BerlinFür die Polizei war es eine süffisante Pointe nach diesem ersten Wochenende mit verschärften Corona-Regeln. „Für ca. 600 Gäste einer Fetisch-Party in #Mitte endete diese vermutlich unbefriedigend“, ließ die Behörde via Twitter verlauten.

Mittlerweile ist klar: Viele fanden das überhaupt nicht lustig. Nicht die Veranstalterin der Party, nicht die Betreiber der Alten Münze, in deren Innenhof die Party stattfand, und auch nicht die Clubcommission, die seit längerem beobachtet, dass Open-Air-Veranstaltungen durch Polizei und Ordnungsamt beendet werden, ohne dass dafür die Gründe ersichtlich seien.

Die „Fetisch-Party“ war eine Veranstaltung des queeren Kollektivs Pornceptual, sie begann um 14 Uhr, es gab Musik, Dresscode: „Latex, Leder, Spitze“. Der Innenhof der Alten Münze ist 3500 Quadratmeter groß, für die Veranstaltung am Sonnabend habe es ein umfangreiches Hygienekonzept gegeben, erklärt Felix Richter, einer der beiden Betreiber der Alten Münze: Teilnehmen konnte nur, wer vorab ein Ticket gekauft hatte, am Eingang musste sich jeder registrieren, die Temperatur der Gäste wurde gemessen, auf der Tanzfläche galt Maskenpflicht, Getränke waren dort ebenso verboten wie das Rauchen, es gab Desinfektionsspender, bargeldlose Bezahlsysteme und Security-Personal, das die Einhaltung der Regeln gewährleisten sollte.

Das alles klingt mehr nach dem Sicherheitsaufwand bei einem Staatsakt als nach hemmungsloser Feierei. Warum also wurde ausgerechnet diese Party aufgelöst? Platzmangel kann nicht der Grund gewesen sein: In Berlin sind noch bis Sonnabend Veranstaltungen unter freiem Himmel mit bis zu 5000 Teilnehmern erlaubt.

Ein Sprecher des Bezirkssamts Mitte erklärte der Berliner Zeitung am Dienstag, dass bei der Kontrolle durch das Ordnungsamt Partygäste gegen die Maskenpflicht verstoßen hätten. Außerdem sei die Gästeliste nicht vollständig gewesen. Anderthalb Stunden vor Ende der Party löste die Polizei, die um Amtshilfe gebeten worden war, die Party also auf.

Die Veranstalterin widerspricht dieser Darstellung. Sie hätten strikt kontrolliert, dass Masken getragen werden. An den Tischen, an denen maximal fünf Personen Platz hatten, sei es erlaubt gewesen, diese abzunehmen, aber auch das entspreche den Auflagen. „Wir hatten den Eindruck, dass die Polizei die aktuelle Rechtslage gar nicht kennt“, sagt sie. Sie habe den Beamten erklären müssen, wie viele Teilnehmer in Berlin bei Open-Air-Partys erlaubt seien. Die Beamten seien ihr gegenüber aggressiv gewesen und hätten die Gästen „wie Freaks“ behandelt.

Laut Clubcommission hätten sich die Veranstalter „peinlichst genau an die Hygieneverordnung“ gehalten, die Gäste hätten „bei herbstlichen Temperaturen vollbekleidet ausschließlich im Hof“ gefeiert. „Es fehlt jeglicher Nachweis, dass es bei Open-Air-Partys vermehrt zu Infektionen kommt“, sagt Lutz Leichsenring, Sprecher der Clubcommission. „Das Vorgehen gegen die Party am Wochenende ist nicht fair.“

Belegen lässt sich tatsächlich nicht, dass Clubs in den vergangenen Monaten Treiber des Infektionsgeschehens waren. Das ergab eine Anfrage der Grünen im Abgeordnetenhaus: „Clubs und Corona – Sündenpfuhl oder Sündenbock?“. Die Antwort aus der Senatsverwaltung für Gesundheit: Seit Mitte Juli gab es genau einen bekannten Ausbruch in einem Club, mit acht betroffenen Personen. In dieser Zeit fanden zahlreiche Open-Air-Partys in Clubs statt, die Hygienevorschriften scheinen dabei also effektiv zu sein. Zum Vergleich: In Bars gab es im selben Zeitraum vier Ausbrüche mit 62 Corona-Fällen, bei privaten Partys sechs Ausbrüche mit 87 Fällen. Problematisch sind Partys also, wenn sie drinnen stattfinden oder im privaten Kontext – ohne Hygienekonzept.

Da wurde weit übers Ziel hinausgeschossen.

Georg Kössler, Grüne

Wie sinnvoll ist es also, gegen Partys wie die von Pornceptual vorzugehen, wenn sie vorbildlich organisiert und professionell durchgeführt werden? „Die Gesundheitssenatorin hat sich da verrannt“, sagt Georg Kössler, Sprecher für Clubkultur bei den Berliner Grünen. „Es gibt so viele Baustellen, aber die Clubs? Das geben die Zahlen nicht her.“

Kössler ist empört über das Ende der Party in der Alten Münze. „Da wurde weit übers Ziel hinausgeschossen.“ Die Polizei habe Härte zeigen wollen und damit die Falschen getroffen. „In Berlin gibt es schon lange keine Razzien mehr in Clubs“, sagt Kössler, „das passt auch nicht zu dieser Stadt.“

Die Mitglieder des Pornceptual-Kollektivs sehen sich seit Tagen Anfeindungen im Netz und von der Politik ausgesetzt. Mittes Bezirksbürgermeister Stephan von Dassel (Grüne) behauptete, die Party habe ohne Genehmigung stattgefunden - eine solche aber braucht eine Veranstaltung in einer Location wie der Alten Münze gar nicht. Die Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci (SPD) sagte, sie sei schockiert, dass die Party überhaupt stattgefunden habe: „Da haben einige den letzten Schuss nicht gehört.“ 

Anders als bei Partys zu Hause können sich die Menschen bei uns unter sicheren Bedingungen treffen.

Pornceptual-Kollektiv

Die Clubcommission nahm das zum Anlass, die Clubszene insgesamt in Schutz zu nehmen: „Für viele Mitglieder unserer Gesellschaft sind diese Orte Schutzräume und Zufluchtsorte. Wie gehen wir also damit um, dass Menschen Bedürfnisse der zwischenmenschlichen Zusammenkunft haben?“ Sperrstunden und Großeinsätze der Polizei könnten keine Lösung sein.

Die Veranstalterin der Pornceptual-Party erzählt, sie hätten lange überlegt, ob sie trotz Corona weiter Partys veranstalten sollen. Am Ende entschieden sie sich dafür: „Gerade in diesen Zeiten ist es so wichtig, nicht allein zu sein. Und anders als bei Partys zu Hause können sich die Menschen bei uns unter sicheren Bedingungen treffen.“  Das Kollektiv wertet das Vorgehen der Behörden als Diskriminierung: „Das war nicht nur ein Angriff auf die Kultur, sondern auch auf ihre Minderheiten.“