Bald schon ein alltäglicher Anblick: Eine Mitarbeiterin vom Gesundheitsamt mit einem Corona-Test. 
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Berlin„Intensives Husten, Fieber, Schmerzen in der Brust“. Wen diese hier nur verkürzt gedruckte Liste nicht hochfahren lässt, der hat wohl die vergangenen sechs Monate verpennt. Ist bei mir nicht so, weshalb die Textnachricht an den Freund, dem ich in dem Moment, in dem sein Handy vibriert, gegenübersitze, ohne Maske – nach einer Umarmung, wir hatten uns lange nicht gesehen – durchaus bestimmte Knöpfe drückt. Eine Woche Fortbildung hatte er mit der Absenderin der Nachricht verbracht, in einer gemeinsamen Unterkunft. Testergebnis: positiv. Ich also: Alarm.

Meine Großmutter pflegte zu sagen: „Die kleinen Sünden straft der Herr sofort.“ Den Preis für die unüberlegte Umarmung zahle ich direkt. Der nächste Morgen, 8.30 Uhr. Bei zehn Grad und zaghaftem Sonnenschein, der die kalten Finger nicht annähernd wärmen kann, steige ich vom Rad, an einem Eckhaus in Neukölln. Vor der Corona-Praxis verteilen Arzthelfer in blauen Kitteln Klemmbretter mit Fragebögen. Die Abfertigung der Alarmierten läuft auf Hochtouren.

Muss sie auch, denn außer mir stehen schätzungsweise 200 weitere Personen in zwei Richtungen vor den geöffneten Fenstern der Praxis an der Straßenecke, deren Angestellte sich zu echten Abstrich-Profis entwickelt haben. Ich seufze in meine Maske und wandere mit Klemmbrett unterm Arm die linke Schlange ab. Ob sie wirklich kürzer ist, weiß ich nicht, denn keins der beiden Enden ist vom Eckhaus aus sichtbar.

Die meisten Blicke gehen betreten zu Boden oder konzentrieren sich auf die Formulare. Eine Frau mit schwarzer Bomberjacke liest im Stehen ein Buch, alle scheinen sich der Situation klaglos zu ergeben. Was muss, das muss wohl. Kaum in das Ende der Schlange eingereiht bin schon ich nicht mehr die Letzte. Mir folgt ein Mann, der vernarrt auf sein Handy starrt, dann eine Person mit Kinderwagen, eine abgehetzte Frau mit Aktentasche. Ob sie wohl danach noch Termine hat?

Nach einer Stunde, die sich wie Stop-and-go auf einer überfüllten Autobahn zu Ferienzeiten anfühlt, komme ich in die Nähe der beiden Praxisfenster. Sie sind so mit Plexiglas abgeklebt, dass nur ein Spalt offenbleibt. Leicht unterkühlt frage ich mich, ob ich mir nicht eine Erkältung eingefangen habe, wenn nicht Corona schon längst in meinem System sitzt. Am ersten der beiden Fenster darf ich endlich meinen Fragebogen abgeben, die Arzthelferin, die für den Takt, in dem sie zu arbeiten hat, erstaunlich freundlich bleibt, lässt mich die Versichertenkarte selbst ins Lesegerät drücken.

Dann geht alles sehr schnell. Ich gebe Namen und Telefonnummer ab und stehe kurzerhand vor dem zweiten Fenster, durch das die Abstriche entnommen werden. Den Mund bitte möglichst weit aufmachen, Zunge raus, danke. Schon schiebt sich die Hand eines blauen Kittels durch den Spalt und mit ihr ein übergroßes Wattestäbchen in meinen Rachen. So kurz das Schaben im Hals ist, so lange erinnert ein trockenes Kratzen an die Blitzuntersuchung.

Man kann einen Tag mit besseren Bedingungen starten – doch nach der 48-stündigen Frist versichert mir das Ausbleiben eines positiven Bescheids zumindest erst einmal, dass ich den Alarm wieder abstellen darf. Schwein gehabt. Würde meine Großmutter sagen.