Die Gefahr, sich auf Internetbewertungen nicht zu verlassen

Wer glaubt schon den Noten, die im Internet vergeben werden? Unser Autor nicht und machte seine eigene Erfahrung.

Sieht gut aus, schmeckt aber kalt auch nicht mehr. Zurückgehen lassen?
Sieht gut aus, schmeckt aber kalt auch nicht mehr. Zurückgehen lassen?www.imago-images.de

Lesen Sie sich vor dem Besuch eines Restaurants die im Internet hinterlassenen Bewertungen anderer Gäste durch? Es soll Leute geben, die sich bei der Auswahl ihrer Ziele nur daran orientieren, was zur seltsamen Folge hat, dass sie Betriebe, die im Durchschnitt „nur“ auf vier statt der höchstmöglichen fünf Sterne kommen, gar nicht erst für einen Besuch in Betracht ziehen. Dabei können vier solide Sterne viel besser sein als eine Höchstwertung, die nur darauf basiert, dass die bewertete Location zufällig gerade angesagt ist.

So wie beim Besuch eines noch recht jungen italienischen Restaurants, das mit seinen original neapolitanischen Zubereitungen wirbt, handmade, versteht sich. Auch Selbstverständlichkeiten sind ja eine Frage der richtigen Selbstvermarktung.

Die drei Hauptgerichte kommen alle zeitversetzt. Als die Bedienung mit meiner Bestellung in der Hand auf unseren Tisch zusteuert, ist die Verzögerung – dem Hunger sei Dank – vergeben und vergessen. Nein, doch nicht, denn sie bleibt an einem anderen Tisch stehen, der Gast hat sie mit einem Handzeichen zu sich gerufen. Statt ihn darauf hinzuweisen, dass sie gerade noch ein warmes Gericht zu einem anderen Tisch bringt, ehe sie sich um ihn kümmert, nimmt sie eine entspannte Körperhaltung ein und unterhält sich angeregt. Minuten vergehen. Als der Teller endlich auf dem Tisch steht, ist das Essen kaum noch lauwarm.

In solchen Momenten stellt sich die Frage: Zurückgehen lassen? Das Gericht noch mal aufzuwärmen, könnte es austrocknen, und es lässt sich überhaupt nicht kalkulieren, wie viel Zeit vergehen würde, bis es erneut serviert wird. Also rein damit. Bei einem anderen Gericht knirscht der Salat zwischen den Zähnen, er ist noch sandig. Beim Abräumen beschweren wir uns nicht, weisen aber auf den Sand hin. Ihrer Miene nach zu urteilen, hat die Bedienung noch nie davon gehört, dass Salat vor dem Verzehr gewaschen werden sollte.

Der Kellner, der anfangs für die Getränke zuständig war, geistert unaufmerksam durch die Tischreihen, vorbei an unseren schon lange geleerten Gläsern. Als das Trinkgeld bei der Bezahlung spärlich ausfällt, ist er nicht begeistert. Im Kollegenkreis merkte schon mal jemand an, in Berlin sei der Service immer schlecht, weil es nun mal Berlin ist und halt alles, was nicht gut läuft, mit Berlin zu tun haben muss. Ich widerspreche dann gerne, aber langsam gehen mir die Argumente aus.

Durchaus unterhaltsam kann es sein, nach dem Besuch eines Restaurants ältere Bewertungen mit der eigenen Mängelliste abzugleichen. Und tatsächlich: schlechter Service, nachlassende Qualität, auf dem Tresen vergessene und ausgekühlte Gerichte. Wie irreführend das System trotzdem ist, zeigt die Gesamtnote: Weil viele Gäste fünf Sterne vergeben haben, liegt der Durchschnitt immer noch bei 4,1. Wie resilient muss man eigentlich sein für einen Restaurantbesuch?

In den nächsten Wochen und Monaten, in denen Gäste womöglich noch mehr aufs Geld achten, könnte guter Service umso wichtiger werden. Vielleicht gibt es aber auch genügend Leute, die darauf einen nachrangigen Wert legen.