Originaltitel dieses Propagandafotos vom Juli 1934: „Berlin hat Durst! Hochbetrieb in einer Berliner Brauerei während der heißen Tage. Bierbrauer im werbetauglicher Formation beim Anrollen der Fässer mit dem kühlen Trunk.“
Foto: bpk

BerlinAdolf Hitler wollte eine straffe Jugend, ein wehrtüchtiges Volk – und kein versoffenes. Sein Propagandaminister wollte ein gut gelauntes, das nicht meckerte und nörgelte. Beim Bier findet das deutsche Gemüt seit alters zum Glück – wer wollte das beschränken, bloß weil Hunderttausende in den Alkoholismus wankten?

Ende der 1920-er Jahre schluckten die Berliner und Brandenburger pro Kopf und Jahr etwa 100 Liter Bier, die Bayern unfassbare 209 Liter.  In Berlin zogen die Leute in Aschingers Stehbierhallen für die schnelle Molle oder in die Eckkneipen, wo sie auf ihre Mietskasernennachbarn trafen.

In München und drumherum saß man lieber länger in Bierkeller und Biergarten bei der Maß und hielt Bier gleichermaßen für Grundnahrungsmittel und Kulturgut. 4500 Brauereien und 40.000 Hausbrauer lieferten Anfang der 1930er-Jahre den täglichen Treibstoff der kleinen Fröhlichkeit; die Branche gab vielen Arbeit. Kein Wunder, dass auch die nationalsozialistische Führung dem „deutschen Getränk“ schlechthin hohen Wert beimaß, zumal das deutsche Reinheitsgebot Heimat und Tradition bedeutete.

Gegen die „Selterswassermehrheit“

Hitler war kein Bierverächter. Als der gescheiterte und verurteilte Putschist im Gefängnis Landsberg saß, leerte er laut Häftlingsakte von 1924 viele Halbliterflaschen: 62 im Juli, 47 im August, 60 im September, 47 im Oktober.    Anderes verkündete er in seiner Rede 1935 auf dem Reichsparteitag: Auf die vielzitierte Stelle, in der er sich die deutsche Jugend „flink wie Windhunde, zäh wie Leder und hart wie Kruppstahl“ wünschte, folgt direkt eine Tirade gegen den Alkohol. Da wettert Hitler gegen den „Bierspießer“, den versoffen Dickwanst. Der „bier- und trinkfeste Bursche“ könne nicht länger als Ideal gelten, man brauche  nun „den wetterfesten jungen Mann“. Die Botschaft lautete: Finger weg vom Bier!

Und was folgte daraus? Bierverbote? Höhere Biersteuern? Eine Kontingentierung wie für andere Nahrungs- und Genussmittel? Eine Art Bierkarte? Überlegungen in diese Richtungen gab es durchaus, und zur Kriegsvorbereitung betrieb man Kalorienforschungen: Man wollte den menschlichen Mindestbedarf erkunden.

Wie Nahrungsmittel am effektivsten einzusetzen waren, gehörte zum kriegswichtigen Wissen. So zählte man jedes Gerstenkorn, das in die Braukessel ging – zumal  Malzkaffee den Devisen kostenden Bohnenkaffee ersetzte und dafür ebenfalls Gerste benötigt wurde. Aber weder die Vorstellungen vom „gesunden Volkskörper“ noch die Kriegsernährungsrechner konnten sich gegen die Stimmungspolitiker – allen voran Propagandaminister Joseph Goebbels – durchsetzen: Der sah Schlangen von Menschen, die nach Mangelware anstehen, ganz richtig, als Brutzellen der Meckerei.

Die Bierfrage im Nationalsozialismus

Wie die Bierfrage in diesem Spannungsfeld zwischen 1933 und 1945 immer wieder neu beantwortet wurde, beschreibt eine  Studie mit dem Titel „Die Kraft der deutschen Erde – Das Bier im Nationalsozialismus und die Hauptvereinigung der deutschen Brauwirtschaft in Berlin-Schöneberg“. Erarbeitet hat sie die promovierte Soziologin  Dorothea Schmidt im Auftrag der Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin (HWR), an der die inzwischen emeritierte Professorin Wirtschafts- und Sozialgeschichte lehrte.

Der Anlass für die Studie lag im eigenen Haus: Ein Campusstandort befindet sich seit 2011 in zwei imposanten Gebäuden an der Badenschen Straße in Schöneberg. Sie wurden 1939 auf arisierten Grundstücken erbaut: Haus A für die Zentrale der Hauptvereinigung der deutschen Brauwirtschaft (HVdB). Nach Kriegsende zog die KPD ein, später nutzte der Bezirk die Häuser. 2011 zog die HWR ein und interessierte sich für die Geschichte ihres denkmalgeschützten Sitzes.

Keine einheitliche Bierpolitik der Nazis

Dorothea Schmidt recherchierte vor allem das Wirken der HVdB, die 1934 den Deutschen Brauerbund (DBB) ersetzte.   Die Vereinigung pflegte die „Blut und Boden“-Idee: Bier aus der Kraft der deutschen Erde. Während die Wirtschaftsgruppe Brauerei dem Reichswirtschaftsministerium unterstand, gehörte die HVdB zum Reichsnährstand und unterstand dem Reichsministerium für Ernährung und Landwirtschaft. Schmidt beschreibt die vielfältigen Interessengegensätze zwischen Volksgesundheit und Volkszufriedenheit sowie zwischen den beiden Ministerien, Brauwirtschaft und Bierverkäufern.

Sie stellt fest: „Tatsächlich lebten die Konsumenten im Dritten Reich in einer gespaltenen Lebenswelt.“ Mal versuchte die NS-Regierung „gewisse Konsumgüter zu unterdrücken und andere zu forcieren“. Eine kohärente NS-Bier-Politik gab es nie. Als der Reichstag in den 1920er-Jahren über die Bekämpfung des Alkoholismus durch höhere Steuern diskutierte, wetterte die Fraktion der Nationalsozialisten gegen die „Selterswassermehrheit“, die Einschränkungen und Verbote forderte. Zur selben Zeit befand Hitler im Völkischen Beobachter, wenn es den Deutschen gelänge, das Gift des Alkoholismus zu bekämpfen, könnten sie auch die Welt beherrschen.

Bier oder Kanonen wurde nie diskutiert

Parallel gedieh die NS-Bewegung in Bierkellern und die straffen SA-Mannen tagten in Bierlokalen. Später endeten Reichsparteitage  regelmäßig in Bierexzessen.  Beim kollektiven Saufen blühte das Zusammengehörigkeitsgefühl der Volksgemeinschaft. Juden waren nicht geduldet, das Münchner Löwenbräu wurde als Judenbier geschmäht, solange die Brauerei einen jüdischen Geschäftsführer hatte. Dorothea Schmidt stellte fest: Während man die Frage „Butter oder Kanonen“ kanonenfreundlich diskutierte, wurde eine Entscheidung zwischen „Bier oder Kanonen“ niemals verlangt. Das Bier floss und die Wirtschaftsgruppe Brauerei freute sich über „einen nachhaltigen Impuls“ durch die Kriegsvorbereitungen. Der Bau des Westwalls 1938 belebte den Bierabsatz deutlich.

Angefochten wurde allenfalls die Qualität des Bieres. Die eine Fraktion versuchte, den Brauereiverbrauch von Malz (kurz gekeimte und getrocknete Gerste) zugunsten anderer Nutzung in der Ernährung zu drücken. Die einflussreiche Brauwirtschaft wiederum verteidigte ihren hohen Bedarf. Es ging um die Stammwürze, also die Menge an vergärbarem Malz- und Hopfenextrakt in der Würze. Die Brauer wollten unbedingt hohe Werte beibehalten; davon hing der Alkoholgehalt des Bieres ab. Das gelang bis in die Kriegsjahre hinein, allen Attacken auf die Stammwürze zum Trotz.   So verbot die HVdB im Februar 1938 die Herstellung von Starkbier mit einen Stammwürzegehalt von mehr als 16 Prozent.

Göring mit Zimmerleuten, während des Richtfestes für das Reichsluftfahrtministerium in Berlin.
Foto: akg-Images

Im Mai wurde der Erlass ohne Begründung zurückgenommen. Im folgenden Jahr versuchte es die HVdB mit einer neuen Reglementierung: Ab Dezember dürfe kein Bier mit unter neun und mehr als 10,3 Prozent Stammwürze in Verkehr gebracht werden. Kurz darauf erlaubte man  „Spezialbiere“ mit mindestens zehn Prozent.  1940 kam die Malzkaffee-Attacke, ausgeführt von NS-Gesundheitspolitikern: In Zeiten knapper Gerste sei es an der Zeit, „alkoholfreie bierähnliche Getränke“ anzubieten: Leichtbier.

Vergebens. Als im Juni wieder mal der Stammwürzegehalt sinken sollte, ließ man zugleich für zwei bayerische Wehrkreise Ausnahmen zu. Ab August 1940 durfte allgemein wieder stammwürzehaltiges Lagerbier hergestellt werden. Im April 1941 stand wieder das Leichtbier auf der Tagesordnung. Neben der Obstruktion der Brauereien wirkte ein weiterer Faktor: Nachdem die Rote Armee die deutschen Truppen bei Stalingrad vernichtend geschlagen hatte, ging es an allen Fronten mit steigenden Opferzahlen rückwärts. Um den Rückzug in den Untergang erträglicher zu machen, erklärten Chefs der Berliner Schultheiß-Brauerei stolz, man stehe „in der Versorgung der Wehrmacht an allen Fronten mit einem stärker eingebrauten Biere“ in vorderster Linie.

Soldatentrunk nach der Schlacht

Fast alles war inzwischen rationiert, nicht aber der „Sorgenbrecher“ Bier. Der wurde nur etwas teurer. Wenn Bombenopfer das „Allernötigste“ erhielten, gehörten Bierkästen dazu. 25 Prozent der Bierproduktion floss der Wehrmacht zu. Im Buch wird Generalstabsarzt Walter Kittel zitiert: „Nur ein Fanatiker wird dem Soldaten ein Genussmittel verweigern, das ihm nach den Schrecknissen der Schlacht Entspannung bringt und seine Lebensfreude steigern hilft, oder ihn tadeln, wenn er im Kreise der Kameraden einen fröhlich-frischen Trunk tut.“

Das Buch beeindruckt mit Faktenreichtum und Lebensnähe. Deutlicher als manch wuchtiges Werk führt es vor Augen, wie sich nationalsozialistische Politik nicht diktatorisch durchsetzte, sondern Volkes Wille nachspürte und entsprechend balancierte. Das Rezept funktionierte lange.

Dorothea Schmidt:

Die Kraft der deutschen Erde – Das Bier im Nationalsozialismus und die Hauptvereinigung der deutschen Brauwirtschaft in Berlin-Schöneberg“, Nomos Verlag Berlin, 2019, 58 Seiten, 26 Euro.