Berlin - Für zahlreiche Berliner war er der Flughafen der Herzen, manche Anwohner klagten über den Lärm. Viele Jahre lang sind in Tegel Flugzeuge gestartet. Noch immer gilt das Gelände im Norden von Berlin rechtlich als Flughafen – aber nicht mehr lange. Vom kommenden Mittwoch um 0 Uhr an dient es nicht mehr dem Luftverkehr. Ein historischer Moment steht bevor, so Engelbert Lütke Daldrup, der Flughafenchef.

„Die Geschichte des Flughafens Tegel geht am Dienstag unwiderruflich zu Ende“, sagte Lütke Daldrup am Freitag der Berliner Zeitung. „Nach mehr als 70 Jahren als Luftfahrtstandort fällt der Startschuss für eine neue Zukunft. Mehr als sieben Jahrzehnte lang waren wir in Tegel zu Gast. Doch ein guter Gast weiß, wann es Zeit ist zu gehen.“

Unanfechtbar: Flugbetrieb ist nicht mehr möglich

Rein juristisch bleibt der Flughafengesellschaft FBB ohnehin nichts anderes übrig – auch wenn sich immer noch viele Menschen TXL zurückwünschen. Denn das geltende Planungsrecht bestimmt, dass Tegel nach der funktionsfähigen Inbetriebnahme des Flughafens BER stillgelegt wird. Wer in Tegel weiterhin Flugbetrieb will, müsste ein völlig neues Genehmigungsverfahren starten, ohne Aussicht auf Erfolg. Sowohl die Betriebsgenehmigung wie auch die Planfeststellung sind schon vor Jahren widerrufen worden. Die Verwaltungsakte sind nicht mehr anfechtbar, das Oberverwaltungsgericht hat sie 2004 und 2006 in zwei Urteilen rechtskräftig bestätigt. Seit langem steht unverrückbar fest: Sechs Monate, nachdem am BER die beiden Start- und Landebahnen vollständig in Betrieb gegangen sind, gehen in Tegel endgültig die Lichter aus. Als am 4. November 2020 in Schönefeld die neue Südpiste eröffnet wurde, begann die Uhr zu ticken.

Simulation: Tegel Projekt GmbH
Ein Blick in die Zukunft: Das Flughafengelände wird Forschungs-, Technologie- und Wohnstandort. In das Terminal A/B werden die Beuth-Hochschule für Technik und ein Gründerzentrum einziehen.

Mit dem Start einer Air-France-Maschine nach Paris endete am 8. November der Flugverkehr in Tegel. Seitdem befindet sich die Anlage in einem „Schlummerbetrieb“, wie Engelbert Lütke Daldrup formulierte. Das bedeutet: Reguläre Starts und Landungen finden nicht mehr statt, doch Tegel muss betriebsfähig bleiben – für den Fall, dass es am neuen Flughafen südöstlich von Berlin Probleme gibt.

20 FBB-Mitarbeiter aus den Bereichen Facility Management und Sicherheit behielten ihren Arbeitsplatz in Tegel. Sie kümmern sich um die Informationstechnik, die Energieversorgung, um Brandmeldesysteme sowie um andere Anlagen. Monatliche Personalkosten: rund 200.000 Euro. Damit nicht genug: Sicherheitsfirmen bewachen das Gelände, auch Bundespolizei und Wetterdienst sind weiterhin vertreten. Doch TXL hatte sich schon deutlich geleert – zuletzt hatten dort allein rund 500 FBB-Beschäftigte gearbeitet.

Anders als BER-Skeptiker erwartet hatten, sind die Flugzeuge nicht dorthin zurückgekehrt. „Zu keinem Zeitpunkt drohte die Situation, dass Tegel für den BER einspringen muss“, bilanzierte der Flughafenchef. „Allen Befürchtungen zum Trotz hat der neue Flughafen von Anfang an funktioniert.“

Ein gewaltiger Schlüsselbund

Nun steht also der endgültige Abschied vom Flughafen Tegel an. Doch zu gehen bedeutet für die FBB-Leute nicht einfach nur, die Türen abzuschließen und die Lichter auszumachen. „In der kommenden Woche beginnen wir mit den ersten Schritten des Übergabeprozesses, der bis Anfang August dauern wird“, erklärte Lütke Daldrup. „Es geht um nicht weniger als 130 Anlagen und Gebäude.“ Sie werden nach und nach der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben und dem Land Berlin übergeben. Anschließend werden sie der landeseigenen Tegel Projekt GmbH überlassen. Sie wird das Flughafengelände zu einem Forschungs-, Technologie- und Wohnstandort entwickeln, der Urban Tech Republic. Rund die Hälfte des Geländes wird zu einem Landschaftspark gestaltet.

Die Übergabe ist ein Verfahren, das alles andere als unkompliziert ist – was auch mit der Eigentümerstruktur zu tun hat. Das Tegeler Flughafengelände gehört dem Land Berlin und dem Bund. Sie sind aber nicht gemeinsam Eigentümer, sondern haben die Flächen unter sich aufgeteilt. So gehören die Terminals im Wesentlichen Berlin, das gilt auch für ein größeres Areal in Richtung Kurt-Schumacher-Platz. Der Bund wiederum ist Eigentümer der Start- und Landebahnen sowie eines großen Teils des Freigeländes. Die FBB ist Erbbaurechtsnehmer, zum Teil aber auch Pächter. Das betrifft zum Beispiel die Flächen im Norden rund um die Start- und Landebahnen. Alles klar?

Die Vorbereitungen für die Übergabe haben längst begonnen. Zu den Verpflichtungen der FBB gehört es, Bauten und Anlagen, die nicht mehr benötigt werden, zu entfernen. „Das temporäre Terminal C3 haben wir bereits zurückgebaut. Gleiches gilt für die markante Fußgängerbrücke von Terminal A/B zum Terminal C“, bilanziert der FBB-Chef. „Auch eine Gepäckhalle und Tanklager wurden bereits entfernt.“ Die Kosten summieren sich auf einen einstelligen Millionenbetrag. „Jetzt können wir auch Anlagen zurückbauen, die bisher noch stehenbleiben mussten, um Tegel betriebsbereit zu halten. Das betrifft zum Beispiel die Wetterstation und Bauten, die von der Bundespolizei und der Deutschen Flugsicherung genutzt wurden.“

Andere Dinge wurden bereits versteigert, zum Beispiel die Sitzbänke aus den Tegeler Terminals oder Feuerwehrfahrzeuge. „Damit konnten wir einen größeren Betrag, rund 250.000 Euro, erlösen. Die Nachfrage war groß, die Mindestgebote wurden in den meisten Fällen überschritten.“ Traurige Nachricht für Fans: Weitere Versteigerungen von TXL-Mobiliar werde es nicht geben, so Lütke Daldrup.

„Wir werden den Flughafen besenrein übergeben“, kündigte er an. Allerdings werden einige Beschäftigte der Flughafengesellschaft weiterhin dort tätig sein. „Die meisten Anlagen sind mehr als 40 Jahre alt. Für eine Übergangszeit werden weiterhin Menschen gebraucht, die sich mit Technik aus den 1970er- und 80er-Jahren auskennen“, sagt der Flughafenchef. Die Schließtechnik ist ebenfalls noch „alte Welt“. Während es im BER ein computergesteuertes System mit Schlüsselkarten gibt, existiert für Tegel wie schon vor Jahrzehnten ein großes Schlüsselkonvolut. Auch für das Geschäftsführerbüro gibt es eigene Schlüssel. Einen davon hat Lütke Daldrup noch im Handschuhfach seines Autos. Nun wird der stattliche Schlüsselbund kleiner werden.

Tegel ist nicht der einzige Berliner Flughafen, der nicht mehr gebraucht wird. Im Februar gingen in Schönefeld, dem heutigen BER-Terminal 5, die Lichter aus – unter deutlich weniger Anteilnahme als in TXL. „Die temporäre Stilllegung trägt zu den Einsparungen bei, mit denen wir die coronabedingten Einnahmeverluste der FBB zum Teil ausgleichen“, sagt Engelbert Lütke Daldrup. „Inzwischen ist absehbar, dass sich die Erwartung, dass wir dadurch rund 25 Millionen Euro pro Jahr sparen, erfüllen wird.“

Ob Schönefeld jemals wieder öffnet, ist ungewiss

In Schönefeld werden nur noch zwei Gebäude genutzt: das Terminal M1 als Impfzentrum des Landkreises, das Terminal M2 für die Bundespolizei. Die übrigen Bauten wurden komplett freigezogen und zum 1. April in ein Stillstandsmanagement überführt – wozu auch eine „minimale Temperierung“ (Lütke Daldrup) gehört. Die Grenze zwischen Luft- und Landseite verläuft nicht mehr durch die Terminalgebäude, sondern an deren Außenkante. Ein Zaun wurde gebaut. Nur Fotografen und Filmteams beleben hin und wieder das sonst menschenleere Stillleben: Terminal B wird gern für Foto- und Filmaufnahmen genutzt.

„Im Winter 2021 wird meine Nachfolgerin oder mein Nachfolger darüber entscheiden, ob Terminal 5 geschlossen bleibt oder wieder eröffnet wird“, sagte der Flughafenchef, der Ende September mit 65 Jahren in den Ruhestand gehen will. „Das wird natürlich davon abhängen, wie sich der Luftverkehr entwickelt. Falls die Zahl der Fluggäste deutlich steigt, wird allerdings als Erstes Terminal 2 in Betrieb gesetzt.“ Beobachter rechnen nicht mehr damit, dass SXF wieder in Betrieb genommen wird.

Der BER ist seit dem vergangenen Herbst in Betrieb, doch Lütke Daldrup ist noch kein einziges Mal privat vom neuen Flughafen gestartet. Das soll sich im kommenden Sommer endlich ändern, sagte er. „Ich habe Flüge gebucht und bin guten Mutes, dass ich vom BER in den Urlaub reisen werde.“