Berlin - Drei Berliner Phänomene, drei Zeiten, drei Bücher – Lektüre für Berlin-Verstehenwoller mit Geschichten aus dem wahren Leben. Wie überlebt ein kultivierter Mann sauber und ordentlich den Bombenkrieg? Wie arrangierten sich Künstler mit der Macht (in diesem Fall dem Nationalsozialismus)? Und welches ist das einzig wahre Berliner Bier? Hier die Antworten.

Briefe aus Berliner Schicksalsjahren

Ein gebildeter Herr von 37 Jahren in guter Stellung schreibt 1943 aus Berlin an seine jüngst Angetraute: „Zweieinhalb Stunden, die ich bei Sturm und Funkenflug verbrachte, waren nicht angenehm. Ich kam dann wohlbehalten um halb 4 Uhr in der Wohnung an.“ Die stand immerhin noch – allerdings war in vorangegangenen Nächten das Fensterglas zersplittert. Er hat alles mit Pappe vernagelt. Reinhart von Lucius, Anwalt und leitender Angestellter bei der Wasag (Westfälisch-Anhaltische Sprengstoff-Actiengesellschaft) mit Sitz nahe dem Potsdamer Platz ließ seine Frau Dagmar, die wie etwa eine Million Frauen und Kinder die Stadt wegen der Luftangriffe der Westalliierten hatte verlassen müssen, an seinem Leben in der bombardierten Hauptstadt teilhaben. Er ging zur Arbeit, beschaffte Lebensmittel, reparierte die Wohnung; seine Frau in Thüringen sorgte sich um seine Sicherheit und ordentliche Kleidung. Der Kulturfreund von Lucius nutzte jede Gelegenheit zum Besuch von Theatern oder Konzerten und schrieb begeistert von den Genüssen mit Furtwängler oder Wagner. Etwa 300 Luftangriffe hat Reinhart von Lucius erlebt. Ab Mai 1945 traten Hunger, Flucht und Tod von Verwandten, Verlust von Eigentum, Verteidigung der Wohnung im britischen Sektor gegen Beschlagnahme und die unsichere Zukunft an die Stelle der Bombenangst. Schließlich gelang 1946 die Familienzusammenführung in Berlin durch die Rückkehr von Frau und kleiner Tochter. Briefe gehen fortan vor allem an die Mütter in Hessen bzw. Schleswig-Holstein.

Dagmar von Lucius hat die zwischen 1943 und 1948 geschriebenen Briefe durch schwierigste Zeiten gerettet. Es gibt wenige solcher Sammlungen – aus der Zeit heraus festgehaltene, unmittelbare Beschreibungen des Alltags. Sohn Robert von Lucius hat sie unter dem Titel „Keine Illusionen irgendwelcher Art – Briefe aus Berlin 1943 bis 1948“ herausgegeben.

In Corona-Zeiten gelesen, rücken sie einem besonders nahe. Da berichtet von Lucius seiner Frau, wie am 18. März 45 in der Nähe seiner Wohnung eine Langzeitzünder-Bombe hochging: „Als das Haus schwankte und die Ziegeln usw. rumflogen, rechnete ich bestimmt damit, dass das doch schon schwer angeknackste Gebäude unter einem weg sacken würde. Es geht aber immer besser als man denkt.“ Kann einer so gelassen sein? Dieser gefasste Ton beherrscht die Zeilen. Politische Andeutungen bleiben sparsam, Ärger mit der Zensur meidet der Adelige wie auch NS-Kontakte.

Nach Kriegsende spielt Politik eine große Rolle: In Thüringen wird der Familienbesitz enteignet. Da von Lucius Gehalt in Ost-Mark bezieht, plagt ihn die Währungsreform. Nach zwei eisigen Hungerwintern berichtet der letzte Brief vom 8. Dezember 1948 vom beruhigenden Brummen der „Viermotorigen“, die keine Bomben abwerfen. Die Luftbrücke steht.

Die Berichte aus der Trümmerwüste Berlin von existenzieller Unsicherheit, von fehlenden Perspektiven, von Angst und Bedrückung zu lesen, wirkt in den Corona-Zeiten heilsam. Was hat man denn zu jammern!

Mitteldeutscher Verlag
Das Buch

Robert von Lucius (Hg.): „Keine Illusionen irgendwelcher Art …“ Briefe aus Berlin 1943 bis 1948, Mitteldeutscher Verlag, Halle, 2020, 150 Seiten, 14 Euro

Monster Berlin

Gab es Kultur in der NS-Unkultur? Oh, ja! Was Reinhart von Lucius noch in der Trümmerwüste Berlin als Lebenselixier für sich selbst beschrieb, brachten Künstler hervor, die sich dem Nationalsozialismus opportunistisch oder karrieregeil anschmiegten, begeistert verschrieben, pragmatisch arrangierten, versuchten, in der Distanz der inneren Emigration irgendwie durchzukommen oder aus der Emigration Einfluss zu nehmen. Anderen ging es vor allem darum, irgendwie zu überleben. Obwohl das vor Kreativität brodelnde Kulturleben Berlins der 1920er-Jahre durch den gewaltsamen Hinauswurf der jüdischen Exzellenz elend verarmt war, boten doch bedeutende Leute wie der Schauspieler und Theatermann Gustav Gründgens oder der begeisternde Dirigent Wilhelm Furtwängler Kultur auf höchstem Niveau. Frauen wie die Fotografin Leni Riefenstahl oder die Pilotin Hanna Reitsch drangen in Männerdomänen (wenn auch als Ausnahmen) und tanzten mit der Macht.

Alles stand unter Spannung in Deutschland zwischen 1933 und 1945, und den Nationalsozialisten gelang es, Millionen in ihren Bann zu schlagen. In nie gekanntem Ausmaß setzten sie ihre Art der Kultur dafür ein, die Massen im Sinne ihrer Ziele einzuspannen. Monumentale Überwältigung war ein wirksames Mittel – die geeigneten Protagonisten fanden sich in Leuten wie Hitlers Lieblingsskulpteur Arno Breker oder dem begabten Architektur-Konjunkturritter Albert Speer. Mit modernster Technik wie dem Volksempfänger erreichte die völkische, totalitäre Ideologie fast jeden.

Das Thema ist so spannend, dass ein Buch, das sich an die Kulturgeschichte der nationalsozialistischen Zeit wagt, auf Interesse stoßen muss. Kai-Uwe Merz, Autor des erfolgreichen Vorgängers „Vulkan Berlin“ über die brodelnde, nachrevolutionäre Hauptstadt der Weimarer Republik, hat sich an das überaus komplexe Thema gewagt. Er geht es mit einer guten Idee an und liest Biografien von Künstlern und Politikern, die in den Zwanzigern ihren Anfang nahmen, fort. So kann er Kontinuitäten und Brüche zeigen. Und siehe da, es entsteht das faszinierende, vielschichtige Bild einer opportunistischen Kulturszene voller zerrissener Persönlichkeiten. Wie sie sich jeweils den Allesbestimmern und Gleichschaltungsfreaks aus dem innersten Kreis wie Hitler selbst oder Joseph Goebbels andienen, sich arrangieren oder Abstand suchen, darf jeden und jede täglich aufs Neue auf dem Karriereweg nachdenklich machen. Wie verhielte man sich wohl selber?

Das Buch heißt „Monster Berlin“. Der Autor versucht, in einer Einleitung („Monster-Stadt“), einer Schlussbetrachtung („Berlin, Zentrum des Bösen), den merkwürdigen Monster-Titel in immer neuen Redundanzen zu erklären – als müsste er rechtfertigen, über Kultur und Kunst in der NS-Zeit zu sprechen. Es gelingt nicht. In Berlin ist Monströses erdacht worden, von Berlin Monströses ausgegangen, aber die Stadt ein Monster? Man kann sich die Stütztexte leicht ersparen, die zentralen Kapitel überzeugen.

Elsengold-Verlag
Das Buch

Kai-Uwe Merz: Monster Berlin – eine Kulturgeschichte der nationalsozialistischen Zeit, Elsengold-Verlag Berlin 2021, 255 Seiten, 26 Euro

Der Berliner und seine „Weiße“

Das Buch wiegt so viel wie ein Liter Bier, was auch an dem guten Papier liegt. Die Liste der sieben Autoren weist einen Professor, drei Doktoren und drei Diplomingenieure aus – allesamt Mitglieder des Vereins für Braugeschichte Berlins. Somit ist klar wie ein gut gefiltertes Pils in blankem Glas: Das ist kein Buch wie irgendein anderes. Hier wenden sich die Kenner der Sache schlechthin mit geballtem Wissen und viel Liebe samt Leidenschaft einem lokalen Kulturgut zu: dem Berliner Weißbier. Es war lange Zeit fast vergessen, hat nun aber durch ein junges, neugieriges und probierfreudiges Publikum sowie neue Biermanufakturen einige Chancen auf ein Comeback.

Steht erst an einem lauen Sommerabend in schöner Biergartenrunde – ach ja, bald – das „Klauenglas“ genannte, absolut kultverdächtige, nur mit beiden Händen zu hebende Trinkgefäß voll der spritzigen, erfrischenden, milchsäure- und kohlensäurehaltigen Spezialität auf dem Tisch, kann ein wenig Kennerschaft der Plauderei nicht schaden. Der alkoholarme Durstlöscher beherrschte jahrhundertelang die Berliner Kneipenkultur nahezu vollständig, bevor es gegen Ende des 19. Jahrhunderts bergab ging.

Das Buch bietet alles: Geschichte, Technologie, Chemie, Dokumente, Erzählungen über Menschen und Milieus, herrliche Fotografien und Postkarten aus alten Kneipen-, Brauerei- und Biergartenzeiten. Es dokumentiert Flaschen-, Bierdeckel- und Gläsersammlungen, die der Bierliebhaberschaft das Herz aufgehen lassen. Ein Buch zum Schwelgen und voller Wissenschaft. Und damit jeder sich der Bedeutung bewusst wird, hier ein Zitat des nationalliberalen Reichstagsabgeordneten Alexander Meyer, genannt Meyer-Breslau, aus dem Jahr 1883: „Die Völker des Altertums gingen zu Grunde, weil sie kein ordentliches Bier tranken. Wir Berliner haben, Gott sei Dank, ein gutes reines Bier, das Weißbier. Und in der etwas bunt gemischten Schar der Zwölfmalhunderttausend, die heute Berlin bewohnen und von denen die volle Hälfte seit dem Böhmischen Kriege aus allen Landesteilen Preußens und Deutschlands zu uns kamen, gilt’s als die Taufe zum echten Berliner, wenn der zugezogene Fremdling alle die Vorzüge der Weißen voll verstanden … Wenn er den richtigen ,Verstehste mir‘ gewonnen und es ,kapirt‘ hat, was das Herz des echten Berliner beim Anblick einer guten ,Weißen‘ bewegt. Denn die Vorzüge des Berliners sind auch die Vorzüge seiner ,Weißen‘ und umgekehrt. Herb und scharf, süß und liebenswürdig, immer mit etwas ,Spiritus‘ genossen, goldklaren Charakters, ohne hinterrückigen Satz, leicht gegen die Decke fahrend und wild schäumend und doch zu zähmen mit einer kleinen vernünftigen ,Strippe‘ (Schnaps, d. R.). Seinen edlen Gehalt in unscheinbarstem Gewande bewahrend, gesund und Schlechtigkeiten bis in den Ozean abführend, in der Fremde verkannt: So ist der Berliner und seine ,Weiße‘.“

VLB Sachbücher Berlin
Das Buch

Gerolf Annemüller, Hans.-J. Manger, Peter Lietz: Die Berliner Weiße – Ein Stück Berliner Geschichte, VLB-Fachbücher Berlin, 2. erweiterte Auflage 2018, 396 S., s/w, zahlreiche Abbildungen und Tabellen, Paperback, mit CD-ROM, 29,90 Euro