Immer aufgussbereit: Jens Grabner (r.) und Mario Rühl.
Foto: Bernd Friedel

Berlin-FriedrichshainWärme wie ein Wollmantel, Plätschern, gedämpftes Licht, geflüsterte Worte. In der Nase der Geruch von Holz. Für Mario Rühl und Jens Grabner ist das Alltag. Das Kellergewölbe der Kiezsauna in der Graudenzer Straße in Friedrichshain ist für sie kein Wellnesstempel, sondern ihr Arbeitsplatz. Die beiden Männer tragen kurze Hosen und Schlappen. Chefs in Flipflops, Chefs mit Geschichte. Herr Grabner und Herr Rühl, wie sie sich ansprechen, hatten ein bewegtes Leben vor dem Aufguss.

Der eine zog als Musiker mit dem „Schauorchester Ungelenk“ durch die Konzerthallen Deutschlands, der andere fuhr erst als Matrose, dann als Umweltschützer, später als Erster Offizier über die Weltmeere. Mit der Kellersauna sind sie sesshaft geworden. Grabner sagt, dass es ihn schon als Jugendlicher in die Welt gezogen habe. In der DDR ging das am besten als Vollmatrose der Handelsschifffahrt. Bis zur Wende schippert Grabner also aus dem abgeriegelten Land regelmäßig in die Ferne.

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In Brasilien laden sie Erz, in Kuba Zucker. Briketts aus der Lausitz bringen sie nach Bilbao, Quarzsand holen sie von den Sowjets. „Landgänge mussten wir immer zu zweit machen“, erinnert sich der 55-Jährige. Als er im Oktober 1989 auf Heimaturlaub in Berlin ist, spürt er, dass es brodelt. Kurz bevor die Mauer fällt, macht er wieder los, ans Nordkap. In der Nacht zum 10. November hören die Matrosen über Kurzwelle – den Antennendraht aus dem Bullauge gehängt –, dass die Grenzen offen sind.

Grabner blockierte Bohrinseln 

„Ich habe gedacht, das ist ein Hörspiel“, sagt Grabner, während er die Finnische Sauna hochheizt.  „Ich habe dann ziemlich bald gekündigt und bin zurück nach Berlin.“ In die Sauna geht er schon damals regelmäßig, dass er einmal selbst eine betreiben würde, ist zu diesem Zeitpunkt aber unvorstellbar.

Immer abschließbereitbernd. 
Foto: Bernd Friedel 

Grabner mischt bei den Hausbesetzern in Prenzlauer Berg mit, auch da geht es heiß her. Er lässt sich auf den Wogen der Stadt treiben. Hält sich über Wasser und liest eine Anzeige im Greenpeace Magazin.

Die Umweltschützer suchen Seeleute. Aus 6000 Bewerbern wird er ausgewählt, er hat als Matrose als einziger das Know-how. Grabner blockiert also fortan Bohrinseln und umschifft in Japan Walfänger, bis er zum Zivildienst eingezogen wird. In den Neunzigern zieht er, immer in Bewegung, in Berlin mit der ersten Fahrradrikscha los, gründet eine Velo-Taxi-Firma und will es dann doch noch einmal wissen.

Nachbarn befürchteten Bordell 

Nach einem Nautikstudium in Warnemünde heuert er wieder an und ist als Offizier auf Öltankern und Containerschiffen unterwegs. Erst als Grabner seine Ostseefähre zum x-ten Mal von Rostock nach Trelleborg und zurück gesteuert hat, packt ihn endgültig die Langeweile und die Landlust.

Grabner will sesshaft werden, eine Sauna eröffnen. In Friedrichshain. Da gibt es nämlich keine. Das Kellergewölbe an der Graudenzer Straße ist ein Volltreffer. Seit 40 Jahren steht es leer, es soll zugeschüttet werden. Historische Fliesen an den Wänden erzählen von seiner Geschichte.

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In den Räumen befanden sich einst die Lager einer Fleischerei. Als Grabner und Rühl 2012 die Sauna eröffnen, ist sie ein Schmuckstück. Die Befürchtungen der Nachbarn, ein Bordellbetrieb könnte hier einziehen, sie sind verdampft.

Die Kiezsauna, Graudenzer Straße 18, täglich von 13 bis 24 Uhr geöffnet. Sonnabends Familientag mit Märchen, 4 Stunden 16 Euro.