Berlin - Der Mann, der den Aufstieg und Niedergang der Wilhelmstraße bezeugen könnte, hat seine Erinnerung verloren und nicht nur das. Sein Name ist einer der letzten am Klingelschild, einsam steht er zwischen lauter Nummern, die auch einmal Namen waren. Berühmte Namen vielleicht. Günter Schabowski hat in einem dieser Häuser gewohnt, Franz Müntefering, Angela Merkel, Joachim Gauck, Birgit Breuel, Katarina Witt. Der Mann, der die Mauer einriss, der SPD-Vorsitzende, die Kanzlerin, der Bundespräsident, die Treuhandchefin, die Eisprinzessin. Der Hausmeister kennt sie alle. Er hat ihnen die Wohnungen aufgeschlossen, als sie einzogen und die Schlüssel abgenommen, als sie auszogen.

Ein kleiner Mann mit Schnauzbart und grünem Overall, vor dem man ein bisschen Angst haben konnte, weil er falsch geparkte Autos abschleppen ließ und mit Meldungen an die Hausverwaltung drohte, sollte ein Kinderwagen nicht ordnungsgemäß abgestellt worden sein. Manchmal aber marschierte er gut gelaunt über die Wilhelmstraße, als würde sie ihm gehören, und verkündete, das hier werde einmal der Kudamm des Ostens. Zwanzig Jahre später fegt der Wind trockene Herbstblätter über den Asphalt, aus der verspiegelten Tür des Sauna- und Massageclubs mit dem kleingedruckten Hinweis „for men only“ tritt ein dicker Mann mit Bundfaltenjacke und ruckelt seine Hose zurecht.

Nebenan räumen Asiaten einen Laden leer. Eine Reisegruppe mit Rollkoffern läuft suchend an den Häusern entlang, die grau und eintönig wirken. Geschlossene Fenster, leere Balkone, überall die gleichen in der Mitte zusammengebundenen Gardinen. Nur an einem Fenster hängt ein Vogelhäuschen, und daneben blühen rote Geranien gegen das Novembergrau an. Hinter diesem Fenster wohnt der Hausmeister. Er ist schon seit Jahren nicht mehr im Dienst, aber noch genauso beflissen. Er wartet schon in der Tür, ein alter Mann in Trainingshosen, die Augen wach wie früher und doch anders, weicher irgendwie.

Neben dem Todesstreifen

Er streckt seine Hand zur Begrüßung aus, nimmt die Jacke ab, hängt sie in die Garderobe, bittet mit einer ausholenden Bewegung in einen Raum, in dem ein großer Fernseher in ohrenbetäubender Lautstärke läuft, setzt sich auf die Sofakante, springt wieder auf und geht, unverständliche Worte murmelnd, von Raum zu Raum, öffnet jede Tür, zeigt Wohnzimmer, Küche, Bad, Schlafzimmer, macht das Fenster zur Straße auf, streckt seinen Kopf in den Wind, zieht ihn schnell zurück, klopft auf Möbel, prüft Türschlösser. Alles sauber, alles intakt, alles sicher. So muss es sein. Es ist, als würde der alte Hausmeister sich noch einmal selbst spielen, den Mann im grünen Overall, der staunenden Mietern ihre neuen Wohnungen präsentiert.

Die großen Räume, die modernen Küchen, der Blick aufs Brandenburger Tor. Der Hausmeister guckt aus dem ersten Stock seiner Wohnung zwar nur auf Betonwände sowie die wechselnde Kundschaft der Herrensauna im Erdgeschoss, dennoch scheint ihn das Ergebnis seiner kleinen Führung zufrieden zu stellen. Er schaut lächelnd in sich hinein wie in eine andere Welt, und zum Schluss sagt er doch noch einen zusammenhängenden Satz: „Ich kenne hier alle.“ Es ist schwer zu sagen, wann der Hausmeister der Wilhelmstraße sich dem Lauf der Dinge verweigert hat. Vielleicht ging es los, als die Häuser verkauft und frei werdende Wohnungen plötzlich Touristenunterkünfte wurden. Vielleicht hat er es nicht verkraftet, mitanzusehen, wie die Bäume, die er 1991 gepflanzt hatte, rausgerissen wurden, weil wieder etwas Neues gebaut wurde. Unaufhörlich bastelten sie an seiner Straße herum.

So war das nicht geplant, damals, als die Mauer noch stand und der Ostberliner Magistrat beschloss, neben den Todesstreifen ein sozialistisches Wohngebiet erster Klasse zu stellen, das man auch vom Westen aus sehen sollte: Plattenbauten zwar, aber nur achtstöckig und mit individuell geschnittenen Wohnungen, Dachschrägen, Erkern, Balkonen und Panoramafenstern. Dazu eine Schule, ein Kindergarten, ein Sportplatz, ein Jugendklub. Jahrzehntelang hatte das Gebiet, das einmal gesellschaftliches Zentrum der Stadt und später Hitlers Machtzentrum war, brach gelegen, jetzt sollte hier das nach der Stalinallee größte innerstädtische Wohnprojekt Ost-Berlins entstehen.

Nichts blieb, wie es war

1985 begannen die Planungen, 1988 wurde angefangen zu bauen, 1990 sollte alles fertig sein. Aber dann, 1989, fiel die Mauer, es gab kein Grenzgebiet mehr, die Wilhelmstraße lag auf einmal wieder mitten im Zentrum, und die deutsche Nachwendegeschichte fegte über sie hinweg. Die Hälfte der Häuser war bereits fertig, die anderen wurden noch zu Ende gebaut, obwohl es auch damals schon Zweifel gab, ob Plattenbauten in diese Straße gehören. Für kurze Zeit hatte man von hier aus freien Blick aufs Brandenburger Tor und den Reichstag. Bald aber wurde mit dem Bau des Hotels Adlon begonnen, es folgten die Britische Botschaft, das Landwirtschaftsministerium und ringsherum die Ministergärten, das Holocaustmahnmal, die Amerikanische Botschaft, die Friedrichstraße, der Potsdamer Platz. Restaurants kamen und gingen, Läden machten auf und wieder zu.

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Die Straße, die zu DDR-Zeiten nach dem ersten Ministerpräsidenten Otto Grotewohl benannt worden war, hieß nun wieder Wilhelmstraße. Alle Häuser wurden umnummeriert. Nichts blieb, wie es war, nur das letzte DDR-Wohngebiet stand wie erstarrt zwischen den frisch rekonstruierten preußischen Ministerien und den Würfeln des Regierungsviertels. In den ersten Jahren nach dem Regierungsumzug mieteten sich noch Bonner Minister, Diplomaten, Bundestagsabgeordnete, Botschaftsangestellte und Journalisten ein, weil sie von hier aus so schön schnell in ihren Büros waren. Aber die meisten blieben nicht lange, gingen zurück nach Bonn oder flüchteten vor dem Baulärm in andere Teile der Stadt, die ruhiger sind, bürgerlicher, gewachsener.

Vor zehn Jahren begann die damals hoch verschuldete städtische Wohnungsbaugesellschaft Mitte mit dem Verkauf der Häuser an der Wilhelmstraße. Alle bis auf eins gingen an einen Immobilienunternehmer aus der Schweiz. Bald gab es die ersten Abriss-Gerüchte und in diesem Sommer nun die Gewissheit: „Sehr geehrte Mieterin, sehr geehrter Mieter“ stand in dem Schreiben, das die Bewohner des Eckhauses schräg gegenüber der Britischen Botschaft im Juni in ihren Briefkästen fanden, „die Eigentümerin B.Ä.R. Grundstücksgesellschaft Berlin mbH & Co.KG der Wohnanlage Wilhelmstraße 56–59 in Berlin-Mitte beabsichtigt, das Wohngebäude abzureißen und auf dem Grundstück einen neuen Wohn- und Gewerbebau zu errichte

Dem Westen nicht schön genug

Absender war der Senat. Er hatte die Häuser verkauft, das vertraglich eingeräumte Rückkaufrecht verstreichen lassen und bot nun großzügige Hilfe beim Umzug an. Er hätte die Mieter, die schon vor dem Verkauf hier wohnten, eigentlich darauf hinweisen können, dass eine Zusatzklausel im Vertrag die Kündigung wegen Eigenbedarfs oder ungenügender wirtschaftlicher Verwertung ausschließt. Aber davon stand nichts im Brief. Stattdessen hatte Senatsbaudirektorin Regula Lüscher bereits im März auf einem Baukollegium offen über Fassadendetails des neuen Entwurfs diskutiert, zwei sechsstöckige Wohnhäuser und ein Apartmenthaus, die genauso einfallslos aussehen wie die meisten, die in den letzten Jahren in Mitte gebaut wurden. Und bei vielen entstand der Eindruck, dem Senat sei es im Grunde gar nicht so unrecht, dass die Plattenbauten verschwinden und Platz machen für neue, der Historie der Straße angemessenere Gebäude.

Im Sozialismus gebaut, in der Wendezeit fertig geworden, im Kapitalismus abgerissen. Das Schicksal schien bereits besiegelt zu sein und damit ein weiteres seltsames Kapitel der Geschichte dieser Straße. Der Osten wollte mit ihr den Westen beeindrucken, dem Westen war sie nicht schön genug. Martin Hansen kommt aus dem Osten, aus Berlin-Treptow. Er wollte schon als Kind nach Mitte ziehen, sagt er, weil er sich so für Geschichte interessierte und weil hier nun mal die alten Häuser und Museen standen. Seine Mutter aber schüttelte immer nur den Kopf, wenn er sie fragte und sagte: „Wir sind in der Kirche und nicht in der Partei, in Mitte kriegen wir nie eine Wohnung.“

Martin Hansen, der kurz vor der Veröffentlichung dieses Textes darum bat, seinen richtigen Namen nicht zu nennen, aus Angst, sein Vermieter werde sich an ihm rächen, sitzt am Esstisch seiner Wohnung, die ganz anders aussieht als die des Hausmeisters, größer, heller, moderner. Auf dem Boden liegt Parkett, an den Wänden hängen Bilder von New York und San Francisco, und von seinen Fenstern kann er weit über die Stadt sehen. Seine Wohnung ist so was wie die Edelvariante der Hausmeisterwohnung, und nicht nur deswegen will Martin Hansen, 35, Versicherungsangestellter, „ums Verrecken nicht hier weg“.

300-jährige Geschichte

Er sieht auf das New-York-Bild an seiner Wand und sagt, seit er den Brief bekommen habe, fühle er sich manchmal wie ein Indianer, einer der Algonkin-Indianer, denen Manhattan für 60 Gulden abgekauft wurde. Und weil er vielleicht merkt, dass das ein ziemlich großer Vergleich für einen Berliner Mieter ist, dem als Ersatz eine Wohnung in einem anderen Haus in der Straße angeboten wird, fügt er hinzu, es gehe ihm auch um die Geschichte dieser Straße, er wohne ganz bewusst hier. Er steht auf, läuft ins Nachbarzimmer, kommt mit einem Stapel Geschichtsbücher zurück und hält einen kurzen historischen Vortrag, in dem der Soldatenkönig, Otto von Bismarck, verschiedene preußische Minister, die Alte und die Neue Reichskanzlei, der Hitlerbunker und Walter Ulbricht vorkommen.

Die ganze wechselvolle Geschichte einer Straße, die 2,4 Kilometer lang ist, vom Reichstagufer bis zum Halleschen Ufer geht, in den knapp 300 Jahren ihres Bestehens dreimal ihren Namen gewechselt hat und mindestens genauso oft ihren Charakter. Der König ließ Pavillons mit kleinen Lustgärten für Adelige bauen, unter Bismarck kamen preußische Minister, Hitler ließ sich von Albert Speer sein Machtzentrum errichten und Ulbricht alles, was nach Kriegsende davon noch übrig war, in die Luft sprengen. Leider, sagt Hansen, würden sich die meisten immer nur für Hitler und seinen Bunker interessieren. Er, der Berliner Versicherungsangestellte, sieht sich mehr in der Tradition der preußischen Ministerialbeamten.

Ganz entfernt sei er ja mit den von Arnims verwandt, die hier auch mal wohnten. „Aber das“, sagt er und schaut aus den Geschichtsbüchern auf, als falle ihm plötzlich wieder ein, dass er hier raus soll, „hilft mir jetzt auch nicht mehr.“ Sein Haus war das letzte, das fertig wurde, 1992. Martin Hansen wohnt gewissermaßen im allerletzten Plattenbau der DDR, auch schon wieder ein Stück Geschichte. Man könnte es unter Denkmalschutz stellen und eine Tafel anschrauben, statt es abreißen zu lassen. Aber für das Haus scheint sich der Eigentümer nie interessiert zu haben. Er hat es gekauft und dann verkommen lassen. Die Schranke an der Einfahrt hängt lose in der Halterung, auf dem Kinderspielplatz steht noch ein einzelnes rotes Wippauto.

Scharfe Messer

Von insgesamt 96 Wohnungen in den vier Aufgängen sind nur noch 44 bewohnt. Manche stehen seit Jahren leer. Andere werden als „Apartments am Brandenburger Tor“ über ein Büro in der Behrenstraße oder die Website ab-in-den-urlaub.de vermietet. Der Müllraum im Erdgeschoss ist inzwischen sechssprachig beschriftet. Und so ähnlich ist es auch in den anderen Häusern, deshalb will Martin Hansen auch nicht dorthin ziehen. Es sei nur eine Frage der Zeit, wann er wieder raus müsse. „Dem Eigentümer sind wir offensichtlich egal. Er hat Grundstücke in Toplage, darauf kommt es ihm an.“ Man würde den Eigentümer gerne nach all diesen Dingen fragen, aber sein Sprecher, der Anwalt Markus Hennig, sagt auf die Bitte nach einem Interview, dass der Eigentümer keine gebe und nicht einmal beim Namen genannt werden dürfe, denn er sei keine Person der Zeitgeschichte und außerdem bestehe „Gefahr gegen sein Leben und das seiner Familie“.

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Von wem diese Gefahr ausgeht, will er nicht sagen. Vielleicht meint er Martin Hansen und die anderen Indianer aus dem Haus, das pensionierte Diplomatenehepaar, die alleinstehende Krankenschwester, die ukrainische Erzieherin mit ihrer Tochter, der Bassist aus dem Berliner Sinfonieorchester – keine typische Mitte-Klientel, sondern Leute, die in den Neunzigern einzogen und sich nur aufgrund ihrer guten Mietverträge noch eine Wohnung in dieser Gegend leisten können. Bisher kannten sie sich nur flüchtig, aber nun rücken sie näher zusammen, reden, wenn sie sich im Hausflur treffen, leiten Mails der Bürgerinitiative weiter, gehen zusammen auf Anwohnerversammlungen, schreiben an den Senat, empfehlen Anwälte. Einer der Anwälte hat die Kündigungsschutzklausel im Mietvertrag entdeckt, und seitdem sich das rumgesprochen hat, wächst der Widerstand. Die Indianer schärfen ihre Messer.

Dicht gedrängt sitzen sie an einem Oktoberabend im Jugendklub Ikarus in der Wilhelmstraße, Frauen und Männer jeden Alters, gut gekleidet, mit ernsten Gesichtern. Die roten Wände und roten Sofas passen zur Stimmung. „Das nervt mich hier alles. Das ist was Existenzielles. Für mich ist mein Haus mein Castle“, bricht es aus einer Frau in der ersten Reihe heraus. „Wir wohnen hier seit 20 Jahren. Mein Sohn ist hier zur Schule gegangen. Die sollen mich in Ruhe lassen.“ Dann versagt ihr die Stimme, weil ihr die Tränen kommen. „Milieu nennt man das“, sagt ein Mann, „das wollen sie uns nehmen.“ – „Warum tut der Senat nichts, warum spannt er sich vor den Karren des Eigentümers“, fragt eine Frau. „Für die sind unsere Häuser ein Schandfleck, und der soll weg“, ruft eine andere.

Identitätsverlust

„Lasst uns kämpfen, die Politiker verfolgen doch nur ihre eigenen Interessen, ich hab das so satt.“ Ein junger Mann, der aussieht, als könnte er bei den Piraten sein, berichtet, dass er nur noch 80 Prozent der Miete zahle und wenn der Eigentümer sein Haus weiter so runterkommen lasse, werde es wohl bald noch weniger sein. „Ich fotografiere alles, die dreckigen Müllräume und Treppenhäuser, und wenn die Touristen Partys feiern, rufe ich die Polizei.“ „Alles fotografieren, das mache ich nicht, das ist ja wie bei der Stasi“, sagt ein älterer Herr. Er sagt es leise, und so geht der Satz unter zwischen all den Tränen und der Wut und den Vorschlägen. Vor 30 Jahren konnte man von der Stelle, wo jetzt die aufgebrachten Mieter sitzen, auf die Wachtürme der DDR-Grenzer schauen, und vor 70 Jahren teilte Hitler hier in seiner Reichskanzlei die Welt neu auf.

Aber Geschichte ist konkret und wird immer wieder neu geschrieben, und deshalb fragt nun, an diesem kalten Novemberabend des Jahres 2012 ein Mann, ob man nicht das Gesundheitsamt rufen könne wegen der dreckigen Müllräume, und eine Frau sagt, man solle sich ein Beispiel nehmen an den Pankower Rentnern und ihrem Kampf um ihren Seniorentreffpunkt, während unten auf der Straße die letzten frierenden Reisegruppen nach den Resten des Führerbunkers suchen und der alte Hausmeister in seiner Wohnung wie in einer Festung sitzt und die Welt nicht mehr versteht. Auf der anderen Seite der Stadt, im tiefsten Wilmersdorf, steht Ephraim Gothe im grauen Anzug und weißen Hemd neben einer Berlin-Karte und fasst das Problem der Wilhelmstraße mit einem Wort zusammen: Identitätsverlust. Gothe ist Staatssekretär in der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, vorher war er Assistent von Stadtbaudirektor Hans Stimmann sowie Baustadtrat in Mitte.

Gothe kennt sich aus mit diesen Dingen. Er legt seine rechte Hand genau in die Mitte der Karte und holt ein bisschen weiter aus: Vorkriegsgeschichte, Deutsches Reich, die Wilhelmstraße als Synonym für die Reichsregierung. „Früher war sie nicht nur eine postalische Adresse. Das ist heute natürlich nicht mehr so. Es gibt zwar noch das Finanzministerium, aber wenn Schäuble eine Rede hält, spricht niemand vom Bericht aus der Wilhelmstraße.“ Die Straße habe eben einen starken Bedeutungswandel durchgemacht, sagt Ephraim Gothe, ähnlich wie der Hausvogteiplatz, wo in den Zwanzigern des vorigen Jahrhunderts die Modemacher saßen, und die Behrenstraße, wo die Banken angesiedelt waren. Die Modemacher sind in Düsseldorf, die Banken in Frankfurt. „Und da“, sagt Gothe, „bleiben sie jetzt auch.“

Langfristig sehr rentabel

Und was heißt das? Werden die Häuser abgerissen? Die Antwort kommt schnell. Gothe sagt, dass es bereits der rot-roten Koalition ein erklärtes Ziel war, diese Häuser zu erhalten. Aber wurden die Häuser nicht von 2002 bis 2004, also genau unter dieser Regierung, von der Stadt an einen Eigentümer verkauft, den niemand kennt, der seit Jahren die Häuser verkommen lässt und nun sogar mit dem Abriss beginnen will? Das kommt auch dem Staatssekretär seltsam vor, er rechnet nach, kommt aber zu keinem anderen Ergebnis. Seine Pressesprecherin erinnert ihn an die Schutzklausel im Mietvertrag. Gothe sagt: „Es ist auch wichtig, dass die Stadt diese Häuser mit dem Verkauf nicht aufgegeben hat.

Ich habe erst vor Kurzem erfahren, dass in den damals bestehenden Mietverträgen ein zusätzlicher Kündigungsschutz enthalten ist. Es gibt auch die Zusage, dass keine Luxussanierung erfolgen soll.“ Ein solider rot-roter Mietvertrag also, von dem der rot-schwarze Senat nichts gewusst haben will. Man weiß nicht mehr so richtig, was man glauben soll in diesen Zeiten, in denen die Immobilienpreise gerade hier in Mitte ins Unendliche steigen, immer neue teure Eigentumswohnungen entstehen und Leute an den Stadtrand gedrängt werden. Vor ein paar Tagen jedenfalls haben Martin Hansen und die anderen Mieter der Wilhelmstraße 56–59 ein neues Schreiben in ihren Briefkästen gefunden, darin zitiert der Senat die Zusatzklausel im Mietvertrag, was ein wenig absurd ist, wenn es stimmt, dass die Mieter den Senat erst auf die Klausel hingewiesen haben. Aber wenigstens scheint Ephraim Gothe jetzt wild entschlossen, sich persönlich um die Sache zu kümmern.

Zuerst hat er sich beim Mieterverein erkundigt, wie belastbar die Klausel ist – sehr belastbar, war die Antwort. Dann hat er dem Eigentümer eine Mail geschrieben und um ein Treffen gebeten, „um ihn zu überzeugen, die Häuser stehen zu lassen“. Die Lage, so der Staatssekretär, sei ausgezeichnet, die Mieterschaft keine problematische, eher im Gegenteil, und die Gebäude seien sehr rentabel. „Warum akzeptiert er das nicht als langfristige Immobilienanlage und arrangiert sich damit?“ Der Eigentümer hat nicht geantwortet. Das hat Gothe aber nicht überrascht. „Er hat bisher nie selbst geantwortet“, sagt der Staatssekretär, „Er schickt immer nur seinen Verwalter, Herrn Hamann, vor.“

Vater des flexiblen Plattenbaus

Zwei Stunden hat Ephraim Gothe mit Hamann vor wenigen Tagen geredet, „für den Erhalt der Häuser und normale Wohnungsnutzung geworben und ihn ermutigt, auf die Mieter zuzugehen, um ihr Vertrauen zurückzugewinnen“, wie er sagt. Weit gekommen ist er nicht, deshalb will er jetzt noch einmal versuchen, dem Eigentümer selbst die Vorschläge zu unterbreiten. Gothe denkt an Sanierung. „Die Fassade ist ja keine Augenweide. Mit einer Dämmung könnten die Gebäude viel heller und freundlicher aussehen. Und man könnte überlegen, wie man mit den Parkplätzen umgeht, der Ladenzeile und dem Straßenraum. Das kann man auch attraktiver gestalten.“

Vielleicht würde diese Entwicklung Helmut Stingl gut gefallen. Stingl ist der Architekt des Wohngebiets. Er soll noch leben am Stadtrand irgendwo, erzählt jemand auf der Anwohnerversammlung, aber auf der Suche nach ihm stößt man nur auf alte Interneteinträge, einen Nachruf vom Januar 2001 – „Helmut Stingl, Vater des flexiblen Plattenbaus, ist tot“ – sowie auf eine Kassette mit dem Mitschnitt eines Interviews, das Stingl einer Buchautorin gab. Die Autorin hat den Architekten nur um wenige Jahre überlebt, aber ihre Kassette ist noch da, und wenn man einen Rekorder auftreibt und auf Play drückt, erklingen die helle Stimme einer Frau und die ruhige eines Mannes mit stark rollendem R.

Helmut Stingl kam aus dem Sudetenland, studierte in Dresden Architektur und lebte seit Anfang der 60er-Jahre in Ost-Berlin. Auf der Kassette erzählt er, wie er das Gebiet um die Wilhelmstraße 1984 vorgefunden hat: Nichts sei da gewesen außer drei Nazi-Bunkern, und die seien alle gesprengt worden. Das enttäuscht die Interviewerin offenbar, sie fragt ein paarmal nach, aber Stingl kann nur berichten, „dass da ein bisschen Drahtgestell und Wasserflächen waren“. Übers Wohngebiet sagt er, dass alles vorgegeben war, 1 000 Wohnungen, öffentliche Einrichtungen, Stadtplatz mit Brunnen, Kunst am Bau im Wert von 912.000 Ost-Mark. Die meisten Anordnungen aber betrafen die Staatsgrenze, sagt Stingl. Keine begehbaren Dächer, keine Treppenhäuser Richtung Grenze, keine Wohnzimmer, keine Terrassen. Bäume auf der Straße durften nicht höher als 14 Meter sein, die Stämme vier, die Wipfel zehn, und wachsen durften sie auch nicht mehr.

Der Lauf der Dinge

Nüchtern zählt Helmut Stingl diese Dinge auf, wie jemand, der daran gewöhnt ist, nicht das machen zu können, was er für richtig hält. Sein Sohn Alexander, Anfang 50, Fotograf, kennt die Kassette nicht, aber er erinnert sich in einem Café am Alexanderplatz daran, dass sein Vater, der auch große Teile von Marzahn, den Thälmann-Park an der Danziger Straße und das Ahornblatt an der Leipziger mitentworfen hat, mal zu ihm sagte, er versuche, mit seinen Möglichkeiten das Beste zu machen. „Er war eigentlich Bauhaus-Fan und ihm war schon klar, dass das, was er so gebaut hat, nicht die beste Architektur war.“

Die Wilhelmstraße lag ihm am Herzen, sagt Alexander Stingl, weil sie anders war, sein Vater hatte sich selbst schon eine Wohnung ausgesucht, an der Behrenstraße ganz oben, dort, wo später Angela Merkel eingezogen ist. Silvester 1989/90 haben sie sich von hier aus gemeinsam das Feuerwerk am Brandenburger Tor angesehen, aber eingezogen ist Helmut Stingl dann doch nicht, weil er Angst hatte, nach der Währungsunion die Miete nicht mehr bezahlen zu können. Er blieb in Lichtenberg, bis zu seinem Tod.

Was würde er zu den Abrissplänen sagen? Alexander Stingl sieht auf den Boden und denkt nach. Dann erzählt er, dass sich sein Vater bei der Debatte um das Ahornblatt immer sehr zurückgehalten hat, aber nie verstand, warum es abgerissen wurde. „Vielleicht“, sagt Alexander Stingl, „würde mein Vater sagen, das ist der Lauf der Dinge.“

Anja Reich hat von 1992 bis 1999 in der Wilhelmstraße gewohnt. In dem Haus, das nun abgerissen werden soll.