Torsten Harmsen musste auf dem Heimweg als Kind durch die Elsengrund Siedlung laufen. (Symbolbild) 
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Berlin-KöpenickAch, wie stöhnte ich, wenn ich als Kind den langen Weg vom Bahnhof Köpenick nach Hause laufen musste. Die Straße führte ewig geradeaus. Irgendwann schwenkte sie in unsere Wohngegend ein.

Das einzige Interessante an der Strecke war eine Siedlung, durch die ich lief. Mich faszinierte der Baustil der Siedlung. Sie besaß Eckhäuser mit Bogengängen wie kleine italienische Arkaden, Reihenhäuser mit geschwungenen Tür-einfassungen und hohen Dächern. Alles führte auf einen kleinen Platz vor einem Haus mit klassizistischem Giebel. Ein harmonisches Gesamtkunstwerk.

Die Siedlung Elsengrund in Berlin-Köpenick.
Foto: Torsten Harmsen

Über manchen Türen waren kleine Reliefs angebracht. Sie zeigten ländliche Szenen: einen Hirten mit Stab, einen Jäger mit Hund, eine Frau, die einen Baum pflanzte. Manche Straßennamen – etwa Schmausstraße und Essenplatz – gaben mir das Gefühl, mitten im Schlaraffenland zu sein. Als ginge es hier ums Schmausen und Essen.

Auch Ernst Reuter kaufte 1924 ein Grundstück 

Welche Geschichten sich wirklich hinter den Namen verbargen, erfuhr ich erst später. Dazu am Ende mehr. Als ich größer wurde, spielte ich manchmal in dieser Siedlung, die direkt hinter unserem Wohnhaus begann. Sie hieß übrigens Elsengrund. Autos gab es kaum. Man konnte Fahrrad fahren, Rollschuh laufen und Kreidekästchen für Hüpfspiele malen. Zu jedem Haus gehörte ein Garten. In den schmalen Wegen hinter den Grundstücken spielten wir Verstecken. In diesem Jahr nun wird die Siedlung Elsengrund hundert Jahre alt. Ein ortsansässiger Bürgerverein hatte die Idee, dies mit einer Ausstellung zu würdigen.

Diese entstand in Kooperation mit den Museen Treptow-Köpenick sowie Studenten des Masterstudiengangs Historische Urbanistik der TU. Die Ausstellung erzählt interessante Geschichten über die Siedlung, eines der ersten kommunalen Wohnungsbauprojekte der Weimarer Republik. Der Schweizer Architekt Otto Rudolf Salvisberg ließ für seine „Waldsiedlung“ viele Kiefern stehen. Man erfährt, dass auch der spätere West-Berliner Oberbürgermeister Ernst Reuter hier 1924 ein Grundstück gekauft hatte.

Später zog er nach Westend. Traurige Berühmtheit erlangte die Siedlung im Juni 1933 als Ort der „Köpenicker Blutwoche“ – einer der ersten großen Nazi-Exzesse. In den Häusern wohnten auch Mitglieder und Funktionäre von KPD, SPD und Gewerkschaften. Viele wurden von der SA verschleppt und misshandelt. Am Ende waren es Hunderte aus ganz Köpenick. Mindestens 23 Menschen starben. Anton Schmaus und sein Vater Johann, beide Mitglieder der SPD und des Reichsbanners, gehörten dazu.

Ausstellung über die Siedlung Elsengrund 

Ebenso der Gewerkschafter Paul von Essen. Später wurden die Straßen nach ihnen benannt: Schmausstraße und Essenplatz. Von wegen Schlaraffenland! Anton Schmaus hatte sich übrigens noch gegen die Gewalt gewehrt und zwei eindringende SA-Leute erschossen. Tags darauf stellte die SA eine „Ehrenwache“ vor das Haus. Die Leute machten große Umwege, um nicht daran vorbeigehen zu müssen. Wie man in der Ausstellung erfährt, waren es Kinder der Siedlung, die sich – vom Erlebten in Wut gebracht – zum Marschzug formierten und mehrfach provokativ an der SA vorbeimarschierten.

Bis man sie wegjagte. Die Geschichte kannten wir jedoch nicht, als wir gut drei Jahrzehnte später in derselben Straße spielten. Eine neue Generation von Kindern.

Ausstellung. „Alle(s) unter einem Dach? – 100 Jahre Siedlung Elsengrund“ bis 29. Mai 2020 im Museum Köpenick (Alter Markt 1 in 12555 Berlin) Di, Mi 10–16 Uhr, Do 10–18 Uhr, So 14–18 Uhr.