Berlin - Sie ist schön mit ihren grazilen Maßen, Schinkel-Schüler August Stülers St. Matthäus-Kirche am Kulturforum. Jedes der drei Schiffe hat einen eigenen Giebel und gleiche Satteldächer. Der schlanke Turm schließt das Mittelschiff ab. Oberitalienische Romanik grüßt seit dem 17. Mai 1846 aus dem heutigen Tiergartenviertel – und mitten aus der einfallslosen Museumsarchitektur nebenan. Sinnlich aufgeladen hingegen ist die architektonische Korrespondenz des historischen Gotteshauses zu Scharouns zirkusartiger Philharmonie, zur Neuen Nationalgalerie in Mies van der Rohes Bauhaus-Stil. Historie flirtet mit der Moderne. Und umgekehrt.

Einst markierte die Kirche das „Geheimratsviertel“, dann das Gründerzeitviertel. In der NS-Zeit stand sie mitten auf dem Bauplatz für Albert Speers „Germania“ und zu Kriegsende 1945 in der Ruinen-Brache im Niemandsland der Mauerstadt. Schließlich stand der von Kriegsschäden restaurierte Backsteinbau im Tiergartenviertel und am neuen Kulturforum - zwischen Staatsbibliothek, Philharmonie, Neuer Nationalgalerie und den nach dem Mauerfall errichteten Ausstellungshäusern der Staatlichen Museen. Als ältestes Gebäude am Platz und historisches Erinnerungszeichenmitten im Kunstquartier der neuen Zeit. Zur Potsdamer Straße hin wird gerade die Baugrube fürs Museum des 20. Jahrhunderts ausgehoben. Noch verdeckt der Bauzaun nicht die Kirche. In den kultur-verödeten Pandemiemonaten war sie am in Quarantäne versetzten Kulturforum der einzige Lichtblick. Gottesdienste, Musik, Ausstellungen durften unter strengen Abstandsregeln stattfinden. 

Immer war Kunst zu sehen, denn seit 1999, mit der Gründung der evangelischen Stiftung St. Matthäus, ist das Haus die beliebteste Kunstkirche Berlins. Gerade hat der junge Kunstpfarrer Hannes Langbein Werke im Haus, an denen sich die Geister scheiden. Was hätte der Preußische Hofarchitekt August Stüler wohl zu diesem seltsamen Objekt gesagt? Eine knallgelbe Glühbirne, angeschlossen an eine Zitrone? Diese „Capri-Batterie“ hat Joseph Beuys, Deutschlands wohl polarisierendster und politischster Künstler der Nachkriegsmoderne, zum „Christusbild“ erklärt. Jetzt liegt das Sakrileg in einer Vitrine rechts vorm Altar: ketzerischer, denkwürdiger Hingucker zum Thema Christentum. Anlass ist der 100. Geburtstag des Erfinders der „sozialen Plastik“, ökologischer Ideen zur Rettung der Erde und des „erweiterten Kunstbegriffs“, demnach jeder Mensch ein Künstler sei, was Kreativität und freie Selbstverwirklichung betrifft.

Stiftung St. Matthäus
Pfarrer Hannes Langbein, Stiftung St. Matthäus, bei einer Kunstpredigt vor Beginn der Corona-Pandemie, daher  noch ohne  Mund-Nasenschutz und vorab mit Musik, wie die ruhende Posaune belegt.

Hannes Langbein sagt, dass sich die Stiftung St. Matthäus, deren Kunstpfarrer er seit 2018 in Nachfolge von Christian Neubert ist, einen weit gefassten Kunstbegriff leistet, als Allianz mit der zeitgenössischen Kunst. Drei Ausstellungen organisiert er pro Jahr. Er weiß, dass er Gemeinde wie Publikum einiges zumutet an erweiterten Kunstbegriffen. Bekannte Künstler haben den Kirchenraum schon radikal umgewandelt: Jorinde Voigt, Norbert Bisky, der seine aufgewühlten Bilder an die Kirchendecke hing, die Japanerin Leiko Ikemura, die die Fenster mit Buttermilch bestrich, Fotografen wie Andreas Mühe, der seine Tschernobyl-Helden in die Kirche legte. Oder Gregor Schneider mit einer sperrigen Installation. Er schickte das Publikum zur Passionszeit durch die verunsichernde Dunkelheit eines Kreuzwegs: Man musste sich zum Altar vorantasten; erst dann sah man das erlösende Licht.

Und nun steht man vor Joseph Beuys' „Capri-Batterie“. Pfarrer Hannes Langbein meint, dass die Verknüpfung einer Zitrone mit einer Glühbirne eine ernstzunehmende ökologische Aussage tätige. „Indem die Zitrone als Energiequelle für die gelbe Glühbirne auftritt, verdeutlichte Beuys die Tatsache, dass sämtliche Formen von Energie aus der Natur bezogen werden. Da die natürlichen Ressourcen begrenzt sind, müsse entsprechend sorgsam mit ihnen umgegangen werden.“ Solche Kunst in der Kirche befragt religiöse Rituale und christlichen Alltag. Bei Kunst-Predigten, Hochzeiten und Taufen vor den Werken dominiert nicht die Rolle der Kunst als schöne Illustration, eher als unbequemer Denkanstoß dazu, was Christentum heute ist. Und wie wir leben sollten - für eine bessere, eine freundlichere Welt.

Stiftung Matthäus/Leo Seidel/VG Bildkunst  2021
In der Passionszeit bis zum Karsamstag 2021  hat Gregor Schneider einen riesigen Kreuzgang in die Matthäuskirche am Kulturforum hineingebaut.

Langbein stammt aus Jena und sieht sich als „Ost-West-Mensch“. Er war elf, als die Eltern 1989 beim paneuropäischen Picknick in Ungarn mit ihm in den Westen flohen. Er wuchs in Hessen auf, studierte Theologie und kam als EKD-Praktikant zur St. Matthäus-Stiftung. Sein erstes Kunstprojekt in acht Brandenburgischen Kirchen, darunter der Wunderblutkirche Bad Wilsnack, erzählt er, „gab den Anstoß, sich intensiv der Kunstarbeit zu widmen“. Das nächste Ausstellungsprojekt, im September zur Berlin Art Week, gilt ganz dem Ort: der Kulturgeschichte und den Möglichkeiten des Kulturforums. Er hat den universal arbeitenden Konzeptkünstler Mischa Kuball eingeladen. Sämtliche Nachbarn werden einbezogen in dieses Gesamtkunstwerk zum Thema Licht und Raum: die Philharmonie, die umliegenden Häuser der Staatlichen Museen, die Staatsbibliothek. „Das Kulturforum kann eine Menge Utopie vertragen“, sagt der Pfarrer.

Festwoche St. Matthäus vom 17. bis 21. Mai, Kulturforum: Kunst-Andachten mit Berliner Ensemble, Festgottesdienst, Infos: www.stiftung-stmatthaeus.de Anmeldung: info@stiftung-stmatthaeus.de