Es gibt im politischen Betrieb eine ungeschriebene Regel: Eine neue Regierung hat 100 Tage Zeit, sich einzuarbeiten. Danach, so sagt es die Theorie, darf sie – und jedes einzelne ihrer neuen Mitglieder – nach Herzenslust kritisiert werden. Auch der neue Berliner Senat, seit dem 21. Dezember im Amt, hat sich einen 100-Tage-Plan zurechtgelegt. Jedes Ressort hat fein säuberlich aufgeschrieben, was es in dieser Zeit zu tun gedenkt. Der Plan mag akkurat sein, ambitioniert, ausgewogen. Doch er ist Makulatur, überholt von der brutalen Wirklichkeit.

Diese Wirklichkeit heißt seit zwei Wochen: die russische Invasion in die Ukraine. Das Ergebnis ist nicht nur unendliche Zerstörung, Leid und Tod in den Kriegsgebieten, sondern eben auch eine Flüchtlingswelle ungeahnten Ausmaßes für Berlin – so groß und so schnell wie noch nie seit dem Zweiten Weltkrieg.

Bisher verlässt sich der Senat (viel zu) sehr auf die überwältigende Hilfsbereitschaft der Berliner. Es hat (viel zu) lange gedauert, bis ein Senats-Zelt am Hauptbahnhof aufgestellt wurde. Bis dahin waren es fast nur Ehrenamtliche, die die Menschen nach Tagen auf der Flucht willkommen geheißen haben – mit warmen Decken, Essen und Worten.

Um nicht falsch verstanden zu werden: Keine Verwaltung kann die Ankunft von mehr als 10.000 Menschen pro Tag perfekt bewältigen. Doch sie muss es unbedingt versuchen, sonst kann diese Flüchtlingswelle auch politische Opfer fordern. Vor allem Sozialsenatorin Katja Kipping muss gewarnt sein: Einer ihrer Vorgänger, Mario Czaja, scheiterte an der Bewältigung der Flüchtlingskrise 2015/16, als Tausende aus Syrien und Afghanistan in Berlin Zuflucht vor dem Krieg suchten. Und auch Regierungschefin Franziska Giffey darf sich ihrer Sympathiewerte nicht zu sicher sein.

Diese Krise ist die erste ernste Bewährungsprobe für den Senat – drei Wochen vor Erreichen der 100-Tage-Marke.