Das Messegelände am Funkturm.
Foto: Volkmar Otto

BerlinErstmals die neuesten Smartphones in die Hand nehmen, den aktuellsten Flatscreen begutachten und nach den angesagten Trends der Unterhaltungselektronik Ausschau halten. Für Tech-Freaks ist die Internationale Funkausstellung (IFA) alljährlich ein ersehnter Termin. Zum Septemberbeginn ging es stets unter den Funkturm. Vor einem Jahr feierte die Messe mit 2000 Ausstellern und 245.000 Besuchern noch einmal einen neuen Rekord in der inzwischen fast 100-jährigen Ausstellungsgeschichte. Doch das war gestern. Wenn an diesem Donnertag die IFA 2020 beginnt, dann als geschlossene Gesellschaft. Handy gucken? Fehlanzeige.

Die Corona-Pandemie hat die IFA radikal verändert. Sie wurde auf drei Tage gestutzt. Publikumsverkehr ist ausgeschlossen.  Nur Fachbesucher sind zugelassen. Zudem ist der Zugang limitiert. Schon im Mai stand fest, dass pro Tag höchstens 1000 Personen erlaubt sein werden. Die Messe hat sich damit beholfen, die IFA in drei separate Veranstaltungen in verschiedenen Hallen aufzuteilen, um so wenigstens dreimal 1000 Besucher am Tag empfangen zu können. Läuft es gut, kommt man am Ende  auf  knapp 10.000 Besucher.

Das ist nicht viel, und auch die Ausstellerzahl ist geschrumpft. Der koreanische Tech-Riese  Samsung hat bereits vor Wochen abgesagt und will eine eigene digitale Show veranstalten. Geblieben sind insgesamt 150 Aussteller, die sich zur „IFA 2020 Special Edition“ angekündigt haben. Sie haben in den Hallen Stände aufgebaut. Vorträge werden gehalten, Experten werden etwa über die Möglichkeiten von 5G sprechen. Messe-Sprecher Emanuel Höger verspricht tatsächlich „ein Messeerlebnis“. „Nur etwas kleiner.“

Das ist doppelt ärgerlich, weil das Geschäft mit Haushaltsgeräten und Heimelektronik gerade durch den in Corona wiederentdeckten Cocooning-Trend befeuert wird. Der Absatz von TV-Geräten erlebte in der ersten Jahreshälfte einen Aufschwung nach jahrelangen Verlusten. Homeoffice und Homeschooling ließen die Umsätze im Laptop-Verkauf um 30, das Tablet-Geschäft um 17 Prozent steigen.

Um dabei präsent zu bleiben, hat die Messe Berlin parallel eine digitale Ebene namens „IFA Xtended Space“ entwickelt, die den virtuellen Messebesuch ermöglichen soll. Wer sich über die Website der IFA (www.ifa-berlin.de) registriert, kann von einer digitalen Lobby aus durch die Ausstellungsbereiche stromern. Es gibt Live-Streams von Pressekonferenzen, Vorträgen und Podiumsdiskussionen. Internationale Marken stellen ihre neuesten Produkte in virtuellen Präsentationen vor – meist in 3-D-Ansicht.  Dass das die persönliche Erfahrung vor Ort kaum kompensieren könne, räumt auch IFA-Chef Jens Heithecker ein. Allerdings ermögliche der sogenannte IFA Xtended Space allen Interessierten, die nicht physisch in Berlin dabei sein können, die IFA virtuell zu erleben. Kostenfrei übrigens. Und das Angebot ist sogar breiter als vor Ort. Denn für den virtuellen Bereich sind insgesamt 1300 Aussteller angemeldet.

Tatsächlich ist man sich bei der Messe Berlin darüber im Klaren, dass mit der neuen IFA kein Geld zu verdienen ist. Das Unternehmen, das zu 99,7 Prozent dem Land Berlin gehört, ist gerade notgedrungen dabei, sich neu zu erfinden. Hatte man am Funkturm bislang fast ausschließlich Hallenfläche vermietet und gehörte damit neben München, Frankfurt/Main und Düsseldorf zu den profitabelsten Messegesellschaften in Deutschland, so geht es nun auch um die Vermarktung virtuellen Raums und Ausstellungen ohne Ansteckungsgefahr. Dafür ist die IFA gewissermaßen ein Lehrstück, für das man mit IT-Dienstleistern zusammengearbeitet hat und aus dem ein neues Geschäftsmodell entstehen kann.

Im vergangenen Jahr brachte es das landeseigene Unternehmen mit knapp 130 Veranstaltungen und insgesamt 2,1 Millionen Besuchern noch auf einen Umsatz von 284 Millionen Euro. Aktuell ist von den etwa 1000 Mitarbeitern ein großer Teil in Kurzarbeit. Um die Folgen der Corona-Pandemie bewältigen zu können, hat die Messe Berlin vom Land 25 Millionen Euro bekommen, weitere 60 Millionen Euro sollen folgen. Damit könne das Unternehmen eigenen Angaben zufolge über das Jahr kommen. Wie das nächste aussehen wird, ist offen. Sicher ist nur, dass das Jahr 2021 traditionsgemäß mit der Grünen Woche beginnen wird.  Dann aber als  Fachmesse. Ohne Besucher.