Berlin - Es ist eine undankbare Aufgabe, einen König zu heiraten. Zwar schaut die dreizehnjährige Prinzessin Caroline Mathilde von Großbritannien das kleine Bild ihres Zukünftigen noch so träumerisch an, als sei ihr Justin Bieber versprochen. Als das Paar aber zur ersten Begegnung in zwei Kutschen auf eine neutrale Wiese gefahren wird, bleibt sie einen bangen Augenblick sitzen. Dann steigt sie aus, um sich in die Hände ihres Gemahls und an die Spitze des dänischen Reiches zu begeben. Und was wartet dort, versteckt hinter einem Baum, aus dem er nun irre kichernd hervortritt? Ein verhaltensgestörter, unberechenbarer Kasper, dessen Zustand die Ärzte damit erklären, dass er zu viel masturbiert habe.

So illuster geht es weiter in dem dänischen Wettbewerbsbeitrag „Die Königin und der Leibarzt“ von Nikolaj Arcel. Er erzählt eine bizarre, schon mehrfach verarbeitete Episode der europäischen Aufklärung: Der fortschrittliche Arzt Johann Friedrich Struensee aus Altona wird Leibarzt des geisteskranken König Christian. Er vollbringt ein kleines Wunder, indem er des Königs Vertrauen erwirbt, hatte der doch zuvor nur für seinen Hund Gefühle. Struensee gewinnt Christians Freundschaft und die Zuneigung der Königin gleich dazu. Die gebildete junge Frau, bisher nur einmal vom König rüde befummelt, kann gar nicht anders, als dem feschen Struensee in die Arme zu sinken. Das scheint den an seiner Frau völlig desinteressierten König nicht groß zu stören – im Gegenteil, eine wunderbare Freundschaft zu dritt blüht auf, nachdem es Struensee geschafft hat, Christian einer sinnvollen Beschäftigung zuzuführen. Der König posaunt eine fortschrittliche Order nach der anderen hinaus: Verbesserung der Müllabfuhr, ein Heim für ungewollte Kinder, Abschaffung der Zensur, kostenlosen Heimholservice für betrunkene Untertanen, und – nicht zu vergessen – ein Sitz im Kabinett für den Hund.

Ungebrochener Fortschrittsglauben

Erst als Caroline ein Kind von Struensee bekommt und der hintergangene König zum Gespött seines Volkes wird, schlägt die Stimmung um. Der reaktionäre Adel nutzt seine Chance, schiebt Caroline nach Deutschland ab und den wirren Christian wieder ins Abseits seiner Geistesstörung. Struensee wird als ausländischer Verräter dargestellt, der das Königshaus zersetzen wollte und Dänemark gleich mit. Vor einem johlenden Pöbel wird er geköpft, vergebens in die Menge rufend: „Ich bin einer von euch“.

Nikolaj Arcel inszeniert die Geschichte durchaus bewegend, was vor allem an Alicia Vikander liegt, Shooting Star der Berlinale 2011, die der Königin etwas Modernes, geradezu Postfeministisches verleiht. Vor allem aber liegt es an Mads Mikkelsen als Arzt. Mit langem Zopf aus wildem schwarzem Haar, eine herrliche Mischung aus Kierkegaard und Winnetou, vermag er glaubhaft zu machen, warum der Arzt den Hof derart aufwirbeln konnte.

Das Problem des Films besteht darin, dass er geschichtsphilosophisch so brav ist. Anders als der Eröffnungsfilm von Benoît Jacquot, „Les adieux à la reine“, der versucht, im bedrängten Adel Analogien zur Ratlosigkeit heute zu finden, illustriert „Die Königin und der Leibarzt“ ungebrochenen Fortschrittsglauben. Alles ist an seinem bekannten Platz: Die Schwiegermutter beim hartherzigen Adel, dieser beim Geldeintreiben, das Volk beim Verraten seiner Fürsprecher und das kommende Bürgertum im Liebesbett, Natürlichkeit reklamierend.

Die bürgerliche Liebe wetterleuchtet herzensrein im Reich der aristokratischen Finsternis, als ein höfisches Menuett einem romantischen Andante auf dem Piano weicht, was den Moment anzeigt, in dem sich Arzt und Königin ineinander vergucken. Die Musik sagt: Aufgepasst, Epochenwechsel! Und so müssen in der Folge Arzt, Königin und Baby als illegitimes bürgerliches Familienidyll unser schönes Leben von heute ankündigen. Die Gegenwart klopft sich auf die Schulter.

En Kongelig Affaere (Die Königin und der Leibarzt)

17. 2.: 11 Uhr, Haus der Festspiele; 15 Uhr, Friedrichstadt-Palast;

19. 2.: 16 Uhr, Berlinale Palast.