Die sogenannte Hygiene-Demo vor der Volksbühne in Berlin.
Foto: Ostkreuz/Sebastian Wells

BerlinMorgens um sieben begrüßen sie sich mit Umarmungen. Albanische Arbeiter renovieren in meiner Straße ein Haus – und zwar von Grund auf. Wenn neues Baumaterial kommt, warten sie in einer Reihe, einer steht auf der Ladefläche und hebt jedem Mann einen Sack auf die Schulter. Schwerere Sachen tragen sie zusammen. Einer ruft was vom Dach, die unten lachen. Es kümmert wohl keinen, dass sie ohne Mundschutz arbeiten. Am Feierabend räumen sie auf, stehen still im Kreis und rauchen noch eine. Diesen Blick aus dem Fenster erlebe ich als Zeitsprung – die Männer verhalten sich wie früher, vor Corona.

Sonst hat sich der Ton geändert, er ist gereizter, aggressiver geworden, am schlimmsten im Netz. Wenn ich doch nur wüsste, wie viele Menschen es wirklich sind, die da unseren Politikern den Tod wünschen, die behaupten, dass Angela Merkel uns islamisieren will, die wissen, dass Bill Gates dieses Virus erschaffen habe, um als „Antichrist“ die Welt zu beherrschen. „Er kauft sich überall ein.“ Aber es gibt eine neue Meldung: „Der Gates hat in USA eine fette Anklage wegen Völkermord, er sitzt schon ein!“ Und was nun?

Die Wirkung solcher Meinungen und ihrer Weiterleitungen, die möchte ich mal von Leuten eingeschätzt bekommen, die von Trollen Ahnung haben. Sind die Texte von Menschen? Hat diese parallele Gerüchtewelt Einfluss?

Ich glaube, dass jetzt die große Ungeduld kommt. Bisher wären die Maßnahmen zu Corona ganz okay gewesen, sagt man, aber jetzt sei ein Punkt gekommen, danach sei der Schaden nicht mehr zu stoppen.

Dieser eine Punkt – es bedeutet ein verlässliches Datum – zieht sich durch Leserbriefe oder Talkshows wie zuletzt bei „Hart, aber fair“. Man versteht ja alle Gäste. Der Sternekoch will wieder kochen. Der Schauspieler will wieder spielen. Die Mutter von drei Kindern will wieder Kita und Schule. Die Virologin will die Kontrolle behalten. „Wir sind alle irgendwie an einer Grenze“, sagt die Politikerin.

Irgendwie und überall. Ein Mann zankt sich mit Vertretern des Ordnungsamts, weil sie einen Strafzettel ausstellen: Sein Auto steht im Parkverbot. „Aber doch nicht in diesen Zeiten!“, protestiert der Besitzer. Der Regisseur Frank Castorf will sich das Händewaschen nicht von der Kanzlerin befehlen lassen. Eine Bekannte fühlt sich von Wachmännern gegängelt, weil sie nach einem Einkauf im Alexa statt durch den Hintereingang wieder durch den Vordereingang raus musste. „Wie lange geht das noch?“ Ich sage: „Ich weiß nicht.“

Es gibt auch kleine Freuden: Eine Schauspielerin meldete bei Facebook am 18. April einen Termin bei ihrer Friseurin für Anfang Mai – „Es fühlt sich an, als hätte ich eine Weltreise gebucht.“ Friseurtermine sind Geschenke, auch wenn unsere Kopfhaare seit der Schließung dieser Läden nicht viel mehr als zwei Zentimeter gewachsen sein dürften.

Die Menschen vermissen Verschiedenes. Zwei Trinker sitzen ein Stück von mir entfernt an einer Straßenbahnhaltestelle, einer mit Bier, einer mit Flachmann. „Der Dicke anne Ecke hat immer noch zu“, sagt der eine. „Und die Kneipe inne Stargarder macht nich auf“, sagt der andere. Sie schweigen. Sie trinken. Der Flachmann fasst die Lage zusammen: „Dit is jetzt schlimmer wie’m Krieg.“ Nun übertreib mal nicht.