Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci (SPD).
Foto: dpa/Kay Nietfeld

BerlinBerlin reißt am dritten Tag in Folge mit dem Reproduktionsfaktor den vom Senat festgelegten Grenzwert von 1,20 – damit springt die Infektionsampel des Senats für einen von drei Indikatoren erstmals auf Rot. Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci (SPD) teilte im Gesundheitsausschuss am Montagmorgen mit, dass der Reproduktionsfaktor laut jüngster Meldung des Robert Koch-Instituts für Berlin bei 1,37 liege. Das sei auch im Vergleich der Bundesländer der aktuelle Spitzenwert. An den Tagen zuvor lag der Reproduktionsfaktor laut Verwaltung bei 1,23 und 1,22.

Der Reproduktionsfaktor gibt an, wie viele Menschen ein mit Corona Infizierter im Mittel ansteckt. Dabei gilt: Je niedriger der Reproduktionsfaktor, desto besser. Liegt die Reproduktionsrate bei über 1, steckt ein Infizierter im Mittel mehr als eine andere Person an – und die Zahl der täglichen Neuinfektionen insgesamt steigt. Liegt die Rate unter 1, steckt ein Infizierter weniger als eine andere Person an – und die Zahl der täglichen Neuinfektionen sinkt. Der Senat hat in seinem Ampelsystem Grenzen bei 1,1 (gelbe Ampel) und 1,2 (rote Ampel) gesetzt.

Aus einem von Kalayci an die Abgeordneten im Ausschuss verteilten Papier gehen erstmals alle Tageswerte des Reproduktionsfaktors für Berlin seit dem 5. Mai hervor. Es liegt der Berliner Zeitung vor. Bis zum 14. Mai lagen die Werte demnach konstant unter der wichtigen Marke 1 – Tiefstwert in dieser Phase war ein Wert von 0,42 am 13. Mai. Schon am Tag darauf aber sprang der Faktor auf 1,08. Seit dem 14. Mai liegen die täglichen Reproduktionswerte zwischen 1,02 und 1,09 – mit zwei Ausnahmen: Am 15. Mai sank der Reproduktionsfaktor mit 0,91 für einen Tag auf unter 1, ebenso am 20. Mai mit einem Wert von 0,78. Seit dem 22. Mai überschreitet der Faktor mit den aktuellen Spitzenwerten erstmals eine Grenze des Senats – und überspringt die gelbe Grenze, reißt sofort die rote. Tendenz steigend.

Gesundheitssenatorin Kalayci erklärte, der Senat beobachte nun genau, ob der Reproduktionsfaktor „schwankt oder sich verfestigt“. Der Reproduktionsfaktor könne insbesondere dann schwanken, wenn die Zahl der Neuinfektionen gering sei. Zudem beziehe sich die aktuelle Berechnung des Reproduktionsfaktors aufgrund der Erhebungsweise auf das Infektionsgeschehen vor Tagen. Die Zahl der Neuinfektionen sei in Berlin seitdem rückläufig gewesen.

Neben dem Reproduktionsfaktor fließen zwei weitere Indikatoren in die Bewertung des Senats ein. Spätestens wenn zwei von drei Indikatoren auf Rot stehen, will der Senat „Maßnahmen treffen“, also geplante Lockerungen verschieben oder neue Beschränkungen erlassen.

Weiterhin ist neben dem Reproduktionsfaktor die Auslastung der Intensivbetten und die Zahl der Neuinfektionen entscheidend. Diese beiden Indikatoren stehen laut Kalayci vom Montag und laut Gesundheitsverwaltung vom Sonntagabend im Ampelsystem weiterhin auf Grün: Die Zahl der Neuinfektionen liegt bei fünf pro 100.000 Einwohnern pro Woche – auf Gelb springt die Ampel bei 20. Der Anteil der Covid-19-Patienten auf Intensivstationen betrage 4,7 Prozent – gelb wird die Ampel ab 15 Prozent.

Mit Blick auf Thüringen, wo Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke) alle landesweiten Corona-Regeln ab 6. Juni aufheben und damit auch keine Mindestabstände mehr vorschreiben will, sagte Kalayci: „Vorsicht, die Pandemie ist noch nicht vorbei.“ Der Senat wolle weiterhin nur „Kontakte kontrolliert zulassen“. Die bestehenden Vorgaben zu Kontaktbeschränkungen, Abständen und Maskentragen sollten bestehen bleiben, so Kalayci. Auch der Regierende Bürgermeister hatte die Wichtigkeit der Regeln bereits am Sonntag betont.

Damit liegt Berlin auf Bundeslinie. In einer Beschlussvorlage, die NTV am Montag veröffentlichte, empfiehlt das Bundeskanzleramt den Landeschefs, die „verbindlichen Kontaktbeschränkungen bis 5. Juli“ nur mit leichten Modifikationen zu verlängern. Mindestabstände und Maskenpflicht sollten unverändert gelten, sich draußen maximal zwei Haushalte „oder zehn Personen“ treffen können und auch bei Besuch in der Privatwohnung Abstands- und Hygieneregeln eingehalten werden. Eine für Montag geplante Bund-Länder-Schalte zum Thema war am Sonntagabend abgesagt worden.