Die Kinoretter sahen schon vor einem Monat bei der ersten Demonstration den Kampf um das Colosseum in einem größeren Zusammenhang.
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Berlin-Prenzlauer BergBelegschaft und Politik haben den Kampf um das Kino Colosseum in Prenzlauer Berg noch nicht aufgegeben. Für Donnerstagabend wird zu einer neuen Demonstration vor dem Kino aufgerufen. Doch zugleich sinken die Chancen, in diesem Jahr noch einen Kinobetrieb sicherzustellen. Die Kino-Betriebsgesellschaft ist insolvent, das Verfahren läuft. Und bisher hat es nicht einmal Gespräche mit den Betreibern und den Immobilieneigentümern dazu gegeben.

Rund 1000 Menschen hatten Anfang Juli erstmals für die Rettung des Lichtspielhauses mit fast hundertjähriger wechselvoller Geschichte demonstriert. Am Donnerstag um 18.30 Uhr wird an der Ecke Schönhauser Allee/Gleimstraße wieder für die Rettung des Colosseums getrommelt, das Bezirksbürgermeister Sören Benn (Linke) als ähnlich prägend für den Kiez bezeichnet wie die Gethsemane-Kirche oder den Magistratsschirm, also die Hochbahn entlang der Schönhauser Allee.

Doch selbst eine noch so lange Geschichte schützt nicht vor einer existenzgefährdenden Gemengelage aus Profitinteressen und Corona. Mit dem Shutdown im März musste auch das Multiplex-Haus mit seinen rund 2800 Plätzen schließen. Die gesamte Branche rutschte in eine tiefe Krise, aus der sie trotz mancher Lockerung – inzwischen darf man jeden zweiten Kinosessel wieder besetzen – noch nicht herausgefunden hat.

Dennoch war das Erstaunen groß, dass bereits am 20. Mai vor dem Amtsgericht Charlottenburg Insolvenz für die Betriebsgesellschaft angemeldet wurde. Inzwischen ist das Verfahren offiziell eröffnet. Wie immer geht es darum, die Gläubiger bestmöglich zu befriedigen. Zu den Gläubigern gehört im Fall Colosseum auch die Belegschaft. Alle vier Dutzend Arbeitnehmer sind freigestellt.

Tatsächlich scheint derzeit ungewisser denn je, dass das Kino in absehbarer Zeit wieder seinen Betrieb aufnehmen wird. Insolvenzverwalter Sebastian Laboga lässt ausrichten, dass ein kostendeckender, also das Insolvenzverfahren nicht gefährdender Betrieb unter den herrschenden Bedingungen nicht möglich sei. „Herr Laboga darf das Kino gar nicht weiterführen, weil dadurch die Gläubiger noch weiter geschädigt würden“, sagt sein Sprecher Christoph Möller.

Bisheriger Betreiber war Sammy Brauner, Chef der Kino-Betriebsgesellschaft. Er hat sich quasi selbst gekündigt, schließlich ist er auch Angehöriger der Immobilieneigentümer, der Erbengemeinschaft Artur Brauners. Der Filmproduzent und Immobilienhändler starb voriges Jahr kurz vor seinem 101. Geburtstag. Kurz nach Brauners Tod reichte die Erbengemeinschaft einen Bauvorbescheid für die Umgestaltung des Eckgebäudes zu einem sechsgeschossigen Bürozentrum ein. Die Rede ist von einem Campus mit Büroflächen.

Das wäre eine neue Zäsur für das Haus, das schon so vieles war. 1894 wurde ein Teil als Straßenbahn-Wagenhalle genutzt. Am 12. September 1924 eröffnete das Filmtheater mit tausend Plätzen. Im Zweiten Weltkrieg wurde es Lazarett, später war es Wärmehalle, in der ab und zu auch Filme gezeigt wurden. Im Mai 1957 machte das neue Kino auf, das bis zur Eröffnung des International 1963 das Premierenkino Ost-Berlins und damit der gesamten DDR wurde. Nach der Wende erwarb Artur Brauner das Kino sowie die Gebäude des benachbarten Busdepots. Nach einem Um- und Neubau eröffnete das Colosseum 1997 neu. Der alte Kinosaal steht unter Denkmalschutz.

Der Denkmalschutz ist einer der Hebel, den die Kinoretter ansetzen wollen. Sie wollen Brauner dazu bewegen, an dieser Stelle weiter einen Kinobetrieb zu ermöglichen – und sei es nur im großen Saal mit seinen 525 Sitzplätzen. Drumherum sei auch eine andere Nutzung möglich und denkbar.

Über solche und mögliche andere Szenarien will Sören Benn mit Sammy Brauner sprechen. Seit Wochen sucht der Kommunalpolitiker das Gespräch mit dem Immobilienunternehmer. Bisher vergeblich. Brauner solle verstehen, dass „wir uns nicht einfach nur an die Seite stellen können und wollen. Das Colosseum ist nicht irgendein Geschäft“, so Benn. Im Übrigen glaube er nicht, „dass die Kinobranche am Ende ist. Man muss sie möglicherweise anders betreiben und mehr anbieten.“

Unterstützung erhält Benn von Andreas Kramer. Der frühere Vize-Chef des Hauptverbandes Deutscher Filmtheater (HDF) ist inzwischen Unternehmensberater. Jetzt ist er gebeten worden, „eine externe Expertise abzugeben“ – akzeptiert von beiden Seiten, wie er sagt. Unerlässlich für einen möglichen Kinobetrieb sind aus Kramers Sicht vor allem zwei Dinge: „ein schlüssiges Programmkonzept und ein richtiger Betreiber“. Mit Sammy Brauner habe aber auch er noch nicht gesprochen, sagt Kramer im Gespräch mit der Berliner Zeitung.