Es ist geschafft, wenn auch nach vielen Hindernissen: Die Gorillas haben einen eigenen Betriebsrat. Nach monatelangem Kampf der Fahrradkuriere um eine eigene Arbeitnehmervertretung bei dem Lieferdienst-Startup in Berlin schloss am Sonnabend um 15 Uhr das Wahllokal in Friedrichshain nach sechs Tagen Abstimmung. Nach der Auszählung sind dann insgesamt 19 Betriebsräte gewählt.

Allerdings ging die Wahl nicht ohne Behinderungen von Unternehmensseite vonstatten. „Unter den gegebenen Umständen sind wir überhaupt froh, dass es einen Betriebsrat gibt“, sagt Anwalt Martin Bechert, der mehrere Gorillas-Kuriere in Arbeitsrechtsprozessen vor Gericht vertritt. Während der laufenden Betriebsratswahl seien in den Warenlagern Zettel ausgelegt worden, auf denen stand: Wer wählen wolle, müsse sich einen Tag vorher bei einem Vorgesetzen anmelden, berichtet der Anwalt. „Kolleginnen und Kollegen, die kurzfristig noch wählen wollten, konnten das unter der Auflage nicht. Das ist absurd. Ich sehe das als klare Wahlbehinderung.“

Hintergrund sei wohl die Befürchtung gewesen, es könnte Gewinnausfälle für das Unternehmen geben durch Abwesenheit von Boten im Dienst. Auf Nachfrage war ein Gorillas-Sprecher nicht zu erreichen, die Pressestelle wollte sich offenbar noch äußern. „Fahrerinnen und Fahrer müssen als wahlberechtigt registriert sein, es gibt nur eine einzige Urne, die steht in Friedrichshain“, erklärt Bechert. „Um dorthin und zurück zu fahren müssen sie den Arbeitsplatz bis zu zweieinhalb Stunden verlassen.“ Es könne nicht sein, dass Demokratie hinter dem Profit zurückstehe.

Dabei habe sich der Wahlvorstand der Firma zuliebe bereit erklärt, die Wahl auf sechs Tage auszudehnen, sagt Bechert. „Normalerweise werden Betriebsträte an einem Tag gewählt.“ Der Arbeitsrechtsanwalt ordnet das ein als „Wahlscharmützel, die das Unternehmen offenbar nicht lassen kann“. Zuvor seien die Kandidatinnen und Kandidaten schon durch befristete Verträge verunsichert worden.

Volkmar Otto
Jeder nur ein Kreuz. Ein Rider bei der Abstimmung am Sonnabend. Zuvor mussten Vorgesetzte informiert werden.

Das Startup hatte in der Vergangenheit erklärt: „Die Wahl eines Betriebsrats zu unterstützen und zu erleichtern, ist nicht nur unsere Pflicht, es ist auch unsere Überzeugung.“ Dazu gehöre, dass man Räumlichkeiten, Informationsmaterial und Kommunikationskanäle bereitstelle. „Das Verhalten des Unternehmens spricht dagegen, dass es die Betriebsratswahl befürwortet“, sagt Bechert hingegen.

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Seit mittlerweile fünf Monaten sorgen die meist jungen, oft aus dem Ausland stammenden Fahrradbotinnen und -boten mit Protesten und Prozessen für Aufsehen, sie beklagen ihre Arbeitsbedingungen und zu wenig Unterstützung des im Mai 2020 in Berlin gegründeten Startups, das mit Lieferungen von Supermarktprodukten in unter zehn Minuten für sich wirbt und möglichst schnell wachsen möchte, auch international. Mittlerweile ist auch der Dax-Konzern Delivery Hero an Gorillas beteiligt.

Weit unter 50 Prozent Wahlbeteiligung

Den Umständen geschuldet sei die Wahlbeteiligung bei der Betriebsratswahl in dieser Woche niedrig gewesen. „Es sind nicht besonders viele Fahrerinnen und Fahrer wählen gegangen“, sagt Bechert. Viele seien noch in der Probezeit und wollten keinen Ärger mit ihren Vorgesetzten riskieren. „Der Wähleranteil wird wahrscheinlich deutlich unter 50 Prozent liegen, das ist bedauerlich.“ Er sehe den Betriebsrat dadurch nicht weniger legitimiert.

Was die Arbeitnehmervertretung nun konkret vorhat, ist noch unklar. „Der Betriebsrat muss sich erst noch konstituieren nächste Woche und sich dann ein Bild machen, es gibt noch keine konkreten Pläne für Vorhaben“, sagt Bechert. Unklar ist auch, für wie viele Beschäftigte der Betriebsrat zuständig ist. Die Geschäftsführung hat kurz vor der Wahl die Berliner Warenhäuser ausgegliedert. Die Wahl kann außerdem noch von der Geschäftsführung vor Gericht angefochten werden.

Ohnehin wird vor Gericht weiter gestritten. „Von den ursprünglich 20 Prozessen wegen befristeter Arbeitsverträge liegen 15 noch beim Arbeitsgericht. Der erste Termin für eine konkrete Verhandlung liegt am 7. Dezember“, berichtet Bechert. Es bleibt also spannend im Arbeitskampf bei den Gorillas.

Es ist geschafft, wenn auch nach vielen Hindernissen: Die Gorillas haben einen eigenen Betriebsrat. Nach monatelangem Kampf der Fahrradkuriere um eine eigene Arbeitnehmervertretung bei dem Lieferdienst-Startup in Berlin schloss am Sonnabend um 15 Uhr das Wahllokal in Friedrichshain nach sechs Tagen Abstimmung. Nach der Auszählung sind dann insgesamt 19 Betriebsräte gewählt.

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