BerlinDieser ungewöhnliche Brief kam unaufgefordert und löste reichlich Aufregung aus. Er kam von einem fremden Absender, einer Immobilienfirma. Sofort nistete sich ein Gedanke im Kopf ein: Der Brief ist hoffentlich nicht von den Besitzern der Eigentumswohnung, in der wir wohnen. Die wollen doch nicht etwa …

Der Gedanke fraß sich immer tiefer, also blieb der Brief ungeöffnet. Doch davon wurde es nicht besser. Als der Brief dann offen vor uns lag, wurde klar, dass er nicht an uns persönlich gerichtet war, sondern an alle in unserem Kiez im Friedrichshain.

Aber was wollte die Immobilienfirma? Stolz verkündete der Briefschreiber, dass wir bald neue Nachbarn bekommen, weil seine Firma eine „attraktive 5-Zimmer-Wohnung“ vermarktet. Zum Glück nicht in unserem  Haus, sondern im Kiez. Wir fragten uns: Warum teilt er uns das mit?

Dann beschrieb er die Wohnung recht detailliert: Sie ist 140 Quadratmeter groß und „verfügt über einen großzügigen, offenen Wohn- und Essbereich mit einer hochwertigen Einbauküche und direktem Zugang zu beiden Balkonen“. Dazu kommen gleich vier Schlafzimmer. Ganz schön viel, dachten wir. Aber es gibt glücklicherweise für die vielen Schläfer auch noch ein modernes „Vollbad“.

Will der Briefschreiber, dass wir uns die Wohnung anschauen? Will er etwa, dass wir dort einziehen?

Dann die Auflösung: Wir wurden gefragt, ob wir nicht eine Eigentumswohnung suchen? Wenn nicht, wurden wir gefragt, ob wir nicht eine Eigentumswohnung hätten, die wir verkaufen wollen?

Ein Nachbar, der den Brief ebenfalls gelesen hatte, sagte im Hausflur nur: „Jetzt geht’s also los.“ Wir verstanden nicht, was er meint. Er sagte: „Kaum hat ein Großaufgebot der Polizei das Besetzerhaus ein paar Ecken weiter an der Rigaer Straße geräumt, schon schwärmen die Immobilienhaie aus.“ So hatten wir das noch gar nicht gesehen.

Abends gingen wir zum einstigen Besetzerhaus, das nun eine Ruine mit leeren Augen statt Fenstern ist und vor dem sich  riesige Müllberge türmen. Kerzen standen auf dem Bürgersteig wie Grablichter. In der Mitte der Schriftzug: „Viva la Riga.“ Dazu Schilder: „United we fight! 31.10.20.“

Aha. Am letzten Oktobertag soll wieder gekämpft werden. Wir fragten uns, ob der Kampf in unserem Sinne ist.

Doch bevor wir eine Antwort fanden, hörten wie laute Rufe. Am bunten Haus standen ein paar Leute in Schwarz und riefen: „Bullenschweine – raus aus der Rigaer.“ Wir gingen ganz schnell. Ein paar Ecken weiter riefen zwei Betrunkene: „A … Anti … Antifascista!“

Später meldete die Polizei, dass es in der Nacht zum Donnerstag an der Ruine gebrannt hat und dass 30 Feuerwehrleute zwei Stunden brauchten, um die brennenden Schuttberge zu löschen. Auch in der ersten Etage brannte es. Ein Zufall?