BerlinDer Himmel ist grau, die Straße auch; der gesamte Tag scheint in allen erdenklichen Grautönen zu versinken. Satt und tief hängen die Wolken über der Autobahn, es nieselt unentwegt. Die Reifen wirbeln dichte Wasserschwaden auf. Und die Landschaft rauscht wie hinter Milchglas vorbei. 

Sieben Kilometer vor dem Dorf Linum sind die Felder neben der Autobahn weit und leer und im Dunst kaum zu unterscheiden. Doch dort vorn liegt ein frisch gepflügtes Feld. Die Erde ist saftig und dunkel. Und in der Mitte des Feldes ist eine Unzahl grauer Punkte zu sehen: Kraniche. Viele Kraniche. Sehr viele sogar. Bestimmt 1000 von ihnen stehen derart dicht an dicht nebeneinander, dass ihre Körper zu einer hellen Masse verschwimmen. Die sonst so stolzen Vögel scheinen im Dauerregen die Flügel hängen zu lassen, stehen einfach nur still da. Das satte Braun des Bodens bietet einen wunderbaren Kontrast zu ihrem Gefieder, diesem besonderen Grau. Es leuchtet hell wie Silber.

Ein Anblick, der ein Lächeln auf die Lippen zaubert. Offenbar sehen auch einige andere Fahrer die Kraniche, die Autos werden an diesem Abschnitt der endlosen Baustelle einen Tick langsamer.

„Wir erleben gerade den Höhepunkt der diesjährigen Kranichsaison, schon bald werden die meisten wohl weitergeflogen sein“, sagt etwas später Norbert Schneeweiß, der Leiter der Naturschutzstation Rhinluch in Linum. Am Dienstag der vergangenen Woche zählten die Naturschützer allein in dieser Region 68.430 Kraniche.

Der noch immer recht jung und agil wirkende Mann mit den weißen Haaren ist beim Landesumweltamt eigentlich der Fachmann für seltene Amphibien in Brandenburg, doch er muss auch Kranich-Experte sein, denn seine Station in einem alten roten Backsteinbau steht nun mal in Linum.

Linum ist eines der drei Storchendörfer in Brandenburg, also ein Ort, in dem es Störchen so gut geht, dass sie sich dort ihre Horste gebaut haben. Eigentlich aber müsste Linum als Kranichdorf bezeichnet werden. Denn an dem Örtchen, 40 Kilometer nordwestlich der Berliner Stadtgrenze, befindet sich der größte Rastplatz für Kraniche in ganz Deutschland.

Mit Norbert Schneeweiß geht es hinaus zu den ehemaligen Fischteichen, die gleich hinter den letzten Häusern des Dorfes beginnen. Sie sind der Kern eines besonderen Naturschutzgebietes. Die Fischteiche wurden von den Menschen seit vielen Jahren nicht mehr betrieben, erzählt er. „Aber sie werden weiterhin von uns Menschen genutzt – für die Kraniche.“ Im Herbst sorgen die Naturschützer dafür, dass immer reichlich flaches Wasser in den Teichen ist. Außerdem werden möglichst viele Wiesen überschwemmt, damit die Vögel dort schlafen können.

Dass sich die Kraniche zu Zehntausenden versammeln, passiert nur einmal im Jahr. Im Herbst. Die Kraniche sind eigentlich Familientiere, sie kommen meist einzeln im Frühjahr aus ihren Überwinterungsgebieten im Süden zurück, paaren sich und ziehen recht versteckt in überschwemmten Wäldern über den Sommer ihre Jungen groß.

Wenn sich langsam die Kälte übers Land legt, wenn die Tage kürzer werden und die Nächte länger, wenn fast alle Felder abgeerntet sind und es immer weniger zu fressen gibt, dann wissen die Kraniche, dass ihr Aufenthalt hier bald endet. Dann kommen die vielen Familien zusammen. Sie bilden quasi ein Volk, das sich versammelt, um gemeinsam vor dem kalten europäischen Winter zu fliehen und gen Süden zu fliegen, dorthin, wo es wärmer ist.

Und Linum ist ihr liebster Sammelplatz. Das liegt am Menschen, denn solche Orte müssen zwei Bedingungen erfüllen. Es muss gute Fressplätze geben: Ideal sind abgeerntete Maisfelder, auf denen noch Körner zu finden sind. Wichtig sind aber vor allem gute Schlafplätze, am besten knietief überflutete Wiesen, in denen die Kraniche nachts stehend schlafen. 

Kraniche suchen in Brandenburg Futter auf einem abgeernteten Feld.
Foto: imago images/Karina Hessland

So wie in Linum, einem alten Feuchtgebiet. Doch wie sieht es nach dem dritten Dürrejahr in Folge aus? Norbert Schneeweiß steigt auf einen Aussichtsturm. Er erzählt, dass es diesmal noch schwieriger war, genügend Wasser bereitzustellen. Die Gegend war ziemlich ausgetrocknet, also wurde in den Teichen so viel Wasser wie möglich gesammelt.

Vor dem Turm steigt ein Silberreiher elegant in den Himmel. Die Teiche sind voller Wasser, aber es reichte nicht, um so viele Wiesen wie früher zu fluten. „Dabei mögen die Kraniche die Wiesen viel mehr, weil sie so eine bessere Sicht haben“, sagt er.

Wir gehen weiter. Der Regen sorgt dafür, dass die Natur wie frisch gewaschen aussieht. An manchen Stellen liegt so viel Herbstlaub auf dem Boden, dass die Blätter einen weichen Teppich ergeben.

Norbert Schneeweiß freut sich, dass es gemeinsam mit den Wasserverbänden gelungen ist, doch noch halbwegs genügend Wasser für die Kraniche abzuzweigen. Aber er erzählt auch, dass er eine beängstigende Beobachtung gemacht hat, von der noch nicht klar ist, ob sie zu verallgemeinern sei. Auf der Suche nach Amphibien ist er oft in der Uckermark unterwegs, in einer Gegend, in der viele heimische Kraniche im Frühjahr brüten. Er erzählt, dass die Elterntiere eigentlich ab Mai mit ihren Jungtieren auf den Wiesen zu sehen sind. „Aber ein sehr hoher Anteil unserer nistenden Kraniche blieb dieses Jahr erfolglos.“

Die Kraniche bauen sich in Flachgewässern eigene Inseln mit ihren Nestern. „Doch das Wasser ist unter den Nestern weggetrocknet.“ Dann seien oft Wildschweine gekommen, die die Eier aus den Nestern holten. 2020 ist hier wohl ein Jahr mit wenigen Jungtieren. „So extrem war es noch nie, und ich mache das schon ein paar Jahrzehnte“, sagt der 60-Jährige. „Der Klimawandel ist also bei unseren Kranichen  angekommen.“

Wie es in anderen Brutgebieten aussieht, werden die Daten zeigen. Auch in Osteuropa hat es nicht öfter geregnet. In Brandenburg sind derzeit bis zu 150.000 Kraniche auf Durchreise. Doch bei diesem Durchzug werden schon lange keine Rekordwerte mehr gemeldet. In Linum stieg die Zahl seit 1990 jedes Jahr. Der Höhepunkt war 2014 mit 130.000 Kranichen erreicht, inzwischen hat sich der Wert bei 70.000 eingepegelt. Es spricht einiges dafür, dass die osteuropäische Population schrumpft. Vielleicht eine Momentaufnahme, vielleicht ein Trend.

Vogelflug in V-Formation.
Foto: imago images/Simone Kuhlmey

Nun steht der Höhepunkt des Tages an. Nicht so sehr für die Kraniche, die fliegen einfach nur zu ihren Schlafplätzen. Für Menschen jedoch ist dieser abendliche Einflug Zehntausender Kraniche ein beeindruckendes Naturspektakel. Diese Vögel werden weltweit als Glückstiere verehrt. Sie faszinieren viele, selbst bei diesem miesen Wetter sind zwei Dutzend Leute angereist, um sie zu bestaunen.

Sie stehen nun im Nieselregen und schauen in den grauen Himmel. Felix Bräutsch erzählt, wie toll es für ihn beim ersten Mal hier war. „Ein leuchtender Sonnenuntergang, knallorange und tiefrot. Wie eine Postkarte“, sagt der 58-jährige Berliner. „Und dann kamen die ersten Kraniche, und dann wurden es immer mehr.“ Er schaut in die Höhe und zuckt mit den Schultern. „Aber bei diesem Himmel.“

Dann sind die ersten Rufe der Kraniche zu hören. Zu sehen sind sie nur durchs Fernglas. Plötzlich sind sie da. Ein riesiger Schwarm zieht über den Himmel, ständig wechseln die Bilder, mal fliegen die Tiere in einer langen Linie, dann in mehreren. Plötzlich zerfällt die Gruppe der etwa 400 Tiere. Viele kleinere Gruppen fliegen in V-Formation und finden wieder zusammen. Begleitet wird alles von ihren kilometerweit zu hörenden Rufen. Die Menschen lauschen dem Gesang der Kraniche. Bräutsch sagt: „Bei schlechter Sicht konzentriert man sich automatisch viel mehr auf die Laute. Bei schönem Wetter geht ein wenig verloren, wie beeindruckend die Trompetenrufe sind.“

Am nächsten Abend ist der Himmel noch immer grau über Linum, aber es regnet nicht mehr. Die Dorfstraße ist ordentlich zugeparkt von Autos aus Berlin und Brandenburg, aber auch aus Hamburg, aus Regensburg, Dortmund, Wittenberg, München. Weit mehr als 100 Leute sind unterwegs, meist in kleinen Gruppen.

Besonders schön ist es natürlich, wenn auch noch der Abendhimmel golden leuchtet.
Foto: imago images

„Während des Lockdowns dürfen wir ja keine Führungen mehr machen“, sagt Elisabeth Reimer. An diesem Wochenende ist sie noch einmal im Einsatz. „Ich bin ganz in der Nähe aufgewachsen, bei Oranienburg“, erzählt die 31-Jährige. „Aber auf die Kraniche habe ich früher nie geachtet.“ 2013 jedoch habe sie ein Freiwilliges Ökologisches Jahr in der Naturschutzstation gemacht. Sie habe die Leidenschaft der Naturschützer erlebt und überall den Ruf der Kraniche gehört. „Tja, dann habe ich mich in diese Vögel verliebt.“ Sie sei der Magie der Natur verfallen. „Aber es geht auch um den sozialen Faktor. Ich habe hier engagierte Leute kennengelernt und gemerkt, wie dringend wir gebraucht werden“, sagt Reimer, auf deren Mundschutz zwei Kraniche zu sehen sind – was sonst?

Oben am Himmel zieht wieder ein großer Tross der Vögel vorbei und setzt an zur Landung im Naturschutzgebiet. Seit sieben Jahren macht Elisabeth Reimer Führungen, in diesem Herbst war sie jedes Wochenende hier. „Ich habe mein Geschichtsstudium bald fertig“, erzählt sie. Aber als Historikerin wird sie nicht arbeiten, sondern hier in Linum. Hauptamtlich ist sie bei einem Forschungsprojekt in der Naturschutzstation dabei, dazu kommen die Führungen des Naturschutzbundes. Das Pensum ist beachtlich. An diesem Wochenende absolviert sie gleich drei Einsätze. Eine Führung am Samstagabend, dann eine am Sonntag um sieben Uhr und eine um 15 Uhr. „Alles ehrenamtlich“, sagt sie und freut sich über die Leute, die staunend in den Himmel starren. 

Reimer gehört zu jenen Menschen, denen es bei der Arbeit nicht nur ums Geld geht, sondern um die Sache an sich – möglichst um eine gute Sache. „Ich weiß, dass ich hier nicht reich werden kann, aber das ist nicht das Wichtigste. Es ist ganz einfach eine wunderbare Arbeit. Eine Arbeit, die ich gern mein ganzes Leben lang machen möchte“, sagt sie.

Der Flugtag ist fast vorbei. Die Dunkelheit senkt sich über die weiten Wiesen, und nur ab und an noch schweben ein paar Kraniche ein. Unten schauen und lauschen die Menschen und erzählen sich, was sie bei den Führungen über die majestätischen Vögel gelernt haben. Links gleitet eine Vierergruppe der Tiere dahin. Völlig lautlos, ohne einen einzigen Ruf. „Da muss niemand rufen, weil keiner aus der Familie verloren gegangen ist“, sagt eine Frau halblaut. „Die Kraniche in den großen Gruppen rufen meist nur, weil sie in der Masse ihre Angehörigen suchen.“