Berlin - Mike Delberg sagt, er hatte „ein paar harte letzte Tage“. Vor allem in den sozialen Medien, aber nicht nur da. Er hat auf Instagram und Facebook seine Solidarität mit Israel erklärt, nach dem Beschuss des Landes durch mehr als 1000 Raketen der Terrororganisation Hamas. Aber auch mit der „palästinensischen Bevölkerung in Gaza, die genauso Opfer der Hamas ist“, wie er sagt. Er hat sich für Frieden im Nahen Osten ausgesprochen, für Versöhnung. 

Man kann seine Einträge nicht mehr nachlesen, denn Delberg ist von Facebook für beide Plattformen gesperrt worden. Er vermutet, dass er von anderen Nutzern gemeldet wurde, auch das ist eine Kampfstrategie in den Netzwerken. Vorher habe er einen „unfassbaren Backlash an Hass“ auf seine Friedens- und Solidaritätsadressen bekommen, sagt er. Als sein Account noch nicht gesperrt war, konnte man einen Teil davon verfolgen, weil Delberg die Nachrichten nicht mehr löschte, sondern öffentlich machte. Beschimpfungen in Audionachrichten und Text.

Mike Samuel Delberg, 31 Jahre alt, in Berlin geboren als Kind jüdischer Einwanderer aus Russland und der Ukraine, ist seit seiner Jugend in jüdischen Organisationen aktiv. Er wurde schon oft antisemitisch beschimpft, sagt er, „aber diese Masse an Hassbotschaften ist neu“, auch die Qualität sei diesmal anders. Delberg sagt, er habe zum ersten Mal auch Morddrohungen erhalten. Für sich selbst. Und für seine Eltern.

„Meine Eltern sind total besorgt, sie haben nicht so ein dickes Fell wie ich“, sagt er. Sie sorgen sich nicht nur, weil er sich in und außerhalb der sozialen Medien engagiert. In der ganzen Community wachse das Unbehagen, man wisse „die jüdische Gemeinschaft ist in erhöhter Bedrohungslage, wenn die Situation im Nahen Osten sich zuspitzt“. In Bonn und Münster wurden bereits Synagogen attackiert, in Gelsenkirchen zogen Demonstranten mit judenfeindlichen Parolen vor die Synagoge.

Delberg ist Mitglied der CDU und arbeitet als Social-Media-Manager der Partei. Auch auf deren Kanälen häuften sich die Hassnachrichten, seit die Partei und ihr Vorsitzender sich solidarisch mit Israel erklärt haben, sagt Delberg. Er höre es zudem von Freunden und Bekannten aus der jüdischen Community. „Das größte Thema sind gerade die Sorge um Familie und Freunde in Israel, aber auch der Onlinekrieg, der in Deutschland herrscht.“ Fake News und Hass würden massiv verbreitet, die Kommentarspalten von Juden würden mit antisemitischen Beschimpfungen geflutet. Die Beschimpfungen und Bedrohungen, die er selbst erhalten habe, kämen „zu mehr als 90 Prozent aus der arabischen oder muslimischen Community“, sagt er. Darauf deuteten Namen und Profilbilder hin. Delberg, der sich auch für den interreligiösen Dialog einsetzt, trifft das besonders.

Wenn Mike Delberg das Haus verlässt, trägt er Kippa. Seit ein paar Tagen mit einem mulmigeren Gefühl als sonst, sagt er. Er schaue sich öfter um, werfe Blicke über seine Schulter. Am Wochenende soll es in Berlin propalästinensische Demonstrationen geben. Er wisse nicht, ob er sich in die Nähe der Gegenden begeben könne, durch die sie führen sollen.