Als bislang erste Partei der rot-rot-grünen Koalition starten die Grünen eine Kampagne zur Schließung des Flughafens Tegel. Sie wollen angesichts des Tegel-Volksentscheids am 24. September weniger auf das abheben, was verschwindet, sondern auf das, was kommen kann. Der Hauptbestandteil der Kampagne, ein Plakat, trägt deshalb den Spruch: „Hol dir die Stadt zurück. Und bring sie voran. Tegel schließen.“ Die Parteivorsitzenden Nina Stahr und Werner Graf stellten das Vorhaben im Flughafen vor, enthüllten das grüne Plakat mit dem pinkfarbenen Tower, auf dem „Tegel schließen“ weiß auf blau hervorsticht.

Stahr und Graf wiederholen die Senats-Argumente der Kosten: 1,1 Milliarden für die Sanierung des Airports seien nötig, mindestens 400 Millionen für den Lärmschutz, falls Tegel weiterbetrieben werde. Mit den rechtlichen Konditionen hielten sich die beiden nicht lange auf: Die Betriebsgenehmigung sei 2004 widerrufen worden, selbst wenn man wollte, könne man gar nicht anders als Tegel zu schließen, um die 450 Hektar Fläche anschließend für die Berliner nutzbringend neu zu nutzen.

9000 neue Wohnungen

Die Vorteile lägen auf der Hand: Auf dem Areal könnten 5000 Wohnungen entstehen, gleich am Rand weitere 4000. Studenten sollen das Terminal bevölkern, wenn die auf die Ausbildung dringend benötigter Ingenieure spezialisierte Beuth-(Fach-)Hochschule eingezogen ist – ihr Weddinger Campus ist viel zu klein. Auf dem Flugfeld sollen sich Unternehmen niederlassen, die sich in Kooperation mit der Beuth-Hochschule der Entwicklung und Herstellung zukunftsträchtiger Produkte widmen sollen. Schließlich werde mehr als die Hälfte des Geländes in einen Park umgewandelt.

Das alles wiege mehr als die Bequemlichkeit eines innerstädtischen Airports für Berliner Fluggäste. Nina Stahr bringt das Argument von Minderheitenschutz und Verlässlichkeit ins Spiel: Es könne nicht sein, dass zum Beispiel Steglitz-Zehlendorfer mit ihrer Stimme dafür sorgen, dass die Menschen in den Flugschneisen Tegels weiter unter Lärm leiden. Die Lärmgeplagten hätten ein Recht darauf, dass das Jahrzehnte alte Versprechen einer Schließung Tegels eingelöst wird.

Werner Graf griff die FDP als Initiatorin des Volksentscheids scharf an: Sie operiere mit Emotionen, weil die Faktenlage nicht für ihr Ziel spreche, Tegel offenzuhalten. Sie sage weder etwas zu den Kosten noch dazu, für welchen Verkehr Tegel dienen soll. Und sie suggeriere, der Senat wolle Tegel dichtmachen, bevor der BER in Betrieb ist. Es sei aber ganz klar: „Tegel wird erst geschlossen, wenn der BER ein halbes Jahr lang in Betrieb war.“ Auch die CDU, die sich bis zur Wahl für die Nachnutzung durch Wohnen, Wissenschaft und Gewerbe stark gemacht hatte und jetzt nach einer Mitgliederbefragung für den Weiterbetrieb ist, habe nicht klarmachen können, was die Gründe für ihr Umschwenken sind.

Zu spät aufgewacht

Nina Stahr gestand zu, dass man bei den Grünen die Unterschriftensammlung, mit der die FDP den Volksentscheid herbeigeführt hatte, nicht ernst genommen habe. Erst danach sei sie persönlich aufgewacht. Dennoch ist sie optimistisch: „Wir sind überzeugt, dass die Argumente für die Schließung noch bei den Berlinern ankommen.“

Graf strotzt vor Selbstbewusstsein: „Ich verspreche, dass wir gewinnen werden.“ Er verteidigte, dass Senat, Koalitionsparteien, BUND und Wirtschaftsverbände nicht mit einer gemeinsamen Aktionen für die Schließung kämpfen. „Wir haben uns für Vielstimmigkeit entschieden.“ Was den BER angeht, ist bei Nina Stahr eine gewisse Skepsis auszumachen. Auf die Frage, was sie glauben ließe, dass der BER überhaupt eröffnet, antwortete sie mit einem kleinen Lachen: „Ich bin religiös.“