Auch in Berlin sind die Straßen derzeit noch leerer als in der Zeit vor Corona.
Foto: dpa/Kay Nietfeld

BerlinWir haben es tatsächlich getan. Eine Sache, die soeben noch verboten war und für die wir eine erhebliche Strafe hätten zahlen müssen: Wir haben uns in Berlin ins Auto gesetzt, sind 213 Kilometer gefahren und haben Oma Edith besucht, meine Mutter, die von uns meist so genannt wird, weil es kleine Enkel in der Familie gibt. Wir haben etwas getan, von dem vor ein paar Wochen kaum jemand gedacht hätte, dass es nicht normal sein würde.

Zwei Tage vor der Reise hat Edith gefragt, was wir essen wollen. Natürlich schlug sie das Kultessen der Familie vor. Doch meine Frau sagte zu Recht, dass wir Gesunden in Corona-Zeiten wegen des Bewegungsmangels dick werden. Also entschieden wir uns gegen Böhmischen Knödel, Sauerkraut und Kassler.

Dann dachte ich: Wenn schon, denn schon. Wenn wir die apokalyptische Idee ernst nehmen, dass wir derzeit alle potenziell dem Tode geweiht sind, dann könnte jedes unserer Treffen ein letztes sein. Warum sollen wir dann kurz vor Schluss noch vernünftig sein und auf gesunde Ernährung achten? Also sagte ich beim täglichen Telefonat am Abend vor der ersten Reise seit acht Wochen zu Edith: „Natürlich essen wir deine Böhmischen Knödel.“

Bei der Abreise schauten meine Frau und ich uns in die Augen. Wir wussten, dass die Fahrt offiziell wieder erlaubt war. Aber war es richtig? Oder waren wir eine Gefahr?

Seit Wochen sind wir in Quasi-Quarantäne. Homeoffice, geschlossene Schulen und so weiter. Und seit 14 Tagen hatten wir keinen ernsthaften Kontakt zu Fremden.

Wir sahen uns übers Autodach an und nickten. Dann schauten wir uns kurz um wie zwei Gauner kurz vor dem Bankraub. Wir lachten kurz, stiegen ein und fuhren von einem Berliner Bezirk mit 46 Erkrankten in einen Landkreis mit einem Kranken.

Unterwegs hatten wir ein mulmiges Gefühl und redeten mal nicht nur über Negativzahlen wie die 6.800 Corona-Toten. Wir erfuhren im Internet, dass diese Zahl doppelt so hoch ist wie die übliche bundesweite Sterberate an zwei Tagen. Oder wir sagten uns, dass von 83,2 Millionen Deutschen 83,1 Millionen kein Corona haben.

Auch Edith hatte ein mulmiges Gefühl und sagte am Handy: „Vielleicht sollten wir doch sicherheitshalber einen Sicherheitsabstand halten.“ Ich sagte: „Sicher.“

Als wir dann bei ihr waren, war alles wie immer. Nur, dass wir uns zur Begrüßung nicht herzlich umarmten. Wir reden viel über dieses eine Thema, aber wir rackerten auch im Garten. Mit 1,50 Meter Abstand.

Ich habe Edith beim Besuch nicht berührt. Dafür diesmal den Grabstein meines Vaters, den wir auf dem Friedhof besuchten. Meine Mutter ist 85 Jahre alt. Das Leben ist endlich, aber es sollte möglichst nicht einsam enden. Und eines ist sicher: Kein tägliches Telefonat kann einen ordentlichen Teller selbstgemachte Böhmische Knödel von Oma Edith ersetzen. Auch nicht ihr zufriedenes Lächeln am Esstisch.

Natürlich mit 1,50 Meter Abstand.