Berlin - Diese neue Zeit ist wirklich noch ganz neu und schon wieder ganz schön anstrengend. Da ist zum einen diese Sonne, die nun wieder so schön scheint: Nun wollen alle draußen sitzen. Und da sind zum anderen diese Sitzmöglichkeiten vor den kulinarischen Versorgungseinrichtungen dieser wiedererwachenden Stadt – auch Außengastronomie genannt. Da wollen viele nun wieder ein Feierabendbier trinken.

Ein entsprechender Anruf erreichte mich genau sieben Minuten vor Feierabend. Ich war durchaus einsatzwillig, hatte ich doch mein Tagwerk verbracht, aber in sieben Minuten stand auch der Feierabend in der Teststation meines Vertrauens an. Ich sprintete los: mit Handy, Geld und Maske. Pünktlich zwei Minuten vor Dienstschluss stand ich vor der Teststation. Der Arzt sagte: „Tja Jens, acht Stunden lang habe ich heute auf dich gewartet, jetzt ist es zu spät. So ein Test dauert ja auch, wenn ich jetzt nicht gehe, komme ich nie nach Hause.“

Ich ging zur nächsten Station, keine 300 Meter entfernt. Sie war auch schon geschlossen. Die nächste, weitere 300 Meter weiter, war verrammelt. Doch nach 400 Metern war eine geöffnet. Und so saß ich zum allerersten Mal in meinem Leben in einer „Nail Bar“, die mit einer Unmenge von bonbonrosa-weißen Kunstblumen ausgestaltet war. Dort wurden nun keine Nägel mehr poliert, sondern in Nasen gebohrt.

Ein Test für nur ein Bier?

Als ich 20 Minuten später bei der befreundeten Familie vor der Kneipe saß, war ich ein wenig gestresst. Diese Hektik im Alltag war wirklich ungewohnt. Doch es hörte nicht auf. Denn der Freund sagte: „Jetzt haben sich extra vier Leute testen lassen. Und das alles nur für ein Bier? Das geht nicht. Lasst uns noch essen gehen.“

Was für ein Stress. Erst dieses Rumgehetze wegen des Tests und nun die Frage: Wo gehen wir hin?

Eine Frage, die für große Ungerechtigkeit sorgen kann. Denn mein Lieblings-Thailänder hat sich nach der Öffnung der Außengastronomie sehr geärgert, dass es bei ihm so leer blieb. Immer wenn es im Lockdown erlaubt war, hatte er geöffnet. Er und seine Köche kochten das ganze Programm, als gäbe es keine Pandemie. Sie schlugen sich durch, während andere Wirte in Kurzarbeit ausharrten. Kaum aber öffneten die anderen Kneipen wieder, saßen die Leute bei denen. Sie hatten Sehnsucht nach dem, was sie die ganze Zeit nicht bekommen hatten. Wie ungerecht für die Wirte, die geackert hatten.

Unser Freund sagte: „Ich finde es gerecht, nun genau die zu unterstützen, die monatelang keine Einkünfte hatten. Deshalb trinken wir ja genau hier ein Bier.“

Gerechtigkeit ist also manchmal eine Frage der Perspektive. Wir einigten uns auf eine gerechte Abendgestaltung: Wir tranken noch eine Runde vor dieser Kneipe, die nun zum ersten Mal wieder geöffnet war, dann gingen wir thailändisch essen. An diesem Abend durften beide an uns verdienen. Und beides war perfekt.