Noch sind wir angewiesen auf Zeitungen. Wir sind es mehr als früher. Schon die Datenmengen, die jetzt mit Hilfe eines riesigen internationalen Journalistenpools, den die Süddeutsche Zeitung hinzugezogen hat, durchgearbeitet werden müssen, sind einfach zu viele, als dass sie von einzelnen Lesern verarbeitet werden könnten. Dazu kommt der Zustand der zugespielten  Dateien. Sie müssen Stück für Stück entschlüsselt und zueinander in Beziehung gesetzt werden. Erst dann werden sie nach und nach verständlich. Und endlich müssen sie so weit wie möglich überprüft werden. Hätte man die Daten einfach ins Netz gestellt, die meisten Leser wären wohl  so überfordert gewesen wie ich. Wir sind, selbst wenn man uns das Material vor die Nase hielte,  angewiesen auf eine kritische Öffentlichkeit.

Unsere Gesellschaft beschäftigt Zehntausende Juristen, Politologen, Soziologen, Volkswirtschaftler, wohl Tausende davon an  Forschungsinstituten, die das Geld der Steuerzahler bekommen, um uns aufzuklären über die Gesellschaft, in der wir leben. Von diesen Lehrstühlen aus wurde uns   nur  selten etwas berichtet, das auch nur im Entferntesten an die Geschichten heranreicht, die immer wieder von Journalisten, vielleicht nicht aufgedeckt, aber doch aufgearbeitet und verbreitet wurden. Wer etwas mitteilen möchte, der teilt das keinem Institut für Sozialforschung mit, sondern Journalisten.

Die sind kompetenter. Nicht zuletzt darum, weil sie daran gewöhnt sind, inkompetent zu sein und sich darum immer wieder neue Kompetenzen aneignen.  Es kommt noch etwas hinzu: Wir haben uns daran gewöhnt, dass die Gesellschaftswissenschaften uns nicht über die Gesellschaft aufklären, sondern uns sagen, wie wir über sie zu denken haben. Sie sind in weiten Teilen zur Theologie der Freien Welt geworden. Oder der Kritik daran. Die Erforschung dessen,was ist, findet weitgehend an anderen Stellen statt.

Schattenwirtschaft ist wie dunkle Materie

Man muss sich vor Augen halten, dass die Panama-Papiere ja nichts sind als Unterlagen einer einzigen Firma. Wir wissen nicht einmal, wie viel Prozent ihrer Tätigkeit  durch die Papiere aufgedeckt werden. Ich glaube nicht, dass Herr Mossack das Geflecht von Mossack Fonseca im Alleingang errichtet hat. Er scheint mir eher selbst ein – offizieller – Briefkasten für Briefkasten-Firmen zu sein. Fonseca, eine bekannte Figur in Panama, Autor von Romanen und Kinderbüchern, macht wohl den Grüßaugust vor Ort.

Gibt es noch Tausende Firmen wie Mossack Fonseca? Oder nur Hunderte? Wer die Veröffentlichungen der letzten Jahre über das weltweit agierende organisierte Verbrechen verfolgt hat, der weiß, dass die wichtigste Arbeit dieser größten Wachstumsbranche darin besteht, das erwirtschaftete Geld in den „sauberen“ Wirtschaftskreislauf einzuschleusen. Eine Fülle der Unternehmen, die in den Unterlagen von Mossack Fonseca auftreten, dienen diesem Zweck.

In den 1930er-Jahren berechneten Astronomen, dass es bisher unbekannte Massen geben müsse, weil allein aus der Gravitationswirkung der bisher bekannten Materie heraus die Struktur des Universums und die Geschwindigkeit der Bewegungen einzelner seiner Teile nicht zu erklären wäre. Man lachte damals über die Annahme einer „dunklen Materie“. Heute geht man davon aus, dass sie 80 Prozent aller Materie ausmacht.

Mein Verdacht: Wer uns das Funktionieren von Wirtschaft und Gesellschaft erklären möchte, ohne die Schattenwirtschaft und ohne die Parallelgesellschaften, in denen Tausende von Milliarden erwirtschaftet werden, der kann uns weder erklären, warum das Geld wo klumpt und warum es woanders kaum zu sehen ist, noch wird es ihm gelingen auch nur plausibel zu machen, warum auch demokratische Gesellschaften mit so hoher Geschwindigkeit auseinanderdriften.

Der Kokon, in dem wir leben, wird immer wieder durchstoßen. Dann sehen wir hinaus ins Freie und fragen uns: Warum rufen die Politiker heute nach der Abschaffung von Briefkastenfirmen? Warum haben sie europäischen Regelungen zugestimmt, die Briefkastenfirmen vermehren halfen? Warum haben sie  nicht schon beim letzten großen Skandal die Abschaffung verlangt? Oder taten sie es, und wir haben es vergessen? Und sie auch? Unsere Aufmerksamkeit ist ein flüchtiges Gut. Nächste Woche sind wieder die anderen Flüchtlinge dran. Die einen wie die anderen sind Produkte der Globalisierung. Mauern helfen weder gegen die, die raus-, noch gegen die, die reinwollen ins schöne Europa.