Berlin - Es war tatsächlich nicht nur eine Liebe für einen Winter. Das ist inzwischen wirklich eindeutig bewiesen – nun, da die beiden wieder vereint sind. Wie sie da so nebeneinander stehen im Hausflur wie zwei verliebte Teenager, ganz schüchtern und still. Sie wagen es nicht mal, sich zu bewegen. Sie stehen einfach nur da. So einträchtig. So, als würden sie wirklich schon immer zusammengehören: der dicke Oleander und die schlanke Zitrone.

Sie haben sich im vergangenen November kennengelernt. Kurz bevor der erste Nachtforst kam und Unheil auf unserem Balkon anrichten konnte, brachen wir unsere Zitrone in den Hausflur. Dort, auf dem Treppenabsatz, ist seit Jahren unsere Orangerie. Der Überwinterplatz für empfindliche Pflanzen – auch zur Freude der Nachbarn.

Die Nachbarin von oben stellte einfach ihren Oleander dazu. Irgendwann hing eine Karte an unserer Zitrone, auf der stand, dass der Oleander erschrocken war über die Blattläuse am Zitronenbaum, die wir noch gar nicht bemerkt hatten. Die Nachbarin hatte alle Zitronenblätter von Läusen befreit und uns einen Entschuldigungsbrief für diese kleine Übergriffigkeit an den Zitronenbaum gehängt. Wir hängten ihr einen überschwänglichen Dankesbrief an den dicken Oleander.

Als ich vorhin die Zitrone in der Orangerie gießen wollte, sah ich, dass nun auch ihr dicker Geliebter wieder da ist. Er trug auch schon eine Karte, auf der stand: „Liebes Fräulein Zitrone, ich freue mich sehr, wieder diesen Winter an Deiner Seite überleben zu dürfen. Ich wünsche uns ein Läuse-freies Liebesverhältnis und immer genügend Wasser, damit wir nicht verdursten. Dein Freund Oleander.“

Wie schüchtern der Dicke doch ist, wie er sich nur als „Freund“ bezeichnet. Dabei ist er doch viel mehr. Vielleicht hat er es noch gar nicht bemerkt. Aber unsere Zitrone ist die winterliche Liebe vom Vorjahr wirklich gut bekommen. Im Jahr 2019 trug das schmale Bäumchen erstmals Früchte. Ein halbes Dutzend dicke grüne und gelbe Zitronen. Doch ab diesem Sommer wollte unsere Zitrone wohl dem dicken Oleander beweisen, wie fruchtbar sie ist. Denn inzwischen hängen ganze 17 Zitronen an ihren dünnen Ästen. Diese werden vom Gewicht der Früchte so weit in die Tiefe gezogen, dass sie abzubrechen drohen.

Und die Zitrone wirbt immer weiter um den Dicken und hat zu seiner Begrüßung gleich noch eine frische neue kleine Frucht sprießen lassen. Echte Winterliebe.

Nun hat der Oleander hoffentlich genügend Zeit gehabt, um sich zu überzeugen, was für ein Fruchtwunder unsere Zitrone ist. Endlich können wir ernten und einen schönen Erkältungstee brühen – für den Fall, dass es mal wieder im Hals kratzen sollte.

Und wenn das Kratzen sich einfach nicht einstellen sollte vor lauter Abstandhalten, dann backen wir zum Weihnachtsfest einfach Zitronenplätzchen. Mit Früchten aus eigener Ernte. Das klingt doch hervorragend.