Paul K. muss sich wegen banden- und gewerbsmäßigen Betrugs sowie Amtsanmaßung in 15 Fällen vor dem Landgericht verantworten.
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BerlinIngrid B. ist eine zierliche Frau, die trotzdem resolut wirkt und unerschrocken. Sie ist 83 Jahre alt, vor dem Gerichtssaal liest sie Zeitung. Als sie dann am Landgericht Berlin als Zeugin aufgerufen wird, wundert sie sich über sich selbst. Wie sie so leichtgläubig sein konnte. Wie sie sich so manipulieren lassen konnte. Dass sie auf die Masche der Betrüger einfach so hereingefallen ist.

Die Frau wurde Opfer falscher Polizisten. Einer der mutmaßlichen Täter, Paul K., sitzt der betagten Dame gegenüber – als Angeklagter. Er soll als Teil einer Bande in 15 Fällen gutgläubige Senioren um deren Erspartes gebracht haben.

Insgesamt geht es um 800.000 Euro. In manchen Fällen nutzten die Täter das sogenannte Call ID Spoofing. Mit dieser Methode werden bei dem Angerufenen die von den Kriminellen erwünschte Telefonnummer angezeigt. So gaben sich die Betrüger als Mitarbeiter einer Polizeibehörde aus. Auf den Displays der Opfer erschien oftmals die Notrufnummer 110.

Ingrid B. erzählt, wie sie am Mittag des 21. Oktober vergangenen Jahres von einem „Martin Richter von der Kripo“ auf ihrem Festnetz angerufen worden sei. Der Mann habe gesagt, sie könne der Polizei helfen, eine Betrügerbande zu überführen, die es auch auf sie abgesehen hätte. Zwei der vier Bandenmitglieder seien bereits festgenommen worden. Nun müsse man auch der zwei weiteren Täter habhaft werden.

Der Mann am Telefon gab den Hörer schließlich an seinen „Vorgesetzten Raschke“ weiter. „Die wussten, bei welcher Bank ich bin, die wussten, dass ich dort einen Safe habe“, sagt Ingrid B. Sie erzählten der Frau, dass ein Bankmitarbeiter Zugriff auf ihr Konto haben würde. Auch diesen korrupten Bankmitarbeiter müsse man überführen.

Der Mann am Telefon habe ihr aufgetragen, 10.000 Euro abzuheben, erzählt Ingrid B. Auch ihren Safe räumte sie weisungsgemäß leer. Sie packte die Münzsammlung ihres verstorbenen Mannes, ihren Schmuck und auch eine alte goldene Schnupftabakdose aus Napoleons Zeiten zusammen mit dem Geld in eine Tasche. Für den Fall, dass Bankmitarbeiter sie fragen sollten, warum sie einen so hohen Betrag abheben würde, sollte Ingrid B. antworten: Für Handwerker. In den Safe sollte sie ein altes Buch legen – auf dem die Täter ihre Fingerabdrücke hinterlassen sollten, so die Legende der Täter.

Mit den Wertsachen fuhr sie im Taxi nach Hause. Sie stellte die Tasche mit dem Geld und dem Schmuck wie gefordert am Gartenzaun ab. Sie sollte alles von der örtlichen Polizeibehörde zurückbekommen. All die Zeit hätten die „Polizisten“ über ihr Handy Kontakt zu ihr gehalten, erzählt Ingrid B. Sie hätten ihr versichert, dass sie und ihre Wertsachen in Sicherheit seien. Man habe sie im Blick. „Die hatten mich so im Visier, dass ich nicht gezweifelt habe, mit der Polizei zu sprechen“, sagt die 83-Jährige. Sie sei regelrecht manipuliert worden.

Ingrid B. hatte Glück – anders als die anderen 14 betrogenen Frauen und Männer, deren Wertsachen verschwunden sind. Paul K., der als mutmaßlicher Abholer der Bande gilt, war von richtigen Polizisten observiert, sein Handy abgehört worden – er wurde festgenommen, als er die Tasche mit dem Geld und dem Schmuck von Ingrid B. an sich genommen hatte und im Auto verstauen wollte.

Als die richtigen Polizisten kurz darauf vor ihr standen, sei sie „ins Bodenlose“ gefallen, sagt Ingrid B.

Paul K. schweigt zu den Vorwürfen. Der Prozess geht weiter.