber Sabine Gryczke ist voller Energie. „469“ sagt sie. Die Zahl der Schüler im zu Ende gehenden Schuljahr. Sie steigt jetzt wieder stetig. Der Anteil der Kinder nichtdeutscher Herkunftssprache dagegen sinkt, im Moment ist er bei 77 Prozent. Sabine Gryczke pustet eine ihrer langen roten Locken aus dem Gesicht. „Der Modellversuch mit der Klasse war ja nur der Anfang. Wenn man erst mal losgelaufen ist, merkt man erst, wohin es geht. Man fängt an, zu träumen, darüber nachzudenken, wie Schule sein könnte.“

Musikunterricht und kleine Lerngruppen

Sabine Gryczke hat nachgedacht. Und sie hat gehandelt. Es gibt jetzt Kooperationen mit Museen und Galerien, zu denen die Klassen regelmäßig Ausflüge machen. Es gibt Instrumentenunterricht, der halb so viel kostet wie an den staatlichen Musikschulen. Es gibt in jedem Jahr eine der neuen Modellklassen. Und vor allem gibt es kleine Lerngruppen, in denen jedes Kind zwei Stunden pro Woche sprachlich gefördert wird, nach seinen Bedürfnissen, egal, wie gut oder schlecht es spricht. Eine Lehrerin, die mittlerweile selbst Schulleiterin ist, an einer Grundschule im ebenfalls nicht unproblematischen Soldiner Kiez, hat das Sprachbildungskonzept entwickelt. Jede Lehrkraft und auch alle Erzieher haben dafür eine Fortbildung gemacht.

„Und jetzt zeige ich Ihnen was.“ Sabine Gryczke holt eine Mappe aus ihrer Tasche, blättert eine Seite mit Zahlenreihen auf. Das Ergebnis eines Sprachtests bei Kindern im Bezirk Mitte. Von den jetzigen Drittklässlern der Gustav-Falke-Schule hatten in der ersten Klasse 26 Prozent einen „Intensiven Förderbedarf“. Nun sind es noch acht Prozent – bei den Drittklässlern im ganzen Bezirk liegt der Durchschnittswert aber bei 19 Prozent. Gar keinen Förderbedarf haben in der dritten Klasse an der Gustav-Falke-Schule 62 Prozent der Kinder – im ganzen Bezirk aber nur 42 Prozent.

Drei Kinder aus Alt-Mitte

„Ich bin unheimlich stolz darauf“, sagt die 59-Jährige. Das Blatt vor ihr ist nicht nur der Beweis, dass die Gustav-Falke-Schule kein schlingerndes Schiff mehr ist, sondern eines auf dem richtigen Kurs. Es ist auch ein Beweis dafür, dass ihre Schule dabei ist, Antworten zu finden auf Fragen, die das Land mehr denn je beschäftigen – beschäftigen müssen: Wie kann man verhindern, dass die Gesellschaft sich zunehmend teilt, in die mit den besseren Startchancen und die mit den schlechteren? Und wie verhindern, dass die mit dem schwierigeren Start es ein Leben lang schwerer haben? Was kann die Schule dazu beitragen, dass der Graben überwunden wird? Dass es, ganz konkret, etwa nicht vom Elternhaus abhängig ist, wie gut ein Kind lesen kann?

Man merkt, dass etwas an dem Sprachtest Sabine Gryczke besonders freut: Der Test umfasste den ganzen Bezirk, also nicht nur die sozial schwächeren Ortsteile Wedding, Gesundbrunnen und Moabit, sondern auch das gut situierte Alt-Mitte. Um dessen Kinder hatte die Gustav-Falke-Schule intensiv geworben, damals, als sie Anmeldungen für die neue Klasse brauchten.

Für viele Familien wäre die Gustav-Falke-Schule die nächstgelegene Grundschule. Von hier sind es nur ein paar Meter bis zur Bernauer Straße, dahinter beginnt schon der Ortsteil Mitte. Das Problem ist nur, dass der weiter entfernt ist als ein paar Meter. Die Mauer, die entlang der Bernauer Straße verlief, ist weg; eine Grenze ist geblieben. Auf der einen Seite das Brunnenviertel, wo viele Bewohner Sozialleistungen empfangen und der Anteil an Migranten hoch ist. Auf der anderen Seite das prosperierende, sich am Puls der Zeit fühlende Mitte.

Am Ende kamen in der neuen 1f drei Kinder aus Alt-Mitte an. Drei von 24. Sabine Gryczke kann sich noch gut an ihre Gefühle erinnern, als sie die Anmeldeliste durchging. Sie verstand, dass Eltern für ihre Kinder das Beste wollen und ihre Schule eben lange nicht den Eindruck erweckt hat, das bieten zu können. Andererseits hätte sie sich etwas mehr Vertrauen gewünscht. Sabine Gryczke war damals noch nicht die Schuldirektorin, das ist sie erst seit einem knappen Jahr. Sie war die Klassenlehrerin der neuen „NaWi-Klasse“. „Naturwissenschafts-Klasse“, so wurde die 1f genannt, vielleicht, um die Sache mit dem umstrittenen Deutschtest etwas zu verstecken.