BerlinSie hießen „Sandra vom Prenzlauer Berg“, „Rex vom Müggelsee“ oder einfach „Evi“. Als im Winter 1990 die Grenzen offen waren, wurden sie und ihre tierischen Kollegen fast über Nacht arbeitslos. 30 Jahre nach der Wiedervereinigung erzählt der Tierschutzverein Berlin die Geschichte von etwa 6000 sogenannten Mauerhunden, die Geschichte der überflüssig gewordenen DDR-Grenzhunde.

Groß mussten sie sein, furchteinflößend und bellfreudig. Besonders beliebt  für die Arbeit an der innerdeutschen Grenze war, wie kann es anders sein, der Deutsche Schäferhund. Aber auch andere große Hunderassen wie Rottweiler, Doggen und Riesenschnauzer wurden dazu verwendet, als sogenannte Trassenhunde an schwer begehbaren oder unübersichtlichen Grenzabschnitten Wache zu halten und auf Republikflüchtlinge aufmerksam zu machen. An einer fünf Meter langen Leine bewegten sich die Tiere in einer Hundelaufanlage über 100 Meter an einem Drahtseil entlang. Bei Wind und Wetter draußen, oft vernachlässigt, manchmal mit einem Extra-Happen vom je nach Dienstplan wechselnden Grenz-Personal bedacht.

Schon in den 1960er Jahren hatten die Grenztruppen begonnen, zur Bewachung der Grenze Hunde einzusetzen. Entgegen ihrem Ruf waren die Vierbeiner aber keine wilden Bestien, sondern meist verschmust und folgsam, schreibt der Berliner Tierschutzverein. Sie sollten durch ihre Präsenz eher abschreckend wirken und patrouillierten täglich acht Stunden am Grenzzaun. Je nach Dienstplan mussten sie sich oft auf neue Hundeführer einstellen. Als es nach dem Fall der Mauer keine Verwendung mehr für die Hunde gab, war dies von Vorteil. „Sie waren gut vermittelbar, weil sie an wechselnde Menschen gewöhnt waren.“, so Beate Kaminsky, Sprecherin des Berliner Tierschutzvereins.  Etwa 2500 Hunde konnte der Tierschutzverein an private Haushalte vermitteln. Selbst der damalige Bundesgeschäftsführer und spätere TVB-Präsident Wolfgang Apel scheute dabei keine Mühen.

Der spätere TVB-Präsident Wolfgang Apel wirbt für die Aufnahme eines von 6000 Tieren von der innerdeutschen Grenze.
Foto: Archiv TVB

Um ihre Ungefährlichkeit zu beweisen, bot Apel sogar an, sich mit den Tieren einschließen zu lassen. Unter den unterzubringenden Tieren waren zum Beispiel auch 62 Schäferhunde, Rottweiler und Riesenschnauzer aus einer Potsdamer Armee-Hundeschule. „Allesamt superfreundlich“, so Beate Kaminsky.

Am 11. Januar 1990 gab es ein Treffen mit Vertretern der Nationalen Volksarmee (NVA) und des DDR-Außenhandelsministeriums sowie des Beirats für Tierschutz und Tierhygiene der DDR im Ostberliner Tierheim. Dabei wurde das Angebot, den DDR-Behörden bei der Vermittlung der Grenzhunde zu helfen, verhandelt. Gleichzeitig verhinderte man, dass die Hunde von Interessenten aus Korea und Spanien erworben wurden und womöglich in Kochtöpfen oder als Pelzjacken endeten. Der „Spiegel“ berichtete seinerzeit auch von „Amis“, die die Hunde meistbietend als Souvenirs verscherbeln wollten; westdeutsche Rassefreunde witterten ein Tier-Schnäppchen und hofften auf gute Geschäfte.

Die Rettung der Mauerhunde wurde zu einer der ersten großen deutsch-deutschen Kooperationen: Der Deutsche Tierschutzbund, der Tierschutzverein für Berlin und das Ostberliner Tierheim arbeiteten damals eng mit Vertretern der NVA zusammen. Zuvor hatten die Hundeführer der Armee sogar selbst versucht, die Hunde unterzubringen – mit einem Lautsprecherwagen waren sie durch die Republik gefahren und konnten so immerhin fast 900 Tiere vermitteln.

TV-Star Carolin Reiber posiert vor dem Brandenburger Tor mit Mauerhunden. 
Foto: Archiv TVB

Auch die Medien berichteten damals über die Vermittlung der „Mauerhunde“, Fernsehstar Carolin Reiber kam sogar zu einem Fototermin am Brandenburger Tor und warb in einer Illustrierten für die Vermittlung, sodass das Schicksal der Hunde auch über die deutschen Grenzen hinaus interessierte. Im März 1990 kamen etwa die beiden Schäferhunde Juro und Betty sowie der Riesenschnauzer Valco auf die Balearen-Insel Mallorca in eine richtige Familie, berichtete die Mallorca Zeitung damals. Von der grauen Grenze ins Sonnenparadies - ein Aufstieg, von dem damals wohl nicht nur Hunde träumten.